Interview "Die WM 2006 gibt Impulse"

Fußball-Aktien als defensives Investment? Ingo Süßmilch von der WGZ-Bank erläutert im Gespräch mit manager-magazin.de, warum zumindest zwei von 38 europäischen Fußball-Aktien eine Kauf-Empfehlung wert sind.
Von Christian Buchholz

mm.de:

Würden Sie Fußballaktien kaufen, wenn Sie kein Fan wären?

Süßmilch: Nicht unbedingt. Es ist zumindest vorteilhaft, wenn man sich für den Sport interessiert. Gerade in der Fußballbranche gibt es – auch unter Privatleuten – viele, die sich für das Thema begeistert und gut informiert sind.

mm.de: Ein Blick auf den Tabellenstand und die Teilnahme an internationalen Wettbewerben reicht nicht aus?

Süßmilch: Nicht ganz – obwohl diese beiden Faktoren zumindest kurzfristig natürlich kursbeeinflussend sind. Das macht die Fußballaktien übrigens transparenter und berechenbarer als die Anteilsscheine vieler anderer Branchen: Anders als bei Enron oder Tyco stehen wichtige Fakten für jedermann nachprüfbar fest, sobald ein wichtiges Spiel beendet ist.

mm.de: Wer Gewinn aus einem BVB-Sieg ziehen will, kann doch gleich einen Toto-Schein kaufen. Da verdient man sogar mit Hebel-Effekt.

Süßmilch: Man geht aber auch ein ungleich höheres Risiko ein. Das Kernargument für einen Aktionär sollte vielmehr sein: Der sportliche Erfolg nährt den wirtschaftlichen Erfolg. Darauf kann man sich verlassen – und das ist langfristig auch erfolgversprechender als die Totoschein-Taktik.

mm.de: Seit dem Börsengang von Borussia Dortmund hat sich der Verein wirtschaftlich nicht schlecht entwickelt – der Kurs ist aber nicht nachhaltig gestiegen.

Süßmilch: Das lässt den Schluss zu, dass die Aktie unterbewertet ist. Die Vorstände Meier und Niebaum haben seit dem Börsengang einiges erreicht: Sie haben die Diversifikation vorangetrieben, den Stadionneubau zum Festpreis von 32 Millionen Euro unter Dach und Fach gebracht, den Kader verstärkt und ein neues Trainingsgelände mit angeschlossenem Fußballinternat eingerichtet. Diese Verbesserungen für die Zukunftsaussichten des Unternehmens schlagen sich im Kurs noch nicht nieder.

mm.de: Leider ebenso wenig wie die sportlichen Erfolge…

Süßmilch: Wenn sie den Kursverlauf vergleichen mit anderen Medien- und Entertainment-Indizes vergleichen, denn hier sind die Fußballaktien anzusiedeln, hat sich die BVB-Aktie sehr stabil gehalten. Selbst die Kirch-Krise hat nicht zu übertriebenen Kurseinbrüchen geführt. Da hat das Unternehmen mit seinen sportlichen Erfolgen gegengehalten.

mm.de: Mit Frings, Metzelder und Kehl haben die Borussen zudem das Nationalteam verstärkt, das bei der WM überraschend gut abgeschnitten hat. Wenn die WM 2006 in Deutschland gespielt wird, kann das den Fußballaktien noch einmal Aufschwung geben?

Süßmilch: Eindeutig, aber die positiven Impulse werden schon viel früher wirken.

mm.de: Das wäre doch ein geeigneter Zeitpunkt für andere Bundesliga-Clubs, an die Börse zu gehen.

Süßmilch: Kurzfristig wird das nicht passieren, dazu ist das Börsenumfeld aktuell einfach zu widrig. Aber wenn sich die Stimmung an den Märkten aufhellt, sind aus unserer Sicht Schalke, Hertha und Bayern aussichtsreiche Kandidaten für ein IPO.

Warum das Ausscheiden des FC Bayern aus der Champions-League den Verein 30 Millionen Euro kosten könnte.

mm.de: FC-Bayern Vorstand Karl-Heinz Rummenigge hat vor wenigen Tagen erklärt, dass das Ausscheiden aus der Champions-League den Verein 30 Millionen Euro kostet. Ist dieser Betrag realistisch?

Süßmilch: Diese Summe halte ich für zu hoch gegriffen. Für die Teilnahme an der Champions-League hat Bayern bereits rund zehn Millionen Euro bekommen. Dazu addieren sich einige Millionen Euro aus den Einnahmen des Qualifikationsspiels, das die Bayern zusätzlich absolvieren mussten. Der Verein hat zwar aus dem Wettbewerb nicht die Erträge gezogen, die möglich gewesen wären – aber ein 30-Millionen-Euro-Loch hat sich auch nicht aufgetan.

mm.de: Eine erhebliche Belastung für alle Bundesliga-Vereine und andere europäische Top-Ligen war aber doch der Zusammenbruch des Kirch-Imperiums?

Süßmilch: Das Ereignis hatte als negative Seite einen Einnahmenverlust von rund 20 Prozent aus den TV-Lizenzrechten für die Vereine zur Folge, das ist richtig. Auf der anderen Seite sind aus diesem Grund aber auch die Ablösesummen für Spielereinkäufe drastisch gesunken, ja geradezu kollabiert. Während man hier also vereinsseitig sparen konnte, gibt es auch von den Spielern offensichtlich die Bereitschaft, in der Krise auf Geld zu verzichten. So hat der Finanzvorstand von Borussia Dortmund, Michael Meier, berichtet, dass sein Team Bereitschaft signalisiert hat, bei Prämien und Gehältern geringere Summen zu akzeptieren. Ich denke, dass die Top-Vereine gestärkt aus der Krise hervorgehen werden.

mm.de: Trotzdem werden weiter deutsche Spitzen-Spieler ins Ausland abwandern. Reiner Calmund, Chef bei Bayer 04 Leverkusen, sagte kürzlich, man müsse "froh sein über jeden Top-Spieler, der einem deutschen Verein trotz immens besserer Verdienstmöglichkeiten im Ausland die Stange hält".

Süßmilch: Das stimmt für den Moment. Aber ab 2004 wird die UEFA für alle Vereine in der EU ein Lizensierungsverfahren nach dem deutschen Modell einführen. Damit rückt die Wirtschaftlichkeit auch in Europa stärker in den Mittelpunkt. Das Gehaltsniveau wird sich damit in der Region auf ein vergleichbares Maß einpendeln – ein Vorteil für die deutsche Fußballlandschaft.

mm.de: Ein Nachteil für den Ruf der Branche ist sicherlich das Gerücht, Fredi Bobic habe nach seinem Weggang beim BVB Aktien des Vereins behalten. Mit einem schlechten Spiel gegen den BVB hätte er – wenn der Vorwurf zutrifft - theoretisch den Wert seiner Aktien aktiv erhöhen können. Werden sich solche Fälle künftig häufen?

Süßmilch: Nein. In den DFL-Vertragsbedingungen gibt es einen Passus, in dem konkret ausgeschlossen wird, dass ein Spieler Aktien eines anderen Vereins besitzen darf. Und im Fall Bobic gilt für mich die Aussage des BVB-Vorstands, dass beim Wechsel des Spielers die Aktienfrage geregelt worden sei. Für einen Fußballprofi wäre der genannte Trick aus vielerlei Gründen ein viel zu riskantes Geschäft.

mm.de: Apropos Geschäft – Welche Fußballaktien empfehlen Sie dem Privatanleger zum Kauf?

Süßmilch: Von den 38 börsennotierten Vereinen in Europa sind derzeit Borussia Dortmund und Juventus Turin ein Kauf. Daneben sehen wir die erfolgreiche Aktie von Manchester United als Basis-Investment an. Aber, wie gesagt, der Anleger sollte den Spielbetrieb immer im Blick haben. Gerät ein Verein in den Kampf gegen den Abstieg, wird der Börsenkurs sich ähnlich verhalten.

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