Luftfahrt Preiskampf am Himmel

Airline-Aktien werden wieder hoch gehandelt. Terroranschläge und schwache Konjunktur haben die Branche durchgerüttelt, doch inzwischen gilt zum Beispiel Lufthansa als Exempel für gelungenes Krisenmanagement. Die Gewinner der Krise könnten durchstarten – wenn nicht Billigflieger für neue Turbulenzen sorgten.

Das Alptraumjahr scheint abgehakt. Rund 18 Milliarden Dollar Verlust haben die Luftfahrtgesellschaften weltweit im Jahr 2001 verbucht. Die Zahl der Fluggäste, ohnehin rückläufig, brach nach dem 11. September massiv ein. Obwohl die Airlines zahlreiche Maschine stillegten, fiel auch die Auslastung der europäischen Fluggesellschaften auf nur noch 70 Prozent. Für die angeschlagenen Swissair und Sabena waren diese Belastungen zuviel: Sie fielen dem nach Verbandsangaben "schlimmsten Jahr in der Geschichte der Branche" zum Opfer.

Erholung lässt sich Zeit

Wer solche Turbulenzen übersteht, dürfte künftig umso höher steigen. Lufthansa und Air France sind wieder auf Erholungskurs und erfreuen sich bei Anlegern und Analysten wachsender Beliebtheit. Doch erst im Jahr 2004 dürfte die Krise wirklich ausgestanden sein, meinen Beobachter: Zu groß ist die Gefahr, dass ein Krieg im Irak oder eine neue Serie von Terror-Attentaten wie kürzlich auf Bali die Erholung in der Branche wieder zunichte macht. Ein steigender Ölpreis wäre ebenso Gift wie eine Zurückhaltung der Passagiere.

Noch fliegt die Angst mit. Nach Angaben des Verbandes der Touristikwirtschaft wird allein der deutsche Reisemarkt auch im laufenden Jahr um rund zehn Prozent schrumpfen. Der Internationale Verband der Fluglinien (IATA) rechnet auch für das Jahr 2002 mit Verlusten von insgesamt rund zehn Milliarden Dollar, wobei allerdings zwei Drittel auf die US-Airlines entfallen. United Airlines und US Airways haben den Sturm noch nicht überstanden: Ihnen droht das gleiche Schicksal wie Swissair und Sabena für den Fall, dass die US-Regierung die noch im Vorjahr großzügig verteilten Milliarden-Subventionen kürzen sollte. American Airline, Continental und Delta dagegen seien bereits wieder stabil genug, um einen Krieg im Irak zu überstehen, meinen die Analysten von Salomon Smith Barney. Allerdings hat Delta-Chef Leo Mullin noch im Oktober angekündigt, wegen der "dramatisch zurückgegangenen Nachfrage" angekündigt, 8000 Stellen abzubauen.

Europäische Marktführer gut aufgestellt

Für die großen Fluggesellschaften in Europa sieht es da schon etwas komfortabler aus. Auch die Deutsche Lufthansa war im Vorjahr um mehr als 600 Millionen Euro ins Minus gerutscht, allerdings waren Abschreibungen auf die Catering-Tochter LSG Sky Chefs für einen Großteil des Verlustes verantwortlich. Entschlossenes Krisenmanagement zeigte Wirkung: Ein harter Sparkurs, Gehaltsverzicht des Personals, der Abbau von Kapazitäten und das Effizienzsteigerungsprogramm D-Check brachten Lufthansa bereits in diesem Jahr wieder zurück in die Gewinnzone.

Nach Angaben von Lufthansa-Finanzvorstand Karl-Ludwig Kley dürfte das Gewinnziel von 500 Millionen Euro in diesem Jahr sogar übertroffen werde, falls sich die vorsichtige Erholung der Konjunktur fortsetzt. In diesem Fall sollen bereits 2003 wieder 2500 Lufthansa-Mitarbeiter eingestellt werden. Die Airline habe rechtzeitig verschlankt und sei für das kommende Jahr gut aufgestellt, so eine Studie der HypoVereinsbank. Auch Air France und British Airways gehören zu den Kandidaten, denen ein kräftiges Wachstum und ein Comeback an der Börse zugetraut werden. Air France hat bereits mit seinem Gewinn im Jahr 2001 bewiesen, dass die Airline zu den rentabelsten Fluglinien der Welt gehört. British Airways profitiert zwar ebenso wie Lufthansa und Air France von seinem großen Allianzsystem, hat aber besonders auf seinem Heimatmarkt mit der Konkurrenz durch Billigflieger wie Easyjet und Ryanair zu kämpfen.

Preisbrecher greifen an

Die Discount-Airlines setzen nun auch den Platzhirschen auf dem Kontinent immer stärker zu. Ob für 19 Euro von Hamburg nach London oder für 39 Euro von Frankfurt nach Berlin: Kunden haben sich an Kampfpreise gewöhnt, und die wachsende Konkurrenz verdirbt die Gewinnmargen. Die britische Easysjet will mit dem Kauf der Deutschen BA zum Branchenführer im Billigsegment aufsteigen, wo sich nach Schätzung von Beobachtern in Kürze bis zu zehn Konkurrenten eine Preisschlacht liefern dürften. Die irische Ryanair weitet ihr Streckennetz aus und bietet vom Provinzflughafen Frankfurt-Hahn zusätzliche Flüge nach Rom, Stockholm und Barcelona an. Easyjet und Ryanair schreiben bereits schwarze Zahlen, während die KLM-Billigmarke Buzz noch in der Verlustzone steckt.

"Günstige Tickets, sichere Maschinen und sonst nichts", lautet das Rezept von RyanAir-Chef Michael O´Leary. Die Fluggäste müssen für einen Snack an Bord extra zahlen und können nicht reservieren, denn im Billigflieger herrscht freie Platzwahl bei geringerem Sitzabstand. Außerdem nehmen sie die Anreise zu kleineren Flughäfen wie Hahn im Hunsrück oder Lübeck auf sich – dort sind die Abfertigungsgebühren deutlich niedriger. Analysten rechnen damit, dass die Billigflieger jährlich um acht Prozent wachsen: Das US-Vorbild Southwest Airlines hat zeitweise sogar zweistellige Wachstumsraten geschafft. Nach einer Studie der Unternehmensberatung Mercer sind die Billigflieger in der Lage, ihren Marktanteil in Europa bis zum Jahr 2010 von derzeit fünf auf 20 Prozent zu steigern.

Kampf um die Margen

Den Großen bleibt nichts anderes übrig, als mit eigenen Billigangeboten dagegenzuhalten. Die Lufthansa steigt mit eigenen Billigangeboten und der Beteiligung an Germanwings in den Preiskampf ein, und auch der Touristikriese TUI plant eine eigenen Discount-Fluglinie. Der Preiskampf über den Wolken dürfte einige der frisch gestarteten Billigflieger bald unter die Profitschwelle drücken. Gleichzeitig knabbert er aber auch an den Margen der Großen und dürfte die Erholung in der Branche verlangsamen – mit den neuen Discount-Angeboten ab November lockt die Lufthansa zwar neue Kunden, nimmt aber auch Abschied von den alten Margen.

Netzwerkgeschäft bleibt bei den Großen

Dennoch gibt es für die etablierten Airlines keinen Grund zur Panik. Nach einer Einschätzung der HypoVereinsbank sind die meisten Fluggäste der Discount-Airlines Neukunden, die vorher Auto oder Bahn genutzt haben. Der Markt werde sich in zwei Segmente aufteilen: Billigflieger bedienen diejenigen, die zeitlich flexibel sind und für ein günstiges Ticket auch weitere Wege zum Regionalflughafen in Kauf nehmen. Geschäftsleute und Reisende auf internationalen Flügen sind jedoch weiterhin auf die großen Airlines angewiesen: Mit ihren großen Streckennetzen, Landerechten und internationalen Allianzen besitzen Lufthansa, British Airways & Co ein Netzwerk, das ihnen die Preisbrecher so schnell nicht streitig machen können.

Den Managern der großen Airlines bleibt außerdem die Hoffnung, dass mit einem Anziehen der Konjunktur im nächsten Jahr auch die Reisen in der hochprofitablen Business Class wieder zunehmen. Sind mehr Geschäftsreisende unterwegs, lässt sich die Konkurrenz der Preisbrecher leichter ertragen. Flugkonzerne, die durch das Krisenjahr und die neue Konkurrenz rechtzeitig wachgerüttelt worden sind und ihre Kosten in den Griff bekommen haben, können Preiskampf und Verdrängungswettbewerb gelassen entgegen sehen.

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