Interview "Ein faires Instrument"

Aktien mit Rabatt sind verlockend - doch was tun, wenn das Unternehmen auf Grund läuft? manager-magazin.de sprach mit Rolf Drees, Sprecher der Fondsgesellschaft Union Investment, und Herbert Hofmann, Mitarbeiter des Ifo-Instituts für Wirtschaftsforschung, über Chancen und Risiken der Mitarbeiteraktien.

mm.de:

Vergünstigte Mitarbeiteraktien sind als Bonus gedacht. Angesichts des Kursrutsches bereiten sie den Zeichnern aber derzeit wenig Freude. Mitarbeiter der Allianz versuchen angeblich sogar, ihre Kaufaufträge für die aktuelle Ausgaberunde wieder zurückzuziehen. Haben Belegschaftsaktien auf Grund des zähen Bärenmarktes ausgedient?

Hofmann: Mitarbeiteraktien bleiben volks- und betriebswirtschaftlich ein sinnvolles Instrument. Über eine stärkere Kapitalbeteiligung der Mitarbeiter kann sich ein Unternehmen finanzielle Spielräume verschaffen. Zugeständnisse der Arbeitnehmer beim Fixgehalt sind eher möglich, wenn ihnen im Gegenzug eine Beteiligung über Mitarbeiteraktien angeboten wird. Durch den höheren Anteil an Eigenkapital kann die Firma auch ihre Kapitalstruktur verbessern. Außerdem sehen viele Befürworter die Mitarbeiter-Kapitalbeteiligung als Anreiz, um die Motivation der Mitarbeiter auch in schwierigen Zeiten zu erhöhen.

Drees: Belegschaftsaktien sind ein faires Instrument, das die Beteiligung der Mitarbeiter an Chancen und Risiken bietet. Im Gegensatz zu vielen Aktienoptionsprogrammen für Führungskräfte erfordern Mitarbeiteraktien eine Eigenbeteiligung und haben daher nicht diesen ärgerlichen Freibier-Charakter wie die Optionsprogramme für einige Topmanager. Das Prinzip ist einfach: Mitarbeiter können Aktien ihres Unternehmens zu vergünstigten Preisen kaufen oder erhalten statt des Rabattes auf den Kurs zusätzliche Gratisaktien. Ist die Gewinn- und Börsenentwicklung erfreulich, profitieren auch die Mitarbeiter stärker. In schlechten Zeiten tragen sie dagegen auch einen Teil des Risikos mit, das allerdings durch den Rabatt auf die Aktien abgefedert wird. Für das Unternehmen bringt die Beteiligung den Vorteil, dass es seine Kosten der Konjunktur anpassen und flexibler agieren kann.

mm.de: Geht eine Firma pleite, schauen Mitarbeiter-Aktionäre allerdings gleich doppelt in die Röhre.

Hofmann: Das Problem für Arbeitnehmer, die sich stark in Mitarbeiteraktien engagieren: Sowohl ihr Arbeitseinkommen als auch ein Teil ihres Geldvermögens hängen letztlich von der Solvenz desselben Unternehmens ab. Geht die Firma pleite, sind Arbeitsplatz und finanzielle Rücklagen futsch. Daher ist eine Risikostreuung sinnvoll: Man sollte sein Human- und sein Geldkapital nicht an einer Stelle konzentrieren. Eine Minderung des Risikos wäre, kapitalbeteiligte Arbeitnehmer im Insolvenzfall deutlich besser zu stellen als externe Kapitaleigner.

Drees: Natürlich dürfen Belegschaftsaktien nicht zum entscheidenden Bestandteil der Altersvorsorge werden. Beispiele wie aus den USA, wo ehemalige Enron-Mitarbeiter ihre Altersversorgung auf jetzt wertlosen Aktien aufgebaut haben und nun kaum noch ihre Miete zahlen können, sollten nicht Schule machen. Vorstellbar wäre zum Beispiel, etwa zehn Prozent des Gehalts durch Beteiligungsprogramme abzudecken. Ein höherer Anteil birgt zu große Risiken.

Sonderwege: Je tiefer der Kurssturz, desto größer der Vorteil

mm.de: Bei den meisten Unternehmen ist die Zahl der Aktien, die zu Sonderkonditionen erworben werden können, ohnehin begrenzt. Dennoch sind die Beteiligungsprogramme sehr unterschiedlich gestaltet: Die Deutsche Bank zum Beispiel gewährt einen absoluten Abschlag von 7,70 Euro je Aktie, und DaimlerChrysler legt für den Ausgabepreis einen Tageskurs zu Grunde. Macht das Sinn?

Drees: Ein prozentualer Abschlag für die Mitarbeiter ist sicherlich besser als ein absoluter. Beispiel Deutsche Bank: Je tiefer die Aktie fällt, desto größer die prozentuale Vergünstigung für die Mitarbeiter. Steigt sie zum Stichtag deutlich an, erzielt die Belegschaft prozentual weniger Rabatt. Das kann nicht im Sinn aller Aktionäre sein. Auch eine Orientierung an einem bestimmten Tageskurs wie bei DaimlerChrysler ist problematisch. Es lädt dazu ein, den Kurs zum Stichtag in eine bestimmte Richtung zu drücken. Eine Lösung wäre hier die Orientierung an einem Wochendurchschnittskurs.

mm.de: Bislang bleibt es dem einzelnen Mitarbeiter überlassen, ob er Belegschaftsaktien zeichnet oder nicht. Welche Chancen hätte ein Vorhaben, das Modell niedrigerer Fixkosten und stärkerer Kapitalbeteiligung als verbindliches Modell durchzusetzen?

Hofmann: Das Angebot einer Kapitalbeteiligung am Unternehmen sollte eine freiwillige Leistung bleiben. Wird eine Beteiligung vorgeschrieben, muss man auch Vorkehrungen zum Insolvenzschutz treffen. Bei einem Mitarbeiterdarlehen oder einer Schuldverschreibung zum Beispiel ist gesetzlich zwingend vorgeschrieben, dass eine Bankbürgschaft oder eine Versicherung das Insolvenzrisiko absichern muss.

Dies ist beim Erwerb von Mitarbeiteraktien derzeit nicht der Fall, auch dann nicht, wenn der Erwerb steuerbegünstigt ist. Unternehmen und Belegschaft müssen nur dann Vorkehrungen zum Insolvenzschutz treffen, wenn vermögenswirksame Leistungen beim Kauf von Mitarbeiteraktien eingesetzt werden. Dieses Verfahren wählen allerdings nur wenige - laut einer Ifo-Studie werden nicht einmal ein Prozent aller jährlichen vermögenswirksamen Leistungen für Mitarbeiterbeteiligungen genutzt.

Weil es bei Nichtbeachtung der Insolvenzschutzvorschrift keine Sanktionen gibt, existiert bislang bei der Verwendung von Belegschaftsaktien für die Vermögensbildung nur ein geringer Schutz vor Insolvenzrisiken. Der Mitarbeiter sollte in jedem Fall auf das Risiko hingewiesen werden. Er wird sich nur dann für Mitarbeiteraktien entscheiden, wenn er mit den Risiken leben kann.

Mitarbeiterbeteiligung: Zwischen Motivation und Risiko

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