Mitarbeiterbeteiligung Zwischen Motivation und Risiko

Seit Jahrzehnten können Mitarbeiter von Aktiengesellschaften zu günstigen Konditionen Anteile am eigenen Unternehmen erwerben. Angesichts der einbrechenden Börsen gerät das viel gepriesene Modell jetzt unter Druck.
Von Arne Stuhr

Was wäre eine Hauptversammlung der Deutschen Bank oder bei DaimlerChrysler ohne die zahlreichen Belegschaftsaktionäre? Wahrscheinlich könnten die Aktionärstreffen in der hauseigenen Kantine durchgeführt werden. So aber muss man beim Stuttgarter Autobauer schon seit Jahren nach Berlin – immerhin auch ein Produktionsstandort – fliehen, um im Notfall neben dem Congress Centrum auch die angrenzenden Messehallen als Tagungsort nutzen zu können. Lösungen mit Großzelten am Stammsitz in Schwaben erwiesen sich als untauglich.

Jahrelang waren die hauseigenen Mitunternehmer pflegeleichte Investoren. Attraktive Abschläge und einmal im Jahr Würstchen und Kuchen "vom Daimler" waren genug an interner Investor Relations.

Der aktuelle Crash an den Börsen dürfte mittlerweile aber auch die Belegschaftsaktionäre aufgeschreckt haben, denn ihre vermeintlich günstig erworbenen Anteile sind von der Realität zum Anti-Schnäppchen degradiert worden.

Keine Rückabwicklung bei Kurseinbruch

Bei der Allianz sieht es noch schlimmer aus. Die Konditionen der aktuellen Belegschaftsrunde sind bereits vor der Ausgabe der Aktien an der Börse eingeholt wurden. Allerdings müssen nach einem Bericht der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" (FAZ) alle Allianz-Mitarbeiter, die bereits für die Aktien gezeichnet haben, diese auch zum vereinbarten Preis von 79,80 Euro ins Depot nehmen. "Ein Rückzug schon erteilter Aufträge ist nicht möglich", zitiert die FAZ einen Konzernsprecher. Da die sich zum Stichtag 11. September – die Allianz notierte an diesem Tag bei 114 Euro – ergebene Differenz trotz des weiter gefallenen Kurses als geldwerter Vorteil versteuert werden muss, zahlen die Mitarbeiter faktisch drauf.

Auch bei der Deutschen Bank müssen die Mitarbeiter zusehen, wie ihre mit einer Verkaufssperre – die in diesem Jahr erworbenen Aktien dürfen bis Ende 2004 nicht abgestoßen werden – belegten Vorzugspapiere aus vergangenen Jahren an Wert verlieren. Allerdings kommen die Banker durch den zurzeit niedrigen Kurs der Deutsche-Bank-Aktie und einen festgelegten Bonus von 7,70 Euro zu einem Abschlag in Höhe von rund 20 Prozent. "Zusätzlich erhalten die Mitarbeiter noch Optionen, die frühestens nach zwei Jahren ausgeübt werden können", so ein Deutsche-Bank-Sprecher.

Doppelter Boden bei DaimlerChrysler

Auch bei den DaimlerChrysler-Mitarbeitern liegt in der Börsenschwäche die Chance, sich günstig mit bis zu 30 Daimler-Aktien zu versorgen – der entscheidende Stichtag war der 11. Oktober. Sollte der Kurs bis zum 4. November weiter nachgeben, werden die schon gezeichneten Papiere sogar zu diesem niedrigeren Kurs ausgegeben. Ein schwacher Trost: Denn an den Verlusten bei bereits in den vergangenen Jahren gekauften Aktien ändert dieser Sicherheitsmechanismus freilich nichts.

Von Szenarien wie in den USA, wo zum Beispiel Mitarbeiter des Skandal-Unternehmens Enron nicht nur ihren Job, sondern auch ihre komplette Altersvorsorge verloren, sind die Deutschen noch weit entfernt. Aber auch hier zu Lande kann aus einer Gewinn- eine Verlustbeteiligung werden. Beispiel Babcock: Schon vor einigen Jahren hatten die Mitarbeiter beim inzwischen insolventen Maschinenbaukonzern auf Gehaltsteile verzichtet und dafür Belegschaftsaktien erhalten. Aktueller Kurs: unter 40 Cent.

Solidarität hat Grenzen

Probleme ganz anderer Art mit seinen Belegschaftsaktien hatte dieses Jahr George W. Bush. Der US-Präsident hatte in seiner Zeit als Manager beim texanischen Öl-Unternehmen Harken im Rahmen eines Aktienoptionsplans Anteile erworben und diese 1990 kurz vor dem Zusammenbruch des Unternehmens verkauft. Der Verdacht des Insiderhandels konnte durch Ermittlungen aber nicht erhärtet werden.

Zumindest zeigt dieser prominente Fall, dass der Besitz von Anteilen an einem Unternehmen die Solidarität mit dem Arbeitgeber nicht ins Grenzenlose wachsen lässt. Dem Vorteil, neue Mitarbeiter mit der Möglichkeit der finanziellen Beteiligung für sich zu gewinnen und die Motivation für den "gemeinsamen Erfolg" aufrechtzuerhalten, sollte aber auch oder gerade wegen der Krise an den Kapitalmärkten nicht die Berechtigung abgesprochen werden. Die flexiblere Gestaltung der Gehälter und eine wachsende Bonität des Unternehmens bleiben wichtige Wettbewerbsvorteile.

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