Pharma-Branche Harte Landung in der neuen Welt

Ihren Ruf als sichere Häfen für Anleger haben Pharma-Aktien spätestens seit dem Kurssturz in diesem Jahr verloren. Pfizer, Glaxo und Co begegnen neuen Realitäten und werden sich gewaltig strecken müssen, um die alten Wachstumsmargen wieder zu erreichen.

Vorbei die Zeiten, da Pharma-Aktien als krisensichere Investments galten. Auch marktbeherrschende Konzerne wie Pfizer, Merck, GlaxoSmithKline oder Aventis mussten seit Januar Kursverluste zwischen 30 und 40 Prozent hinnehmen.

Auf eine schnelle Erholung zu alten Höhen sollten Anleger nicht bauen: Die Unternehmen aus der Arzneiindustrie, die ihre Anleger einst mit zweistelligen Zuwachsraten verwöhnten, müssen sich auf harte Konkurrenz einstellen. Die nationalen Krankenkassen sind zum Sparen gezwungen und dürften dem Umsatzwachstum der Konzerne künftig enge Grenzen setzen.

Alte Erfolgsformel gilt nicht mehr

Zwar gelten Gesundheit und Wellness immer noch als Megatrend des 21. Jahrhunderts. Die Bevölkerung in den westlichen Industriestaaten wird immer älter und viele Senioren verfügen auch - noch - über das nötige Geld, um mittels diverser Arzneien, Pillen und Kuren fit zu bleiben.

Mit dem medizinischen Fortschritt wachsen auch die Anwendungsgebiete: Was früher noch als unheilbar galt, kann heute mit neuen und meist kostspieligen Mitteln therapiert werden.

Doch auf die Erfolgsformel "alternde Bevölkerung plus medizinischer Fortschritt gleich mehr Umsatz und Rendite" kann sich die Pharmabranche nicht mehr verlassen. Zu groß ist der Druck auf die öffentlichen Kassen: Nicht alles, was gut und neu ist, darf auch teuer sein. Hinzu kommen weitere Probleme, die es den Pharmakonzernen erschweren, an ihre alte Erfolgsstory anzuknüpfen.

60 Milliarden Dollar Umsatz in Gefahr

Blockbuster verlieren Patentschutz

Viele Arzneimittelhersteller sind unter Zeitdruck geraten. Der Patentschutz für ihre Hauptumsatzträger läuft ab und noch fehlen neue Produkte, um die Lücke zu schließen.

Ein großer Konzern wie Merck oder Pfizer benötigt mindestens vier so genannte "Blockbuster" – also Präparate mit mehr als einer Milliarde Umsatz pro Jahr – um seine erfolgsverwöhnten Anleger weiterhin mit zweistelligen Wachstumsraten zu beglücken.

Allerdings bricht der Umsatz eines ehemaligen Erfolgspräparates ein, sobald der Patentschutz endet und Hersteller günstigerer Nachahmerprodukte (Generika) auf den Markt drängen.

Bis zum Jahr 2005 endet weltweit der Patentschutz von Arzneimitteln im Wert von rund 60 Milliarden Dollar - dies wird in die Bilanz der großen, forschenden Konzerne tiefe Löcher reißen, sollten sie nicht rechtzeitig Nachfolger für ihre Erfolgsgaranten entwickeln.

Nachahmer sind schnell zur Stelle

Hohe Forschungskosten – geringer Output

Entsprechend groß sind die Investitionen, die in Forschung und Entwicklung neuer Medikamente fließen. Knapp 50 Milliarden Dollar investiert die Branche pro Jahr, doch der Output an neuen Medikamenten stockt. Preis der Hightech-Medizin: Es wird immer teurer und aufwändiger, neue Präparate zu entwickeln, welche die hochentwickelten Medikamente der Konkurrenz vom Markt drängen könnten. "Die Kosten für die Forschung steigen, doch die Ergebnisse sind ernüchternd", heißt es zum Beispiel beim Schweizer Pharmakonzern Novartis.

Nachahmer sind schnell zur Stelle

Dabei stehen die Arzneientwickler mehr denn je unter Druck. Denn viele Pharmahersteller – in Deutschland zum Beispiel Stada oder Ratiopharm – haben sich auf das Geschäft mit Generika spezialisiert und gönnen den Großen keine Verschnaufpause mehr. Sobald der gesetzliche Patentschutz fällt, ist das deutlich günstigere Nachahmerpräparat auf dem Markt.

So brach der Umsatz des von Eli Lilly hergestellten Antidepressivums Prozac binnen acht Wochen um mehr als 60 Prozent ein. Bristol Myers erreichte mit seinem Spitzenprodukt Glucophage nur noch 20 Prozent Marktanteil – acht Wochen, nachdem der Schutz vor Generika-Konkurrenz gefallen war.

Die Eile der Konkurrenz stachelt die Firmenjuristen der forschenden Unternehmen zu Höchstleistungen an: Sie versuchen durch zahlreiche Zusatzpatente einen verlängerten Schutz für ihre Topprodukte zu erreichen – und stoßen dabei auf wachsenden Widerstand der Politik.

Der Druck zum Sparen wächst

Der Druck zum Sparen wächst

Denn die Sozialkassen können sich weiter steigende Arzneiausgaben nicht mehr leisten, es sei denn, sie heben ihre Beitragssätze noch einmal deutlich an. In Deutschland sind die Ausgaben für Medikamente in den vergangenen Jahren um durchschnittlich elf Prozent pro Jahr gewachsen, in den USA waren es sogar mehr als zwölf Prozent. Beim Versuch, die Ausgaben zu begrenzen, wenden sich auch die Gesundheitspolitiker immer stärker den günstigeren Generika zu.

In Deutschland zum Beispiel gilt seit Juli die "aut idem" Regel, die den Apotheker verpflichtet, vom Arzt verordnete Medikamente durch preiswertere Generika zu ersetzen. Dadurch stehen nach Angaben der Pharmabranche etwa zwei Milliarden Euro Umsatz zur Disposition. Auch die Patienten, die sich an den Kosten ihrer Medikamente beteiligen, fragen häufiger nach günstigen Alternativen.

Die Konsolidierungswelle hält an

Dies bedeutet Gegenwind für die großen Konzerne, die noch immer viel Geld in Forschung und Entwicklung ihrer Produkte investieren. Eine Konsolidierungswelle hat die Branche erfasst: Unternehmen versuchen, durch Fusionen und Übernahmen die Forschung effizienter zu gestalten und gleichzeitig das Vertriebsnetz zu stärken. Pfizer, mit 25 Milliarden Dollar Umsatz 2001 der weltgrößte Pharmakonzern, hat diesen Weg durch die Übernahme von Pharmacia bereits beschritten.

Die Aktionäre bleiben jedoch misstrauisch, der Aktienkurs ist nach der Übernahme weiter abgesackt. Ob durch noch mehr Größe die alte Wachstumsmarge erreicht werden kann, muss sich noch erweisen.

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