Aktienoptionen Milliardenfalle im Bilanzgeflecht?

Stock Options gelten als Instrument raffgieriger Manager. Aktionärsschützer fordern jetzt strengere Bilanz-Richtlinien. Die Optionsprogramme sollen künftig in der Gewinn- und Verlustrechnung aufgeführt werden. Sinnvoll ist das nicht.
Von Harald Grimm

Investmentguru Warren Buffet fand deutliche Worte: "Wenn Aktienoptionen keine Vergütung für Leistung sind, was sind sie dann? Wenn die Vergütungen keine Kosten sind, was sind sie dann? Wenn die Kosten nicht in der Gewinn- und Verlustrechnung auftauchen, wo dann?" Buffet argumentiert, dass die für Führungskräfte ausgehandelten Optionspläne einen Teil der Vergütung darstellen und deshalb - ähnlich wie das normale Gehalt - in der Gewinn- und Verlustrechnung des Unternehmens aufgeführt werden müssten. Den Investoren würde andernfalls ein mitunter millionenschwerer Kostenfaktor verschwiegen.

Dieser Forderung haben sich auch etliche Aktionärsschützer und Fondsgesellschaften angeschlossen. So drängt unter anderem die Schutzgemeinschaft der Kleinaktionäre (SdK) darauf, die jährlichen Aufwendungen eines Optionsprogramms als Personalkosten auszuweisen. Und die Union Investment KgAG hielt jüngst in einer Studie fest: "Werden die Kosten der Optionsprogramme in der Gewinn- und Verlustrechnung nicht berücksichtigt, wird die tatsächliche Ertragslage der Unternehmen falsch dargestellt. Denn Optionsprogramme zählen eindeutig zu den Personalkosten."

IAS-Regeln werden überarbeitet

Buffet & Co. haben sogar Schützenhilfe von den Bilanzpäpsten aus London bekommen: David Tweedie, Präsident des International Accounting Standards Board (IASB) deutete an, dass mit der neuen IAS Rechnungslegung Aktienoptionen als Kostenfaktor aufgeführt werden müssen. Die überarbeiteten Regeln werden ab 2005 für rund 7000 an der Börse notierten Unternehmen in Europa verbindlich sein.

Bislang müssen in den Bilanzen, die nach IAS erstellt werden, Optionspläne nicht in der Gewinn- und Verlustrechnung aufgeführt werden. Ausführliche Angaben sind jedoch für den Anhang vorgeschrieben. Eine ähnliche Regelung gilt auch im deutschen Handelsrecht. Im HGB werden Informationen zum Optionsplan im Anhang vorgeschrieben.

Ein Wahlrecht haben Unternehmen, die nach US-GAAP bilanzieren. Zwei Varianten stehen zur Auswahl: SFAS 123 und APB 25. Nach beiden Regelungen sind Aktienoptionen im Personalaufwand zu verbuchen. Allerdings bietet APB 25 die Möglichkeit, Aktienoptionen nicht im Aufwand auszuweisen, da der Bezugspreis der Optionen mit dem aktuellen Aktienkurs bei der Ausgabe der Optionen gleichgesetzt werden kann. Damit wäre der Aufwand gleich null. Die meisten Unternehmen entscheiden sich für diese Form der Bilanzierung.

Der Aktionär zahlt für die Aktienoptionen

Der Aktionär zahlt

Eine Bilanzierung in der Gewinn- und Verlustrechnung ist jedoch häufig nicht sinnvoll, in Buffets Argumentationskette hat sich ein Fehler eingeschlichen. Denn Aktienoptionspläne werden meist nicht vom Unternehmen, sondern von seinen Aktionären bezahlt.

Der Grund: Die benötigten Aktien für das Optionsprogramm werden über den Weg einer Kapitalerhöhung geschaffen. Das Unternehmen erleidet dabei keinen Mittelabfluss. Der Leidtragende ist der Anleger, schließlich wird der Gewinn pro Aktie (EPS) auf Grund der höheren Anzahl an ausgegebenen Papieren "verwässert". Dies wirkt sich negativ auf das Kurs-Gewinn-Verhältnis (KGV) aus, das als Bewertungsgrundlage dient.

Für das Unternehmen wird ein Aktienoptionsprogramm nach diesem Schema erst dann kostspielig, wenn über ein Rückkaufprogramm die Bewertungskennzahlen geschönt werden sollen. Dann werden Aktien am Markt gekauft und eingezogen.

Was ist eine Option wert?

Kritiker der ertragswirksamen Bilanzierung von Optionsprogrammen weisen zudem darauf hin, dass der Wert einer Option nur schwer zu ermitteln ist. Aber wenn Stock Options in der Gewinn- und Verlustrechnung aufgeführt werden sollen, müssen sie auch eindeutig bestimmbare Kosten aufweisen.

Der faire Wert der Option wird meist mit dem aus der Finanzmathematik bekannten Black-Scholes-Modell ermittelt. Dieses wurde jedoch für kürzere Laufzeiten entwickelt, lässt sich also für Jahre dauernde Aktienoptionsprogramme nur bedingt verwenden. Das Unternehmen muss zudem komplexe Parameter schätzen beziehungsweise finden, so zum Beispiel die

  • Laufzeit der Optionen

  • Sperrfristen und Ausübungsbeschränkungen

  • Schwankungsanfälligkeit der Aktie

  • zu erwartende Dividende

  • absoluten und relativen Erfolgsziele

Schon kleine Ungenauigkeiten potenzieren sich in der Berechnung auf Grund der langen Laufzeit zu bedeutsamen Fehlern. Als Grundlage für eine vertrauenswürdige Bilanz können die Ergebnisse nicht dienen.

Die "Geisterdiskussion" in Deutschland

"Geisterdiskussion" in Deutschland

Michael Kramarsch, Partner bei der Unternehmensberatung Towers Perrin und Spezialist für Führungskräftevergütung, bewertet die Forderung, Aktienoptionen als Personalaufwand zu bilanzieren, sogar als "gefährlich" für den deutschen Markt. Eine "Geisterdiskussion" finde statt, bei der Unternehmen Bilanzverschleierung vorgeworfen wird, obwohl diese gar nicht stattfinde. Selbst wenn der - nur schwer zu ermittelnde - Aufwand für die Aktienoptionen bilanziell erfasst würde, wäre kein Steuerabzug für das Unternehmen möglich. Zudem sei der Vorwurf, dass Optionsprogramme Milliardenbeträge in den Bilanzen versteckten, falsch.

Kramarsch hält die derzeit gültigen Richtlinien in Deutschland für ausreichend, in vielen Punkten den US-Regeln sogar für überlegen. Anders als in den USA müssten in Deutschland:

  • Optionspläne von der Hauptversammlung beschlossen werden

  • Aktionäre über die wesentlichen Elemente der Optionspläne informiert werden

  • Optionspläne Erfolgsziele beinhalten
Weitergehende gesetzliche Rahmenbedingungen oder Änderungen des deutschen HGB seien deshalb nicht notwendig.

Bezüge in einem "angemessenen Verhältnis"?

Die derzeit herrschende Vertrauenskrise ist damit allerdings noch nicht gelöst. Laut Aktiengesetz müssen die Bezüge des Vorstands in einem "angemessenen Verhältnis" zu den Aufgaben und zur Lage des Unternehmens stehen. Ob Gehalt und Aktienoptionen für einen Topmanager jedoch wirklich "angemessen" sind, kann ein Anleger kaum noch beurteilen. Angesichts der vielen Unternehmensskandale drängt sich vielen Aktionären der Vorwurf der Selbstbedienungsmentalität von Managern auf.

Kramarsch fordert deshalb mehr Transparenz statt neuer Bilanzrichtlinien. Aktionäre müssten in jedem Geschäftsbericht detailliert mit allen Einzelheiten zu den Stock Options informiert werden statt einmal jährlich auf der Hauptversammlung. Zudem müssten Unternehmen verpflichtet werden, die Erfolgsziele und Wartefristen ihrer Aktienoptionsprogramme offen zu legen und genauer aufzuschlüsseln, welche Führungskräfte wie viel bekommen. Derzeit wird nur die gesamte Vorstandsvergütung als eine Summe bekannt gegeben.

Aktienoptionen: "Tendenz zur Selbstbedienung"


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