Indizes Neues Spiel, neues Glück

Einmal pro Jahr werden im Dax die Karten neu gemischt. Sechs Namen sind diesmal im Spiel. Ein Gewinner der Index-Neuordnung steht jetzt schon fest. Doch die Kurschancen der Dax-Aufsteiger sind kleiner, als viele glauben.

Möglich, dass Altana in den Dax aufsteigt und Epcos dafür seinen Platz räumen muss. Unwahrscheinlich, dass es auch den Finanzdienstleister MLP erwischt und dafür die Deutsche Börse aus dem MDax in den Elite-Index rückt. Vorstellbar, dass sogar Beiersdorf per "Vorratsbeschluss" als Dax-Nachrücker benannt wird, sollte Degussa bei einer Übernahme durch die RAG aus dem Index fallen. Wirklich sicher ist beim jährlichen Stühlerücken nur eines: Anleger und vor allem Indexfonds werden ihre Depots umschichten, und die Deutsche Börse AG wird ebenso wie die Banken prächtig an den daraus entstehenden Handelsumsätzen verdienen.

Weiche Regeln und viel Geheimnistuerei

Diskretion ist Ehrensache. Am 13. August treffen sich die elf Mitglieder des "Arbeitskreises Aktienindizes" der Deutschen Börse hinter verschlossenen Türen. Die Mitglieder, Vertreter von zehn großen Banken und Anlagegesellschaften, werden unter dem Vorsitz von Heinz-Jürgen Schäfer über Veränderungen in Dax, MDax, Nemax und SDax beraten. Diese "Geheimtreffen" finden streng abgeschirmt statt, doch bereits Wochen vorher wird intensiv mit den Papieren der Auf- und Abstiegskandidaten spekuliert.

Die sogenannten Rennlisten, die der Geheimgesellschaft als Grundlage für ihre Empfehlung dienen, sind ohnehin öffentlich. Nach der sogenannten 35/35 Regel kann die Aktie eines Unternehmens in den Dax aufgenommen werden, wenn sie sowohl beim Börsenumsatz als auch mit ihrem Börsenwert unter die ersten 35 Plätze der Rangliste gelangt. Stichtag für die jüngste Rennliste der Deutschen Börse war der 31. Juli, an diesem Tag wurden der durchschnittliche Umsatz und die durchschnittliche Marktkapitalisierung der vergangenen zwölf Monate bestimmt.

Warum das Umsatz-Kriterium so wichtig ist

Überraschungen gehören dazu

Danach erfüllen der Pharmakonzern Altana (Börsenumsatz Rang 30, Börsenwert Rang 23), die Deutsche Börse AG (34, 24) und Beiersdorf (33,28) die Kriterien für den Dax, während Epcos (22, 39) bangen muss. MLP (21, 35) hat am Stichtag die Dax-Kriterien noch knapp erfüllt, der Börsenwert ist im August jedoch weiter gesunken. Allein die Unsicherheit, ob dies die Entscheidung beeinflussen könnte, hat für große Aufregung und hektische Transaktionen unter den Anlegern gesorgt.

Denn der Arbeitskreis läßt sich nicht in die Karten schauen. Er kann ein Unternehmen auf Grund der genannten Kriterien ausschließen, muss aber nicht. Was der Arbeitskreisvorsitzende vornehm "Entscheidungsspielraum" nennt, wird von vielen Fondsmanagern als "windelweicher Kriterienkatalog" und "Spiel mit Unsicherheiten" kritisiert. "Wenn auf Grund einer Index-Veränderung Milliarden Euro bewegt werden, sollten die Regeln für die Veränderung transparent und verbindlich sein", moniert ein Fondsmanager einer deutschen Großbank.

Doch am Ende einer Arbeitskreissitzung sind stets Überraschungen möglich: Das Gremium gibt eine Empfehlung ab, die der Vorstand der Deutschen Börse in der Regel ohne Einschränkungen umsetzt. Mögliche Umbesetzungen im Index werden dann am 20. September vorgenommen. Ganz gleich, welche Kandidaten es dann geschafft haben: Das Karussell hat sich gedreht, und Anleger warten auf die nächste Rangliste im nächsten Jahr.

Favoritenkür "wie in Hollywood"

Nicht nur der "Ermessensspielraum" der Deutschen Börse schürt Unsicherheit und stößt bei Fondsmanagern auf Kritik. Vielen Anlageprofis ist unverständlich, warum ausgerechnet der Börsenumsatz wichtiges Kriterium für eine Aufnahme in den Dax sein soll. "Wer im Dax gelistet ist und damit im Blickpunkt des Interesses steht, bringt es naturgemäß auch auf höhere Umsätze als ein Unternehmen aus der zweiten Reihe", sagt Juergen Meyer, Fondsmanager beim Bankhaus Julius Bär. Damit habe das Umsatzkriterium den Charakter einer "self fulfilling prophecy" und diene etablierten Unternehmen als Abwehrbollwerk, um aufstrebenden Unternehmen den Zugang zum Dax zu erschweren.

Den entscheidenden Grund, an diesem Kriterium festzuhalten, sieht Meyer jedoch bei der Deutschen Börse selbst: Das Umsatzkriterium sei ein wirksames Instrument der Deutschen Börse AG, um den Umsatz mit den gehandelten Papieren anzutreiben – schließlich verdient sie am Handelsumsatz und nicht an der Marktkapitalisierung der im Index gelisteten Unternehmen. "Das ist ein bisschen wie in Hollywood – dort bekommen auch meist diejenigen Filme Oscars, an denen Hollywood am besten verdient", sagt Meyer. Wer als Aufstiegskandidat für viel Aufsehen sorgt, in punkto Börsenumsatz einem Dax-Dickschiff Konkurrenz macht und damit auch die Kassse der Deutschen Börse AG klingeln läßt, erhöht seine Chancen für den Ritterschlag.

Die Risiken für die Aufsteiger

Indexfonds hecheln hinterher

Für den Anlageprofi des Schweizer Bankhauses bekommt das jährliche Wechselspiel der Deutschen Börse einen faden Beigeschmack, weil Indexfonds, die ihren Index haarklein abbilden, mit umfangreichen Käufen und Verkäufen auf jede Veränderung reagieren. "Ein Index ist sinnvoll, um zu messen, wie sich die Börse entwickelt", sagt Meyer. Da die Indextracker den Indizes jedoch blind hinterherlaufen, werde das Börsenbarometer dadurch zu einem aktiven Instrument. "Ein Index, der etwas messen soll, bestimmt das Handelsgeschehen auf diese Weise selbst mit. Das ist fragwürdig", so Meyer.

Der Fondsmanager des "German Value Stock Fund" richtet sich beim Investieren nicht nach Indizes, sondern nach den Bilanz-Kennzahlen der Unternehmen. "Im Dax sind nicht die 30 größten, sondern die 30 teuersten Unternehmen Deutschlands versammelt", sagt Meyer. Der Elite-Index diene auch dem Ziel, die Kurse der Auserwählten hochzutreiben. Indexfonds müssten Absteiger wohl oder übel verkaufen und Aufsteiger kaufen, selbst wenn diese zu Mondpreisen gehandelt werden: "Das ist Herdentrieb in Höchstform."

Risiko für die Dax-Aufsteiger

Der Kursabsturz von MLP und Infineon zum Beispiel habe auch damit zu tun, dass sie völlig überteuert im Dax platziert wurden. Die Wahrscheinlichkeit, dass ein Dax-Aufsteiger nur für kurze Zeit von seinem Einzug in die Oberklasse profitiere und die Kurse danach ins Rutschen geraten, sei hoch. Die Entscheidungen der Deutschen Börse über die Zusammensetzung der Indizes seien außerdem so intransparent, dass sich eine Prognose über Auf- und Absteiger nicht lohne: "Ich achte auf die Fundamentaldaten der Unternehmen", sagt Meyer. "Egal, ob sie in erster oder zweiter Reihe stehen."

Meyer steht mit seiner Kritik nicht allein. Für viele Anlageexperten ist nicht nachvollziehbar, dass die Deutsche Börse AG bei ihrer Index-Zusammenstellung noch eine Reihe "weiche Faktoren" in den Blick nimmt, während sich zum Beispiel der Londoner FTSE-Index ausschließlich an technischen Daten orientiert. Der Arbeitskreis der Deutschen Börse beharrt jedoch auf seinem Entscheidungsspielraum und rückt bei Bedarf auch weiche Kriterien wie Branchenzugehörigkeit, Streubesitzquote oder Indexkontinuität in den Vordergrund: Für Investoren werden Entscheidungen damit schwer berechenbar. Da eine Aufnahme in den Dax das Interesse der internationalen Finanzwelt weckt, müssten die Kriterien nachvollziehbar sein.

Fall MLP - Unsicherheit und wilde Transaktionen

Unsicherheit schmeckt dem Markt nicht

Auch das Ziel der "Indexkontinuität" dürfe nicht bedeuten, dass meist nur Fusionen und Übernahmen für Bewegung im Dax sorgen. Das Kriterium Umsatzvolumen, das häufig gehandelten Werten auf lange Sicht einen Platz im Index sichert, wurde zum Beispiel vom Indexanbieter Stoxx Ltd. bereits vor vier Jahren abgeschafft. Für Unzufriedenheit sorgt auch, dass selbst die beiden harten Kriterien Börsenwert und Börsenumsatz nicht konsequent befolgt werden.

Die Unruhe um MLP hielt zum Beispiel noch bis Mitte August an, obwohl der Finanzdienstleister rückblickend vom Stichtag 31. Juli das Börsenwert-Kriterium mit Ach und Krach erfüllt hat. Nach dem Streit um die Bilanzen und dem Kurssturz wäre es ein Zeichen von "Kapitalmarkthygiene", wenn MLP den Dax verlassen müsse, meint Werner Schirmer, Analyst der Landesbank Baden-Württemberg. Doch allein die anhaltende Diskussion auch nach Veröffentlichung der Liste sei Zeichen einer Verunsicherung der Anleger und könne nicht im Interesse eines Index-Anbieters sein.

Wie immer das Spiel am 13. August auch ausgeht: Das regelmäßige Stühlerücken in den Indizes trägt direkt zu Umsatz und Ergebnis der Deutschen Börse AG bei. Aufstiegskandidat Altana hat zum Beispiel noch im Juli vorab seine Geschäftszahlen veröffentlicht, um rechtzeitig vor dem Stichtag noch einen Impuls für den Aktienkurs zu geben und den Umsatz hochzutreiben. Der rege Handel mit Altana-Aktien nützt auch der Deutschen Börse: Diese hat trotz der Krise an den Aktienmärkten Umsatz und Gewinn im zweiten Quartal weiter verbessert. Damit steigen die Chancen, sich in absehbarer Zeit selbst in den Dax zu heben.

Dax-Absteiger: Leben in der zweiten Reihe

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