Dax-Absteiger Leben in der zweiten Reihe

Die Aufnahme in den elitären Kreis der 30 größten deutschen Konzerne gleicht einem unternehmerischen Ritterschlag. Aber wie verkraften ehemalige Erstligisten den Rauswurf aus dem Dax?
Von Arne Stuhr und Harald Grimm

Der 1. Juli 1988 war für den deutschen Kapitalmarkt ein historischer Tag. Basierend auf dem Index der Börsenzeitung und dem Hardy-Index wurde der Dax ins Leben gerufen. Das deutsche Börsenbarometer wurde von Beginn als Performance-Index konstruiert. Das heißt, in die Berechnung fließen auch Dividenden und Kapitalveränderungen ein.

Die Einführungszusammensetzung bestand aus: Allianz, BASF, Bayer, BMW, Bayerische Vereinsbank, Bayerische Hypo-Bank, Commerzbank, Continental, Daimler, Degussa, Deutsche Babcock, Deutsche Bank, Dresdner Bank, Feldmühle, Henkel, Hoechst, Karstadt, Kaufhof, Linde, Lufthansa, MAN, Mannesmann, Nixdorf, RWE, Schering, Siemens, Thyssen, Veba, Viag und Volkswagen.

Datum d.
Änderung
Datum d.
Ankündig.
ausgeschiedene
Gesellschaften
neue Gesellschaften
03. 09. 90 22 .05. 90 Feldmühle Nobel Metallgesellschaft
03. 09. 90 22 .05. 90 Nixdorf Preussag
18. 09. 95 18. 07. 95 Deutsche Babcock SAP
22. 07. 96 06. 01. 96 Kaufhof* Metro
23. 09. 96 16. 07. 96 Continental Münchener Rück
18. 11. 96 16. 07. 96 Metallgesellschaft Dt. Telekom
19. 06. 98 26. 05. 98 Bay. Vereinsbank* HypoVereinsbank
19. 06. 98 26. 05. 98 Bay. Hypo- und Wechsel-Bank* Adidas Salomon
21. 12. 98 05. 11. 98 Daimler* DaimlerChrysler
21. 12. 98 05. 11. 98 Thyssen* ThyssenKrupp
22. 03. 99 03. 02. 99 Degussa* Degussa-Hüls
20. 09. 99 20. 07. 99 Hoechst Fresenius Med. C.
14. 02. 00 10. 02. 00 Mannesmann Epcos
19. 06. 00 10. 05. 00 Veba* Eon
19. 06. 00 10. 05. 00 Viag* Infineon
18. 12. 00 14. 11. 00 Degussa-Hüls Degussa**
19. 03. 01 14. 02. 01 KarstadtQuelle Deutsche Post
23. 07. 01 26. 06. 01 Dresdner Bank MLP
Quelle: Deutsche Börse AG
* nach Verschmelzung
** nach Fusion mit SKW

Von den 30 Gründungsmitgliedern des Dax sind in ihrer ursprünglichen Form nur noch 13 im Index gelistet. So wurden zum Beispiel Veba und Viag zu Eon verschmolzen, die beiden "Bayern-Banken" bündelten – begleitet von einer Schlammschlacht der Vorstandschefs – ihre Kräfte, Mannesmann und Dresdner Bank mussten nach den Übernahmen durch Vodafone beziehungsweise Allianz mangels Streubesitz ihre Plätze räumen und Daimler-Benz ging in den USA auf eine als Fusion getarnte Einkaufstour.

Gänzlich unfreiwillig mussten drei große Namen der deutschen Wirtschaft ins zweite Glied treten. Die beiden "Dax-Dinos" Karstadt (seit 1999 KarstadtQuelle) und Continental sowie die bereits 1881 gegründete Metallgesellschaft wurden von Münchener Rück, Deutscher Telekom und Deutscher Post aus der Beletage der deutschen Wirtschaft verdrängt.

Lieber ein großer Fisch im kleinen Teich

Fest in der Branche verankert

Die Betroffenen sehen die "Herabstufung" aber weit weniger dramatisch als vermutet. "Die Beachtung durch die Wirtschaftspresse ist nicht dadurch weniger geworden, dass wir seit ein paar Jahren statt im Dax im MDax gelistet sind", fühlt sich Andreas Meurer, Pressechef bei Continental, auch in der zweiten Reihe wohl.

Natürlich hätten sich Fonds, die sich ausschließlich am Dax orientierten, von der Aktie getrennt. Da man aber weiterhin fest in seinem Segment, beim Reifenhersteller Continental die Autobranche, verankert sei, könne von einer Abkoppelung vom Kapitalmarkt keine Rede sein. "Schlimmer wäre es, wenn wir keine Aktiengesellschaft mehr wären", verweist Meurer auf Unternehmen wie zum Beispiel Bosch. Denn obwohl der Konzern zu den umsatzstärksten Unternehmen Deutschlands zählt, fristet er in der Medienlandschaft ein Schattendasein.

Lieber ein großer Fisch im kleinen Teich

Beim Kaufhaus- und Versandkonzern KarstadtQuelle, der im März 2001 den Dax verlassen musste, saß der Schock etwas tiefer. "Wir sind schon überrascht worden, da wir eigentlich die Kriterien erfüllt hatten. Da unser Streubesitz aber zu gering war, zogen wir im Hinblick auf die geplanten neuen Regeln gegenüber Adidas den Kürzeren", sagt Detlef Neveling, Leiter der Investor Relations bei KarstadtQuelle. Im Nachhinein ist er aber über die Entscheidung nicht mehr unglücklich: "Es war schlecht für uns, andauernd als Abstiegskandidat gehandelt zu werden. Jetzt sind wir halt ein großer Fisch im kleinen Teich."

Mit der Entwicklung des Aktienkurses nach dem Wechsel in den MDax war IR-Manager Neveling zufrieden: "In 2001 haben wir den Dax deutlich outperformed." Den aktuellen negativen Kursverlauf begründet er mit der konjunkturellen Situation. Das habe nichts mit Dax oder MDax zu tun, so seine Analyse. Neveling macht aber keinen Hehl daraus, dass für ihn die Berücksichtigung im obersten Börsensegment für das Image eines Unternehmens und die Motivation der Mitarbeiter nicht zu unterschätzen sei.

Das Ausland nimmt nur den Dax wahr

Die Verbannung aus dem Dax ist also kein Beinbruch. Unternehmen, die ständig als Wackelkandidat in einem Index gehandelt werden, spielen in den Portfolios der Fondsmanager meistens sowieso nur eine geringe Rolle. Stattdessen besteht die Gefahr, dass die von Spekulanten geschürte Unruhe sich in das Unternehmen überträgt und das operative Geschäft beeinträchtigt. Allerdings darf nicht unterschätzt werden, dass sich ausländische Investoren kaum die Mühe machen, Aktien unterhalb des Dax zu beobachten und das die Top-Nachwuchskräfte noch immer am liebsten in der ersten Liga anheuern.

Indizes: Wer von der Neuordnung profitiert

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