Interview "Europa zeigt erschreckende Parallelen zu Japan"

Die US-Notenbank hat in der Krise die richtige Strategie gewählt, sagt Ulrich Beckmann, Leiter Global Markets Research bei der Deutschen Bank. In Euroland drohten dagegen eher japanische Verhältnisse mit sinkenden Preisen und geringem Wachstum.

mm.de

: Immer mehr Beobachter befürchten, dass die schwachen Aktienmärkte auf die Konjunktur zurückschlagen werden. Vor allem der US-Verbraucher, die wichtigste Stütze der amerikanischen Wirtschaft, werde auf Grund der Vermögensverluste an den Börsen weniger konsumieren und die Unternehmen weniger investieren. Teilen Sie dieses Szenario?

Beckmann: Schwache Aktienbörsen sind kein gutes Umfeld für die Unternehmen. Die Konzerne werden vermutlich ihre Investitionspläne überdenken, zumal die Möglichkeiten der Finanzierung abnehmen. Ähnlich ist die Situation bei den Konsumenten. Insbesondere wer Aktien hält, spürt natürlich die Auswirkungen der Baisse. Die Verbraucher könnten ihre Kaufentscheidungen aufschieben. Möglicherweise wird sich die Sparquote weiter erhöhen; und aktuell ist das schlecht für die Wirtschaft.

mm.de: Wie stark schätzen Sie die Wechselwirkung zwischen schwachen Finanzmärkten und Realwirtschaft für Europa und insbesondere Deutschland ein?

Beckmann: Bei uns gibt es weniger Menschen als in den USA, die Aktien direkt oder indirekt halten. Deshalb wird der so genannte Wealth Effect hier deutlich niedriger zu veranschlagen sein als in den USA. Gleichwohl sehe ich die Gefahr, dass die spürbar schlechte Stimmung übergreift und die Zweifel am Wirtschaftsaufschwung wachsen. Das Risiko, dass schwache Aktienmärkte auf die Realwirtschaft durchschlagen, ist auch in Deutschland gegeben.

mm.de: Hier finanzieren sich die Konzerne allerdings weniger über die Börse als in den USA. Sollte das die Lage nicht entspannen?

Beckmann: Sie tun es, wenn auch in geringerem Ausmaß, etwa über neue Aktien und Anleihen. So wie ich die Stimmung einschätze, besteht derzeit aber nur geringe Bereitschaft, auf diesen beiden Kanälen vom Markt Geld zu verlangen oder auch welches zu geben. Der Preis stimmt einfach nicht. Bei der Kreditvergabe werden in unsicheren Zeiten auch strengere Maßstäbe angelegt werden.

mm.de: Der Ruf nach einer konzertierten Aktion der Notenbanken zur Belebung der Aktienmärkte wird lauter. Doch zumindest der Fed sind angesichts eines historisch niedrigen Zinsniveaus die Hände gebunden. Halten Sie eine Zinssenkung zum gegenwärtigen Zeitpunkt überhaupt für sinnvoll?

Beckmann: Das ist schwierig zu beurteilen. In den USA sind die Zinsen bereits so niedrig, dass eine weitere Absenkung die Märkte durchaus verunsichern könnte. Die Fed hätte dann auch nicht mehr viel Spielraum, erneut zu reagieren. Ich denke, die US-Notenbank sollte ihr Pulver weiter trocken halten. Für Europa wiederum sehe ich es noch nicht als ausgemacht an, dass der nächste Zinsschritt eine Zinserhöhung sein wird.

"Entscheidend sind die Unternehmensergebnisse"

mm.de: Mit Blick auf die USA drängen sich manchen Ökonomen Parallelen zur Krise in Japan auf. Aktienbaisse, Deflation und Rezession bilden dabei die Argumentationskette. Lassen sich die Entwicklungen so ohne weiteres vergleichen?

Beckmann: Nein, in den USA haben sich die Aktienmärkte zwar ähnlich schwach entwickelt. Bei den Immobilienmärkten ist dies aber nicht der Fall. Die Investitionen wiederum gehen deutlicher zurück als seinerzeit in Japan. Gleiches gilt für das Wachstum. Der flexible Arbeitsmarkt in den USA hat es andererseits ermöglicht, dass sich die Firmen relativ rasch von ihren Mitarbeitern trennten. Daraufhin hat die Notenbank in den Vereinigten Staaten naturgemäß schneller gehandelt - anders als in Japan, wo man die Zinsen nicht rechtzeitig gesenkt hatte. Auch auf fiskalpolitischer Seite reagierten die US-Politiker zwei Jahre eher als in Japan. Ich denke, es gibt zwar ein paar Gemeinsamkeiten. Doch die Unterschiede zwischen Japan und den USA sind größer als jene zwischen Japan und Euroland.

mm.de: Sie schließen eine Rezession in den USA eher aus?

Beckmann: Natürlich besteht die Gefahr. Keiner weiß genau, wie lange die Aktienkurse noch fallen oder sie auf einem niedrigen Niveau verharren. Damit verbindet sich natürlich ein gewisses Risiko für die Konjunktur. Ich denke aber, dass sowohl Notenbank als auch US-Regierung die richtige Absicherungsstrategie gewählt haben. Sie reagierten rasch und nicht halbherzig. Von daher besteht gute Hoffnung, dass die USA von einer Entwicklung wie in Japan verschont bleiben.

mm.de: Wie schätzen Sie die Risiken für Europa ein?

Beckmann: Betrachten wir einzelne Indikatoren wie Aktien- und Arbeitsmarkt, Kreditexpansion oder Wirtschaftswachstum - da gibt es eine ganze Reihe erschreckender Parallelen zur Entwicklung in Japan Anfang der neunziger Jahre. Die muss man ernst nehmen. Nicht zu vergessen, die Inflation in Deutschland tendiert – unter Einbeziehung des Messfehlers – schon gegen Null. Wir dürfen nicht in ein Fahrwasser geraten, wie sich dies in Japan mit einem geringen Wirtschaftswachstum über Jahre sowie einem sinkenden Preisniveau ergab.

mm.de: Zurück zu den Aktienmärkten. Ab dem 14. August müssen US-Konzernchefs die Richtigkeit ihrer Bilanzen quasi beeiden. Könnte dies einen Wendepunkt für die Wall Street darstellen?

Beckmann: Das lässt sich nicht sicher beantworten. Der Investor dürfte danach den Unternehmenszahlen mehr Vertrauen schenken. Die Wirtschaftsprüfer werden jedoch in Zukunft genauer hinschauen als sie es jemals zuvor taten. Man wird sicherlich auch vorsichtiger bilanzieren als in der Vergangenheit. Entscheidend für die Aktienmärkte ist also, wie die Unternehmensergebnisse dann ausfallen, und ob sie einen Aufwärtstrend dann auch widerspiegeln.

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