Interview "Ein großartiger Zeitpunkt, um Basiswerte zu kaufen"

Mitten in der Leidenszeit der Börse investiert Graham French gern. Für den "Global Basics Fonds" kauft er bevorzugt Firmen, die die alltäglichen Bedürfnisse von Industrie und Konsumenten decken.
Von Christian Buchholz

mm.de:

Bilanztricks, Wirtschaftsflaute und persönliche Bereicherung bei Top-Managern - immer mehr Investoren verlieren das Vertrauen in den Aktienmarkt. Sehen Sie noch Hoffnung auf eine Trendwende?

French: Ja, natürlich. Ich bin seit 14 Jahren im Geschäft und habe ähnliche Krisen Ende der 80er Jahre in den USA und Australien erlebt. Anschließend haben Substanzaktien immer die Wende nach oben geschafft. Es gibt einige exzellente Aktien, die auch jetzt wieder vom Abwärtssog erfasst wurden, ohne dass ihre Geschäftsaussichten sich wesentlich verändert hätten. So kann der Investor von dieser zyklischen Bewegung profitieren.

mm.de: Wenn man die richtige Aktie erwischt...

French: Denken Sie langfristig. Der Food-Gigant Nestlé beispielsweise verkauft alle fünf Minuten weltweit so viele "Kitkat"-Riegel, dass sich daraus der Eifelturm nachbilden ließe - in Originalgröße. Und diese Riegel sind - wie die meisten Nestlé-Produkte - mit einer guten Gewinnmarge versehen. Und solange die Leute Süßes mögen, wird der Absatz kaum sinken. Das ist eine simple Story, aber solche Storys funktionieren meist am besten.

Ganz anders dagegen die Hightech-Aktien: Es gab, schon Jahrzehnte vor dem Boom bei Handy-Aktien, eine Sektor-Hausse bei Fernseh- und Radioherstellern - schließlich war schnell klar, dass jedermann ein solches Gerät besitzen wollte. Die Aktien schossen in die Höhe, ohne dass anscheinend jemand auf die Idee kam, dass selbst dieser große Bedarf einmal gesättigt sein könnte - war er aber bald. Und wie bei den Handy- und auch den PC-Aktien heute sackten die Kurse der Börsenlieblinge in sich zusammen. Von "Kitkat"-Riegeln dagegen ist niemand für länger gesättigt.

mm.de: Was genau verstehen Sie unter Basic-Werten?

French: Kurz gesagt, alles was man anziehen, essen oder trinken kann, womit man verreisen kann - und die Vorprodukte dazu. Die Unternehmen aus diesen Bereichen erwirtschaften momentan die Hälfte des Weltumsatzes - aber in den meisten globalen Fondsportfolios sind sie unterrepräsentiert.

mm.de: Auch die solideste Aktie verliert allerdings schnell an Wert, wenn dem Vorstand krumme Geschäfte nachgewiesen werden. Checken Sie die CEO´s auf ihre Ehrlichkeit?

French: Das gehört zu den wichtigsten Aufgaben eines Fondsmanagers - und zwar nicht erst seit Enron. Mich interessiert schon, ob ein Vorstand sich einen Privatjet, eine Yacht und prunkvolle Villen leistet. Das kann ein Indiz dafür sein, dass er dem Grundanspruch eines Unternehmenslenkers nicht gerecht wird - ein Bewahrer und Aufseher des ihm anvertrauten Konzerns zu sein, der mit einer guten Portion Leidenschaft bei der Sache ist. Der persönliche Eindruck, den ich von einem Manager gewinne, ist sehr entscheidend für meine Investment-Entscheidungen. Dabei kann ich - wie jeder andere auch - natürlich auch mal daneben liegen. Auch hier gilt: "Erst wenn das Wasser sinkt, sieht man deutlich, wer 'ne Badehose trägt...".

mm.de: Was aber insbesondere in den USA jedermann bekannt ist, sind die teilweise extrem hohen Gehälter der Manager, die das Gesamtergebnis eines Konzerns belasten. Wird hier künftig gespart werden?

French: Ich gehe davon aus, denn es ist notwendig. Momentan sind hier oft die Grenzen des Anständigen gesprengt, die Problematik ist in den vergangenen Jahren stark gewachsen. Das kritisieren viele Investoren, auch in den USA. Die Manager-Gehälter werden schon bald stärker an das Unternehmensergebnis gekoppelt sein und insgesamt sinken.

Wie French seine Strategie auf Shortseller einstellt

mm.de: Ist ihnen der persönliche Eindruck des Vorstands wichtiger als das Zahlenwerk seines Unternehmens?

French: Wichtiger jedenfalls als Kennzahlen wie Gewinn pro Aktie oder Wachstum von Quartal zu Quartal. Ich studiere Zahlen über die Produkte, den Markt, die Geschäftsentwicklung über Jahre und die Schlüssigkeit einer Strategie. Das kann einige Zeit in Anspruch nehmen, aber wenn alles stimmt, kommt so ein Wert auf meine Watchlist.

mm.de: Als Langfristanleger könnten Sie doch auch sofort kaufen, nach dem Motto, dass gute Aktien immer teuer sind.

French: Vor zehn Jahren hatte diese Regel noch Gültigkeit. Heute ist der Einstiegszeitpunkt wesentlich wichtiger geworden, weil die Märkte zu schnellen Wechseln bei Über- und Untertreibungen neigen. Die Shortseller an den Märkten verstärken den Schwankungseffekt noch. Nein, wir beobachten die attraktiven Werte und kaufen erst, wenn sie unterbewertet sind.

Umgekehrt verkaufen wir übrigens auch Aktien, wenn sie ein aus unserer Sicht faires Niveau überschreiten. Kürzlich habe ich beispielsweise meine Bestände bei Philip Morris und Procter & Gamble reduziert. Das sind Top-Unternehmen, aber durch die Flucht vieler Anleger in diese 'sicheren Häfen' sind sie zu teuer geworden. Die Anleger zahlen momentan für diese vermeintliche Sicherheit einen zu hohen Aufschlag.

mm.de: In welchem Land wird die Börse zuerst durchstarten, wenn das von Ihnen erwähnte Tal der zyklischen Kurve durchschritten ist?

French: Ich kann es Ihnen, wie alle anderen Fondsmanager auch, nicht verbindlich sagen. Es interessiert mich auch nicht primär. Wir fokussieren uns auf eine genaue Analyse der Unternehmen, die uns interessieren. Wie steht es um den Cashflow, die Vermögenswerte, den Markennamen, Wettbewerber? Wenn wir überzeugt sind, dass eine gute Aktie auf einem zu niedrigen Kursniveau angelangt ist, kaufen wir - ohne Rücksicht auf Markttendenzen.

Mehr lesen über