Interview "Die Banken sind auf einem sehr guten Weg"

Hat der der japanische Leitindex Nikkei sich nachhaltig vom Abwärtstrend gelöst? Hannah Cunliffe, Japan-Fondsmanagerin bei Union Investment, sieht positive Zeichen für einen Aufschwung.
Von Christian Buchholz

mm.de:

In den vergangenen Monaten hat sich der Nikkei besser entwickelt als Dax und Dow. Ein hoffnungsvoller Auftakt für Japans Börse?

Cunliffe: Schon möglich. Japans Konjunktur befindet sich gerade in einer Phase der zyklischen Erholung. Nach den zahllosen Rezessionen der vergangenen Jahre musste sich das Blatt irgendwann auch mal wieder wenden. Wie stark der Aufschwung tatsächlich ausfallen wird, ist jetzt aber noch kaum zu sagen. Was wir jetzt in der Wirtschaft und an der Börse beobachten, ist weitgehend auch ein Fall von Self-Correcting-Statistics - nach einer Phase von Übertreibungen nach unten korrigieren sich die Wirtschaftszahlen jetzt wieder auf ein normales Level.

mm.de: Wie wichtig ist Premierminister Koizumi für die Börse? Wird er seine Reformvorhaben durchsetzen können?

Cunliffe: Von Koizumi hängt für die weitere Wirtschaftsentwicklung viel ab. Allerdings ist er keine Maggie Thatcher - und in Japan war es schon immer besonders schwer, Strukturveränderungen durchzusetzen. Koizumi hat momentan, ganz anders als bei seiner Wahl vor etwa einem Jahr, schlechte Symphatiewerte in der Bevölkerung, weil er Veränderungen nicht so schnell durchsetzt, wie er es angekündigt hatte. Aber es gibt keinen zweiten starken Kandidaten, mit dem eine Palastrevolution gelingen könnte. Er hat also weiter Zeit, seine Vorstellungen durchzusetzen.

mm.de: Welches ist Koizumis dringendstes Problem?

Cunliffe: Er muss dafür sorgen, dass das Land endlich eine vertrauenswürdige Bankenaufsichtsbehörde installiert. Schon im vergangenen Herbst zeigte sich, dass die Schieflage der Banken von den staatlichen Kontrollbehörden völlig übersehen worden war. Unabhängig davon, ob Unfähigkeit oder Kumpanei die Ursache waren - das Vertrauen muss schleunigst wieder hergestellt werden.

Weshalb Nomura wieder zählt

mm.de: Vom nächsten April an soll die staatliche Garantie auf Einlagen für notleidende Bankkredite fallen. Wird die Bankenbranche das Vertrauen von Investoren und Kunden behalten, wenn ihr dieses Sicherheitsnetz entzogen wird?

Cunliffe: Die meisten Banken sind hier auf einem sehr guten Weg. Besondere Voraussetzungen bringt dabei die ehemalige Banc of Tokyo mit. Die nach einer Fusion entstandene Mitsubishi Finance Tokyo Group hat früh mit den Bereinigungen der faulen Krediten begonnen. Mir scheint, das Institut ist eines der solidesten in der Branche - ich habe die Aktie übergewichtet. Auch, weil die Bank mit diesem Renommee verstärkt verunsicherte Kunden anderer Banken einsammeln könnte.

mm.de: Ein anderer großer Finanzkonzern, den sie im Portfolio halten, ist Nomura. Die Aktie ist in den vergangenen Monaten stark gestiegen - bietet der Wert noch Potenzial?

Cunliffe: Nomura ist ein geschickt geführtes Wertpapierhaus, das von der Kreditproblematik nicht betroffen ist. Bei Geldmarktprodukten und in der Vermögensverwaltung besetzt der Konzern die führende Stellung. Ein entscheidender Aspekt, der für Nomura, aber auch für die künftige Börsenentwicklung spricht, ist das Thema IPO (Initial Public Offering, Börsengang). Die von Nomura begleiteten Börsengänge der vergangenen Monate, darunter die erste börsennotierte Lebensversicherung und die größte japanische Werbeagentur, waren fast ausnahmslos Erfolge. Und wenn das IPO-Geschäft funktioniert, ist das ein Zeichen der Zuversicht bei den Investoren. Wenn Sie die Börsengangs-Barometer in Deutschland und Japan vergleichen, trifft Gewitterwarnung auf Sonnenschein.

Warum Japan riskant bleibt

mm.de: Welchen Branchen trauen Sie überproportionale Kurssteigerungen zu?

Cunliffe: Die Fragestellung funktioniert für den japanischen Markt nicht. Ich wähle Aktien nicht nach Branchenzugehörigkeit, sondern nach ihrer individuellen Story aus. Es gibt in jeder Branche Titel, die sich von einem allgemeinen Trend abkoppeln - das gilt zwar auch für andere Länder, in Japan ist der Effekt aber besonders stark ausgeprägt.

mm.de: Welche Aktien gefallen Ihnen denn besonders?

Cunliffe: Der Mobilfunk-Gigant NTT Docomo ist reizvoll. Zwar wachsen die Kunden- und Umsatzzahlen nicht so stark, wie der Konzern es prognostiziert hatte - doch das kann auch Vorteile haben. Jeden Neukunden muss NTT Docomo - wie jeder Mitbewerber - erst einmal subventionieren. Wenn dafür nicht so viel Geld ausgegeben werden muss wie geplant, kann man in andere Bereiche investieren. Beispielsweise in den neuen Standard SHA-Mail, der neben der Bild-Übertragung einige neue Features bieten soll, welche die Mitbewerber noch nicht bieten. Während der Konzern Japan Telecom, an dem Vodafone zu 30 Prozent beteiligt ist, vor allem mit Handy-plus-Kamera-Geräten in den vergangenen Monaten Marktanteile gewinnen konnte, fiel NTT Docomo zurück. Im Sommer könnte sich das Verhältnis aber durch den neuen SHA-Mail-Standard wieder drehen.

mm.de: Welcher Wert unter den Automobilkonzernen ist ihre Lieblingsaktie?

Cunliffe: Nun, ich verliebe mich nicht in Aktien. Aber Honda und Toyota sind aktuell die profitabelsten Autobauer der Welt, Nissan schaffte den Turnaround von der Fast-Pleite in die Profitabilität und geht jetzt ehrgeizig weitere Kostensenkungsprogramme an. Ich halte alle drei Werte, mit einer leichten Übergewichtung bei Nissan.

mm.de: Wie viele Wochen Garantie würden Sie für einen japanischen Börsenboom geben?

Cunliffe: Die Stimmung hat sich leicht aufgehellt, die Bewertung der Aktien ist aber immer noch auf einem relativ niedrigen Niveau. Das zarte Pflänzchen Aufschwung hat also berechtigte Überlebenschancen, wird aber kaum genügend Widerstand bieten, wenn eine weltweite Börsen-Baisse ausbricht.

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