Japan Land der aufgehenden Kurse?

Japans Wirtschaft sorgte für eine Überraschung. Der starke Anstieg des Bruttoinlandsprodukts ließ die Investoren weltweit aufhorchen. Strohfeuer oder Aufbruchsignal?
Von Arne Stuhr

Paukenschlag in Tokio: Das japanische Bruttoinlandsprodukt (BIP) stieg im Vergleich zum vierten Quartal des Vorjahres um 1,4 Prozent und übertraf damit das Wachstum in den USA. Im Jahresvergleich konnte Wirtschaftsminister Heizo Takenaka sogar ein Plus von 5,7 Prozent verbuchen. Takenaka vermeldete sofort, die Talsohle sei durchschritten. Ein Lichtblick also mitten in der Regenzeit?

Experten und selbst die japanische Regierung glauben mitnichten an ein Ende der Rezession. Denn noch lähmen zahlreiche Probleme die mit 127 Millionen Einwohnern und einem BIP von über 4,6 Billionen Euro zweitgrößte Wirtschaftsnation der Welt.

132 Prozent Staatsverschuldung

Zum einen sind die Gefahren der faulen Milliardenkredite der Banken immer noch nicht entschärft, obwohl Japans Premier, Junichiro Koizumi, die Bankenkrise zur Chefsache erklärt hat. Zum anderen hat die Staatsverschuldung mit 132 Prozent des BIP eine bedrohliche Marke überschritten. Zum Vergleich: In den Vereinigten Staaten liegt dieser Wert bei 58 Prozent, in Deutschland bei knapp 60 Prozent.

Hauptkritikpunkt der Japan-Skeptiker ist vor allem der schwache Konsum im Land der aufgehenden Sonne. Zwar sollen die privaten Ausgaben von Januar bis März um 1,6 Prozent zugelegt haben, zuverlässig sind diese Zahlen aber nicht. Die Investitionen der Unternehmen in Anlagen waren zumindest auch im ersten Quartal mit 1,2 Prozent rückläufig. Und da die Zahl der Beschäftigten im April um weitere 430.000 gegenüber dem Vormonat gesunken ist, dürfte auch das Gesamteinkommen der Japaner eher sinken. Die Notenbank kann nicht viel helfen. Der Leitzins liegt schon jetzt nahe Null und trotzdem schrumpfte die Kreditvergabe im Mai gegenüber dem Vorjahresmonat.

Der unerwartete BIP-Anstieg ist zum größten Teil durch den Export getrieben. Dieser stieg im ersten Quartal 2002 so stark wie schon seit 20 Jahren nicht mehr, nämlich um 6,4 Prozent gegenüber dem Abschlussquartal 2001. Die sich langsamer als erwartet erholende US-Konjunktur trifft aber auch Japan. Zusätzlich drückt der hohe Yen-Kurs das Ausfuhr-Geschäft.

Hoffnungsträger Autos

Hinzu kommt, dass die japanische Börse sich vom BIP-Sprung nahezu unbeeindruckt zeigte. Daher sehen viele Analysten weiterhin keinen Grund, ihre Einschätzungen zu verändern. Die Fernostexperten der DZ Bank stufen das Risiko des japanischen Markts weiterhin überdurchschnittlich hoch ein. Dennoch sehen die Banker die seit Februar zu verzeichnende Erholung nicht gefährdet und erwarten in den kommenden Wochen eine freundliche Börsentendenz. Das Kursziel für den breiter als den Nikkei 225 gefassten Topix setzten sie daher auf Sechsmonatssicht von 1150 auf 1250 und auf Zwölfmonatssicht von 1200 auf 1300 Zähler herauf. Zum Kauf empfiehlt die DZ Bank zurzeit Honda und Nomura Holdings.

Auch für Morgan Stanley gehört die Automobilindustrie zu den interessantesten Branchen. So erhöht Noriaki Hirakata sein 12- bis 18-Monatsziel für Nissan Motor von 1160 auf 1260 Yen. Für die gesamte japanische Autobranche erwartet der Morgan-Stanley-Analyst im laufenden Jahr einen Sprung beim operativen Gewinn von 16 Prozent. Auch für 2003 sieht er eine Fortsetzung des positiven Trends. Einschränkend verweist Hirakata aber auf die hohe Abhängigkeit vom US-Markt, die schon Mitte der neunziger Jahre mit einem Absatzeinbruch die japanischen Autobauer in eine Krise stürzte.

Bei Goldman Sachs setzen die Analysten trotz der schwachen Konsumlage hingegen auf Binnenwerte. Kathi Matsui hat auf ihrer Empfehlungsliste das Bauunternehmen Daiwa House, die Kaufhauskette Isetan sowie den Drogeriehersteller Unicharm.

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