Einzelwerte Die KGV-Könige

Hohe Ertragskraft, starke Dividende und moderate Bewertung: Bei der Suche nach Unternehmen mit derlei Qualitäten blicken Investoren immer häufiger in die Nebenwerte-Indizes. Und sie werden fündig.

Bei der Auswahl von Einzelwerten rückt eine Kennzahl wieder in den Vordergrund, die während der Wachstumseuphorie am Neuen Markt schon fast vergessen schien. Das Kurs-Gewinn-Verhältnis (KGV) gibt die Ertragskraft eines Unternehmens an: Wer den aktuellen Aktienkurs durch den Konzerngewinn je Aktie teilt, kann einschätzen, ob ein Unternehmen teuer oder eher bescheiden bewertet ist.

Hohe Ertragskraft: Bewertung selbst verdienen

Ein hoch bewerteter Börsenliebling bringt es schnell auf ein KGV von mehr als 20. Ein Unternehmen aus der dritten Reihe wie der im Smax notierte Automobilzulieferer Leoni weist dagegen ein scheinbar verlockendes einstelliges KGV auf: Bei einem aktuellen Kurs von rund 33 Euro schätzt die HypoVereinsbank zum Beispiel den Gewinn pro Aktie für 2003 auf 5,45 Euro. Diese Rechnung ergibt ein KGV von 6,1: Leoni ist also mit dem Sechsfachen des geschätzten Gewinns bewertet und würde bei konstant bleibenden Gewinnen nur sechs Jahre brauchen, um seine Aktienbewertung zu "verdienen". Für die Börse, die weit im Voraus denkt, ist das ein sehr überschaubarer Zeitraum. Aktien mit niedrigen KGVs und stabiler Gewinnentwicklung gehören also zu den Lieblingen der wertorientierten Investoren, die nach attraktiven Einzeltiteln fischen.

KGV kann täuschen – die Story muss stimmen

Doch Vorsicht ist geboten. Stürzt ein Aktienkurs – Beispiel Deutsche Telekom - auf Grund unsicherer Zukunftsaussichten ab, wird mit dem Kursrutsch auch das KGV immer kleiner und scheinbar attraktiver. Ein günstiges KGV ist also nur dann ein Kaufsignal, wenn der Anleger auch in Zukunft von stabilen oder steigenden Gewinnen ausgehen kann. Der Netzwerkriese Cisco Systems zum Beispiel ist trotz eines deutlichen Kursverlustes seit Mitte 2000 gemessen am KGV (engl. PEG, Price-Earning-Ratio) nicht günstiger geworden, da die Gewinne und Gewinnerwartungen ebenso rasant gefallen sind.

Signal für stabile Gewinne und hohe Profitabilität ist eine regelmäßig gezahlte, überdurchschnittliche Dividende. In Zeiten des Wachstumswahns, als lediglich erhoffte Umsätze und Wachstumsraten zählten, wurde auch die Dividende oft belächelt und erfährt jetzt ein Comeback. Viele auf "Stock-Picking" spezialisierte Investoren setzen auf dividendenstarke, solide Titel, die mit regelmäßigen hohen Ausschüttungen ihre Ertragskraft gegenüber den Aktionären unter Beweis gestellt haben. Wenn diese Unternehmen laut KGV dann noch moderat bewertet sind, gelangen sie schnell auf die Beobachtungsliste der Perlenfischer.

Chancen in der zweiten Reihe

Bei der Suche nach dividendenstarken, moderat bewerteten Titeln werden Anleger häufig in der zweiten und dritten Reihe, also bei MDax und Smax fündig. Die dort notierten Titel stehen nicht so im Rampenlicht wie Dax-Titel: Während die Dividendenrendite der 30 Dax-Konzerne bei durchschnittlich 1,7 Prozent liegt, zahlen die im MDax notierten 70 Nebenwerte im Schnitt 2,6 Prozent aus. Dagegen ist das Kurs-Gewinn-Verhältnis der Dax-Aktien auf Basis der Gewinnschätzungen für das Jahr 2003 mit rund 16,5 deutlich höher als im MDax (13,5).

Unter den im MDax notierten Werten machen zum Beispiel der Autovermieter Sixt, die Industriegruppe IWKA, die Douglas-Holding und das Modeunternehmen Gerry Weber durch üppige Dividendenzahlungen auf sich aufmerksam. Bei dem Unternehmen Gerry Weber, das Anfang Juni seine Dividende auszahlt, lockt auf Grund einer steuerlich bedingten Sonderausschüttung sogar eine Dividendenrendite von rund acht Prozent. Nach Ansicht der Analysten von Independent Research lassen sich vor allem aus dem Smax einige Werte herausfiltern, die in puncto KGV und Dividende sehr attraktiv sind: Dazu zählen die Autozulieferer Edscha und Leoni sowie das Medizintechnik-Unternehmen Stratec.

Auch für "Perlen" gilt: Nie in Aktie verlieben

Der Zulieferer Edscha hat sich auf Scharniere und Cabriodächer spezialisiert. Das 132 Jahre alte Unternehmen stellt nach Ansicht von Independent Research stetiges Gewinnwachstum unter Beweis und sei zudem moderat bewertet: Kürzlich hat Edscha den Auftrag bekommen, für die Cabrioversion des Chrysler PT Cruiser das Verdecksystem zu entwickeln.

Der Autozulieferer für Kabel und Bordsysteme, Leoni, hat während der vergangenen Jahre trotz schwieriger Bedingungen in der Automobilindustrie seinen Umsatz im Schnitt um jeweils zwölf Prozent gesteigert. Die Aktie ist seit Monaten im Aufwärtstrend. Verträge für die Mercedes-A-Klasse sowie für den Opel Astra sind die Basis, und ab 2004 soll auch BMW beliefert werden. Leoni empfehle sich nicht nur durch ein niedriges KGV von 6,1 und durch eine gute Dividendenrendite, so die IR-Analysten: Kursfantasie bringe auch ein möglicher Aufstieg in den MDax.

Gute Auftragslage und hohe Ertragskraft: Bei solchen Werten kommt es meist nur dann zu unangenehmen Überraschungen, wenn die Titel bereits sehr gut gelaufen sind und Investoren auf Grund hoher Gewinne wieder aussteigen. Stockpicker kommen daher auch bei diesen Titeln nicht daran vorbei, Stoppkurse für ihre Investments zu setzen. "Man muss Verluste strikt begrenzen", sagt Joachim Goldberg, Spezialist für verhaltensorientierte Kapitalmarktanalyse.

Augenmaß und Disziplin

Bei der Auswahl chancenreicher Einzeltitel reichen also die Kennziffern KGV und Dividendenrendite nicht aus. Hinzu kommen wichtige Verhaltensregeln: Halten Sie Ihre Entscheidungen schriftlich fest und festgesetzte Stopp-Loss-Marken auch ein. Auf diese Weise behalten Sie Ihre Strategie im Blick und laufen nicht Gefahr, sich in die ausgewählte Aktie zu "verlieben". Ein Zielkurs kann eventuell erhöht werden, wenn der Aufwärtstrend intakt ist. Doch die Grenze, wie viel Geld man maximal zu verlieren bereit ist, sollte strikt gezogen werden: Verluste auszusitzen oder die Position einer Aktie bei einem Kursrutsch immer weiter aufzustocken, ist eine gefährliche Strategie. Denn auch wenn man sich als "Stock-Picker" umso gründlicher mit einem Unternehmen beschäftigen sollte: Schlauer als der Markt sind Investoren nur in ganz seltenen Fällen.

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