Stock-Picking Die Trüffelsucher

Wie finden Investoren die Aktien, die besser laufen als der Markt? Sechs Fondsmanager verraten, nach welchen Regeln sie Stock-Picking betreiben - die Suche nach den besten, oft vernachlässigten Aktien.
Von Christian Buchholz

Nach den September-Anschlägen in den USA stürzten die Börsen weltweit ab. Eine Ausnahmesituation, aus der Fondsmanager mit dem richtigen Gespür viel Rendite für die Anleger holen konnten. Die Börsenkurse rutschten zwar noch für die nächsten zehn Tage - doch danach zogen die Charts von Dax und Dow Jones wieder steil an.

Kauf-Signal, wenn Kurs und Wert auseinander driften

Während die Indizes um 20, 30 Prozent nach oben kletterten, war mit ausgewählten Aktien noch wesentlich mehr Performance herauszuholen. Fondsmanager, die einiges Geschick und Gespür beim Stock-Picking bewiesen, zehren heute noch von den schnellen Geschäften, die vor sechs Monaten möglich waren.

"In den Folgetagen des 11. September kam es darauf an zu schauen, welche Werte über Gebühr gedrückt und welche hochgehalten wurden", sagt Julius-Bär-Fondsmanager Hans-Peter Schupp. Der Verantwortliche für den "Euroland Value Stock Fund" und den "German Value Stock Fund" verkaufte zügig Deutsche Telekom und stieg bei Volkswagen ein. Beide Entscheidungen erwiesen sich im Nachhinein als Treffer.

Schupp, dessen Fonds im Sektorranking schon länger als ein Jahr in der Spitzengruppe rangieren, nennt als Grundregel für seine Aktienauswahl den Vergleich des Unternehmenswertes mit dem Kurs. Wenn die Marktkapitalisierung auf oder gar unter die Eigenkapitalisierung fällt, sei das häufig ein Kaufsignal. Schupp: "Wegen einer Gewinnwarnung in einer allgemeinen Marktschwäche muss man nicht unbedingt aussteigen. Schon eher, wenn ein Unternehmen seine Strategie und seine Strukturen ändert."

Je kleiner der Wert, umso sorgfältiger die Recherche

Götz Albert, leitender Analyst bei Independent Research, Frankfurt, hat eine akuelle Studie unter das Motto "Value Stock-Picking" gestellt. Wichtig ist demnach beim Herausfiltern der Top-Chancen, dass es immer Unternehmen gibt, die von der Börse kaum beachtet werden - aber hervorragende Geschäftsergebnisse liefern. Diese "Hidden Champions" würden sich beispielsweise im Nebenwertesegment Smax finden.

Als Beispiel wird der Produzent von Drähten, Kabeln und Bordnetzsystemen für die Autoindustrie, Leoni, genannt. Das Kurs-Gewinn-Verhältnis (KGV) für 2003 sei mit 5,9 moderat, ein Aufstieg in den MDax nicht unwahrscheinlich. Mit dem Eintritt unter die 100 größten Dax-Werte würde Leoni neue Investorenkreise auf sich aufmerksam machen, die Zahl der Studien über das Unternehmen könnte steigen. Mit einem steigenden Bekanntheitsgrad bei gleichzeitig solider Geschäftsentwicklung seien die Aussichten für Kurssteigerungen ausgezeichnet.

"Je kleiner die Marktkapitalisierung, umso sorgfältiger muss das Stock-Picking betrieben werden", warnt Markus Steinbeis, Fondsmanager bei Activest. Denn auch wenn die Zahlen stimmen wird aus einem "Hidden Champion" nicht automatisch eine Kursrakete. Wenn beispielsweise ein Konzern den erhofften Sprung aus der Nische ins Rampenlicht der Börse nicht schafft, ist das ein deutliches Ausstiegssignal.

Datenbank als unbestechlicher Tippgeber

Robert Halver, Stratege beim Schweizer Bankhaus Vontobel nennt einen Hauptgrund, warum eine gelungene Auswahl von Nebenwerten in bestimmten Marktphasen die Blue Chips in der Kursentwicklung schnell überflügeln kann: "Small und Mid Caps profitieren von einem Konjunkturaufschwung zuerst." Investoren suchten in Hausse-Phasen verstärkt nach kleinen Unternehmen. Zum einen, weil diese Unternehmen mit ihrer schlanken Struktur flexibler auf verbesserte Marktbedingungen reagieren könnten. Zum Zweiten, weil sich diese These an der Börse auch schon häufig als selbsterfüllende Prophezeiung erwiesen hat: Setzt ein Konjunkturaufschwung ein, müssen die Nebenwerte steigen - selbst wenn die Bilanzen der Unternehmen einen positiven Trend noch nicht widerspiegeln.

Auffällig ist in den vergangenen Monaten, dass sich Börsentrends immer seltener gleichmäßig auf die Kurse von Unternehmen bestimmter Branchen verteilen. "Es gibt aktuell keine eindeutigen Branchenentwicklungen", sagt Bernhard Langer, Fondsmanager des "Euro Dynamik" bei Invesco. Das Stock-Picking müsse heute also noch sorgfältiger als noch vor drei Jahren, als man mit Internet-, Biotech- oder später Logistik-Aktien kaum etwas falsch machen konnte, an den Zahlen und individuellen Voraussetzungen der Unternehmen aus der zweiten Reihe festgemacht werden.

Hendrik Leber, Geschäftsführer beim Frankfurter Vermögensverwalter Acatis, bringt es auf den Punkt: "Es gibt immer Ineffizienzen der Märkte. Man muss sie nur finden." Leber verlässt sich dabei auf einen "unbestechlichen Partner" - den Computer. Seine Datenbank-Auswertungen beginnen grundsätzlich mit drei Fragen. Gesucht wird nach Unternehmen, die erstens einen stetigen Ertragsfluss bieten, zweitens ein kontinuierliches Wachstum ausweisen und drittens eine Unterbewertung im Kurs zeigen. Klingt simpel, zahlt sich aber aus: Der "Acatis Aktien Global UI" erreichte in den vergangenen drei Jahren einen Wertzuwachs von mehr als 70 Prozent - während der MSCI-World-Index in dieser Zeit nur um 14 Prozent stieg.

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