Interview "Telefonica und Vodafone vor Deutscher Telekom"

Die Deutsche Telekom habe nach wie vor Wachstumschancen, sei in Europa aber nicht mehr der Top-Pick, meint Fondsmanagerin Andrea Quapp. Beim Schuldenabbau habe das Unternehmen noch einen steinigen Weg vor sich.

mm.de

: Die gesamte Telekom-Branche leidet derzeit unter dem "Liebesentzug" der Kapitalmärkte, wie Ron Sommer es nennt. Experten beklagen die hohe Schuldenlast und eine unsichere UMTS-Zukunft. War die Reaktion der Märkte angemessen?

Quapp: Der Kursrutsch während der vergangenen Wochen war sicherlich übertrieben. Das Problem der Investoren: Sie billigen der gesamten Branche kein Wachstumspotenzial mehr zu. Dies betrifft sowohl die Mobilfunksparte als auch das Festnetzgeschäft, sei es im Inland oder im Ausland. Während des Bullenmarktes im Frühjahr 2000 wurde die Euphorie der Anleger dadurch genährt, dass die neue UMTS-Technologie nahezu unbegrenztes Wachstum versprach. Nun ist an die Stelle der Euphorie blanke Ernüchterung und Skepsis getreten.

mm.de: Welche europäischen Telekomwerte halten Sie im Branchenvergleich noch für am besten aufgestellt?

Quapp: Wir bevorzugen den Mobilfunkbereich gegenüber dem Festnetz und räumen Unternehmen, welche in potenziellen Wachstumsregionen engagiert sind, gegenüber reinen Lokalanbietern die größeren Chancen ein. Deshalb sind für uns in dieser Reihenfolge Telefonica, Vodafone und Deutsche Telekom interessant. Negativ eingestellt sind wir gegenüber so genannten "alternative carriers" oder Telekomgesellschaften, die unübersichtliche oder unrentable Minderheitsbeteiligungen eingegangen sind, zum Beispiel France Télécom.

mm.de: Für die T-Aktie werden bereits Kursziele unter zehn Euro genannt. Wo liegen die Erholungschancen der Deutschen Telekom?

Quapp: Die Chancen der Deutschen Telekom basieren auf ihrem großen Heimatmarkt. Im Mobilfunk- und Internetbereich sollte es für das Unternehmen möglich sein, den Markt noch besser zu durchdringen und weitere Kunden zu gewinnen. Im größten Einzelmarkt USA bietet Voicestream Wachstumschancen: Sicherlich war rückblickend der Einkauf in den USA zu teuer, aber damals zählte der Markteintritt und nicht die Rentabilität.

mm.de: Wird die Deutsche Telekom ihr Ziel erreichen, ihre Schulden bis Ende 2003 auf 50 Milliarden Euro zu senken?

Quapp: Die notwendigen Schritte – darunter den Verkauf der Festnetzsparte und den Börsengang von T-Mobile - hat das Unternehmens ja bereits vorgestellt. Ob sich diese Schritte im angegebenen Zeitrahmen umsetzen lassen, hängt allerdings von weiteren Faktoren ab, die das Unternehmen nicht selbst beeinflussen kann. Dazu gehört zum Beispiel die Verfassung am Rentenmarkt und die Bereitschaft von Investoren, neue Unternehmensanleihen aufzunehmen. Hinzu kommen die Bewertung durch unabhängige Ratingagenturen sowie die Einsicht der Kartellbehörden, eine Industrie auch als global anzuerkennen. Der Einspruch der Kartellwächter, der den geplanten Verkauf des Kabelnetzes an Liberty Media verhinderte, zeigt die Schwierigkeiten in diesem Bereich.

mm.de: Telekom-Chef Ron Sommer steht derzeit stark in der Kritik. Welcher Vorwurf hat am meisten Gewicht?

Quapp: In schlechten Zeiten wird immer der Top-Manager an den Pranger gestellt; im Fall der Deutschen Telekom ihr Vorstandsvorsitzender. Sachlich und betriebswirtschaftlich gesehen, war es sicherlich ein Fehler, Akquisitionen wie Voicestream und die Ersteigerung der UMTS-Lizenz auf noch nie da gewesenen Rentabilitätskennziffern, Wachstumsraten und Umsätzen pro Kunde zu tätigen. Mehr Weitsicht und eine realistischere Einschätzung der Wachstumschancen haben damals gefehlt.

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