Telekom Klare Luft nach dem Gewitter

Ein Kursgewitter hat sich über der Telekombranche entladen. Die Hoffnung, die UMTS-Investitionen könnten sich dank kräftigen Wachstums im Mobilfunk schnell auszahlen, ist geplatzt. Zur Hauptversammlung der Deutschen Telekom werden noch einmal Blitz und Donner erwartet. Investoren suchen indessen nach Telekomkonzernen, die am ehesten wieder aus der Deckung kommen.

Passend zur Jahreszeit waren die Schauer zahlreich und heftig. Zunächst sorgten schwache Zahlen der Ausrüster Ericsson und Nokia für dicke Luft in der Telekombranche. Dann meldeten Vodafone und Deutsche Telekom, dass die Zahl ihrer Mobilfunkkunden in Deutschland im Frühjahr gesunken ist. Die Anleger haben die düsteren Vorjahresergebnisse der großen europäischen Telekomkonzerne noch nicht recht verdaut, da müssen die Big Player ihre Prognosen für das laufende Jahr senken. Es hagelte Abstufungen durch Investmenthäuser, und auch die Ratingagenturen stuften die Kreditwürdigkeit der hoch verschuldeten Telekomkonzerne ab. Zweistellige Kurseinbrüche bei France Télécom, British Telecom, Vodafone, der spanischen Telefonica und der Deutschen Telekom waren zwischen Mitte April und Anfang Mai die Folge.

Zum Erfolg verdammt

UMTS: Zum Erfolg verdammt

Die Telekomkonzerne sind auf den Erfolg der neuen UMTS-Technologie umso mehr angewiesen, da der klassische Mobilfunkmarkt an seine Grenzen stößt. Vodafone zum Beispiel will mit UMTS, das eine schnelle Übertragung von Bildern und Daten per Handy ermöglicht, bereits im Jahr 2004 ein Viertel des Umsatzes erreichen. Das Problem: Die Umsätze sollen kräftig wachsen, obwohl die Zahl der Kunden derzeit eher stagniert. Sollte UMTS das Interesse der Kunden nicht deutlich beleben und ihren Appetit auf neue mobile Datendienste steigern, stecken die Konzerne noch auf viele Jahre in der Schuldenfalle.

Der Erfolgszwang ist umso größer, da die UMTS-Investitionen hauptverantwortlich für die Schuldenberge der Telcoms sind. 50 Milliarden Euro legten die Konzerne allein in Deutschland für die UMTS-Lizenzen auf den Tisch. Der Aufbau der Breitband-Mobilfunknetze verschlingt weitere Milliarden. Viele Fondsgesellschaften haben ihre Engagements im Telekomsektor seit dem vergangenen Jahr schrittweise reduziert, da sich die enormen Ausgaben nur durch traumhafte (und noch nicht realisierte) Wachstumsraten rechtfertigen lassen.

Das Geld saß locker

Zu Boomzeiten saß allen das Geld locker: Vodafone zahlte Rekordsummen für die deutsche Mannesmann Mobilfunk, und die Deutsche Telekom gab für den US-Mobilfunkanbieter Voicestream rund 35 Milliarden Euro aus. Jetzt belasten Goodwill-Abschreibungen in Milliardenhöhe, da der aktuelle Wert der zugekauften Unternehmen deutlich unter den damals gezahlten Preisen liegt. "Damals zählte der Markteintritt und nicht die Rentabilität", sagt Andrea Quapp, Fondsmanagerin bei Julius Bär. Während des Bullenmarktes hätten auch die Konzernlenker eine realistische Einschätzung vermissen lassen. Es sei ein Fehler gewesen, die immensen Kosten für UMTS und Voicestream auf Basis phantastischer Rentabilitätskennziffern, Wachstumsraten und Umsätze pro Kunde zu rechtfertigen. Nun bleibt als große Unbekannte, ob sich UMTS jemals rechnen wird.

Die Gründe für den Liebesentzug

Liebesentzug der Märkte – Kredite werden teurer

"Wir leiden unter dem Liebesentzug des Marktes", kommentierte der Vorstandsvorsitzende Ron Sommer den dramatischen Kursverfall der T-Aktie. Die Zweifel der Investoren, dass die angestrebten Wachstumsziffern im Mobilfunk so schnell nicht erreicht werden, trifft jedoch alle großen Telekommunikationsgesellschaften. Ein weiteres Tiefdruckgebiet kam zudem aus den USA herüber: Die Ratingagenturen Moody's und Fitch haben die Kreditwürdigkeit der hochverschuldeten US-Telefongesellschaft Worldcom auf Junk-Status ("Schrott") herabgestuft, nachdem das Unternehmen auf Grund rückläufiger Umsätze seine Jahresprognose deutlich gesenkt hatte. Eine Insolvenz des hoch verschuldeten Konzerns wird nicht mehr ausgeschlossen. Ganz so dramatisch sieht die Situation für die europäischen Telcoms nicht aus, doch auch bei ihnen sorgen Abstufungen der Kreditratings dafür, dass sie für ihre Darlehen höhere Zinsen zahlen müssen.

Deutsche Telekom: Stimmungsgeladene HV erwartet

Für die Deutsche Telekom dürfte es am 28. Mai in Köln eine aufgeheizte, stimmungsgeladene Hauptversammlung werden. Der Konzern vereinigt beispielhaft die Probleme, in denen die Branche steckt – plus einiger hausgemachter Schwierigkeiten. Der Konzern hat das Vorjahr mit 3,5 Milliarden Euro Verlust abgeschlossen. Aktionäre beklagen den teuren Ausbau des Konzerns zum Global Player, die hohen Summen, die für Voicestream und UMTS ausgegeben wurden und den Schuldenberg in Höhe von 67 Milliarden Euro. Wie alle Anleger im Telekomsektor trauen auch sie den Wachstumsprognosen im Mobilfunk nicht mehr.

Die Alarmzeichen

Dies wiegt umso schwerer, da die Cash-Cow der Deutschen Telekom, das traditionell starke Festnetzgeschäft, sinkende Umsätze meldet. Ab Dezember dürften die Umsätze in der T-Com Sparte weiter nachgeben: Dann können sich Kunden auch bei Ortsgesprächen einen anderen Betreiber aussuchen – mit Hilfe einer Vorwahl, wie es bereits bei Ferngesprächen üblich ist. Im Gegensatz zum Kabelnetzverkauf, der am Einspruch der Kartellwächter gescheitert ist, hätte man diese Entwicklung einplanen können: Der Markt für Telekommunikation wird seit vier Jahren liberalisiert.

Hiobsbotschaften und neue Hausaufgaben

Als Dreingabe wird den T-Aktionären die Dividende um 40 Prozent gekürzt, während die Bezüge des achtköpfigen Vorstands um rund 90 Prozent auf 17,4 Millionen Euro steigen – angesichts des drastischen Kursrutsches für viele Anleger ein Schlag ins Gesicht. Den Wert seiner Immobilien musste der Konzern um mehr als 2,5 Milliarden Euro nach unten korrigieren. Der Schuldenabbau stockt, da sowohl der Verkauf des Kabelnetzes an Liberty Media (geplante Einnahmen: 5,5 Milliarden Euro) geplatzt als auch der Börsengang der Mobilfunksparte T-Mobile verschoben ist: Börsengang und Kabelnetzverkauf sollen rund 15 Milliarden Euro in die Kasse bringen.

Das Ziel, die Schulden auf 50 Milliarden Euro zu drücken, hat das Unternehmen bereits um ein Jahr auf Ende 2003 verschoben. Das angestrebte operative Ergebnis von 21 Milliarden Euro im Jahr 2004 wird von Experten angezweifelt: Der Marktanteil des Hoffnungsträgers Voicestream in den USA liegt noch unter zehn Prozent. Sollte Voicestream auf dem US-Mobilfunkmarkt an den Rand gedrängt werden, wird es eng. Zu den Hiobsbotschaften der vergangenen Monate gesellen sich auf diese Weise für das laufende Jahr noch viele Fragezeichen: Aktionärsverbände wollen dem Vorstand am 28. Mai die Entlastung verweigern. Der Bund, der zusammen mit der Kreditanstalt für Wiederaufbau zusammen 43 Prozent der Telekom-Anteile hält, stärkt Sommer zwar noch den Rücken, dürfte sich nach der Wahl im September aber mit dem Top-Manager erneut zusammensetzen. Dessen Vertrag läuft noch bis 2005.

Klare Luft nach dem Gewitter

Nun muss die Deutsche Telekom ihre Investitionen zurückfahren, um von ihrem Schuldenberg herunterzukommen. Der Verkauf von Beteiligungen in Südostasien und die Konzentration auf Europa und Nordamerika gilt dabei als ein erster Schritt. Zwecks Umschuldung plant das Unternehmen eine Anleihe in Höhe von fünf bis acht Milliarden Euro. Die Anleihe dürfte nach Informationen aus Konsortialkreisen nicht vor Veröffentlichung der Quartalszahlen am Mittwoch, 22. Mai, kommen.

Ein Gewitter hat aber auch Vorteile. Es reinigt die Luft, und die überhitzten Erwartungen sind deutlich abgekühlt. Nach dem Kursrutsch lohnt ein zweiter Blick auf die Großen der Branche: Die aktuellen Kurse spiegeln Umsatzerwartungen wider, die deutlich näher an der Realität sind als im Herbst 2000. Zweitens weist zum Beispiel die Deutsche Telekom immer noch einen hohen Cashflow aus und lässt sich mit der ins Trudeln geratenen US-Gesellschaft Worldcom nicht vergleichen. Die Schulden der Bonner in Höhe von 67 Milliarden Euro sind zwar immens, doch im Verhältnis zum Eigenkapital stehe die Deutsche Telekom noch deutlich besser da als zum Beispiel France Télécom oder British Telecom, sagt Ilona Hasselbring, Analystin der Berenberg Bank. Die pessimistischen Ausblicke der Netzausrüster Ericsson und Nokia haben die Telekombranche mit nach unten gezogen, bedeuten aber auch, dass die großen Telefonkonzerne ihre Ausgaben verringern und mit Hilfe dieses Sparkurses künftig höhere Gewinne erzielen können.

Dass sich Branchenriesen wie Vodafone oder Deutsche Telekom mit dieser Strategie selbst kaputt sparen, ist unwahrscheinlich. Sie bringen eher die Zulieferer und kleine Unternehmen in Schwierigkeiten. Der Erfolg von UMTS ist unsicher, doch in der Krise werden die großen Unternehmen den längsten Atem haben. Kaum jemand bezweifelt, dass sich die neuen Mobilfunkstandards früher oder später durchsetzen und auch wieder mehr Geld in die Kassen der überlebenden Konzerne bringen werden. Abwarten, nicht abschreiben, lautet derzeit das Motto für Investoren.

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