Technologietitel 2002 - das Jahr der Hightechs?

Sie sind wieder da. Von einer anziehenden Konjunktur dürften Technologietitel stärker als andere Werte profitieren. Die Kursgewinne drohen den Erträgen jedoch erneut davonzulaufen. Nur die Krisengewinner werden die hoch gesteckten Erwartungen erfüllen.

Nach ihrem tiefen Sturz im Vorjahr klettern die Aktien von Chipherstellern, Softwareanbietern, Netzwerkausrüstern und Telekom-Titeln wieder nach oben, als seien Branchenkrise und Rezession Schnee von gestern. Seit September hat die Technologiebörse Nasdaq über 30 Prozent zugelegt. Die Hoffnung, dass sich die Techwerte wie Phoenix aus der Asche erheben und rasant den alten Höhen zustreben, treibt viele Anleger in die bereits jetzt wieder teuren Titel.

Seismograph für die Konjunktur

Die Hightechbranche könnte tatsächlich zu den Gewinnern des Jahres 2002 gehören, wenn die Konjunktur rechtzeitig wieder anzieht. Technologiewerte profitieren früher als andere Branchen von einer wirtschaftlichen Stabilisierung: Als "Prozykliker" reagieren sie früh auf eine steigende Investitionsbereitschaft bei Unternehmen und Verbrauchern. Weiterhin profitieren sie von den aggressiven Zinssenkungen der US-Notenbank - die Zinsbelastung der verschuldeten Konzerne wird dadurch geringer, und potenzielle Kunden können ihre Aufträge leichter finanzieren. Niedrige Zinsen, gesunkene Energiepreise und Steuererleichterungen lauten die Hauptargumente der Volkswirte, die spätestens im zweiten Halbjahr mit einer spürbaren Erholung der US-Wirtschaft rechnen.

Bewertung wie zu Boom-Zeiten

Die Börse nimmt jedoch wie ein ungeduldiges Kind eine mögliche Erholung schon über Monate vorweg. Je tiefer der Fall, desto beeindruckender das Comeback, lautet die riskante Formel. Auch die besten TMT-Fonds verzeichneten 2001 ein dickes Minus, umso größer sind die Hoffnungen auf ein Comeback. (Siehe Fondsranking der TMT-Fonds.)

Der Dow-Jones-Euro-Stoxx-Technologie-Index ist zwischen September und Anfang Januar zeitweise um mehr als 50 Prozent geklettert. Diese Rallye war nicht von steigenden Firmenerträgen, sondern von den hohen Bargeldreserven der Anleger getrieben, warnen die Analysten von Morgan Stanley. Die Kurse laufen den Gewinnen davon: Selbst wenn sich die Erträge der Hightechunternehmen nach der schweren Branchenkrise wieder stabilisieren, können sie den kletternden Kursen kaum im gleichen Tempo folgen.

Viele Technologietitel sind zwar optisch billig, aber bereits jetzt wieder ähnlich hoch bewertet wie zu Zeiten des Internetbooms. Die Gewinne der Unternehmen sind während des Crashs zum Teil noch stärker eingebrochen als die Kurse: Gemessen am Kurs-Gewinn-Verhältnis (KGV) ist der Chiphersteller Intel daher mit einem KGV von über 50 immer noch extrem hoch bewertet, obwohl der Aktienkurs deutlich nachgegeben hat. Das Kurs-Gewinn-Verhältnis der Aktien innerhalb des marktbreiten Index S&P 500 hat zu Jahresbeginn, wenn man die Ergebnisse der vergangenen zwölf Monate zugrunde legt, mit 40,5 einen Höchststand erklommen.

Stock-Picking lohnt sich

Stock-Picking lohnt sich

Die jüngsten Zahlen der Branchenriesen deuten zwar darauf hin, dass das Schlimmste überstanden ist - um die kletternden Kurse fundamental zu rechtfertigen, müssen die Erträge der Firmen im zweiten Quartal des Jahres jedoch kräftig anziehen. Bleiben sie den Nachweis schuldig, dass die Wende zum Besseren geschafft ist, droht ein neuer Kursrückschlag.

Ein Investment in Technologiewerte ist daher mit Risiken verbunden. Wer auf die Gewinner der Krise setzt, hat jedoch überdurchschnittliche Ertragschancen. (Siehe Interview: "Zickzackkurs mit Tendenz nach oben"). Der Markt wird derzeit neu aufgeteilt, Konkurrenten verabschieden sich aus dem Wettbewerb, und striktes Kostenmanagement verbessert die Ertragslage: Wenn im zweiten Halbjahr 2002 die Nachfrage nach Chips, Computern, Hard- und Software zunimmt, können die Gewinner wieder mit markant steigenden Erträgen rechnen. Daher lohnt ein Blick auf einzelne Sektoren aus der Hightech-Hoffnungsbranche.

Chipindustrie vor Turn-around

Chipindustrie vor Turn-around

Die Umsätze in der Halbleiter-Branche sind im "Horrorjahr 2001" um 33 Prozent auf 152 Milliarden Dollar eingebrochen. Die sinkenden Verkaufszahlen im Computer- und Handymarkt sowie ein gnadenloser Preiskampf der Hersteller drückten die Preise für einen 128-Megabit-Speicherchip zeitweise auf unter einen Dollar: Inzwischen ist der Preis wieder auf rund drei Dollar gestiegen, liegt aber immer noch unter den Herstellungskosten. Für das Jahr 2002 erwartet der US-Branchenverband SIA (Semiconductor Industrie Association) wieder ein Branchen-Wachstum von 6,3 Prozent.

Mit steigender Nachfrage dürften auch die Chippreise wieder deutlich in die Höhe schnellen. Davon könnten der deutsche Hersteller Infineon, der erst kürzlich in Dresden eine Fabrik zur kostengünstigen Massenproduktion von Speicherchips eröffnet hat, oder der französisch-italienische Konzern ST Microelectronics profitieren. Weltweit ist Intel der umsatzstärkste Hersteller, gefolgt von Toshiba und NEC. Die Wette auf rasant steigende Erlöse geht auf, wenn die Nachfrage auch in den Jahren 2003 und 2004 weiter steigt: Sobald die Zahl der Bestellungen wieder unter die der Lieferungen sinkt, fallen die Preise wieder deutlich. "Schweinezyklus" nennen Branchenkenner dieses jähe Auf und Ab. Optimisten rechnen jedoch für die Jahre 2003 und 2004 mit Wachstumsraten von mehr als 20 Prozent.

Telekommunikation: Wette auf UMTS

Telekommunikation: Wette auf UMTS

Das Wohl und Wehe der großen Telefonkonzerne in Europa hängt vom UMTS-Start im Herbst dieses Jahres ab. Unternehmen wie Deutsche Telekom, Vodafone und France Télécom sind darauf angewiesen, dass ihre Kunden die neuen Möglichkeiten des mobilen Internet nutzen. Die Konzerne haben Milliarden für die UMTS-Lizenzen ausgegeben und rechnen nun mit den künftigen Einnahmen aus den neuen Datendiensten. Die Chancen stehen nicht so schlecht: Bereits das Geschäft mit simplen Kurznachrichten per Mobiltelefon (SMS) erweist sich als sehr erträglich.

Vodafone-Vorstandschef Chris Gent zum Beispiel setzt in einem zweiten Schritt auf das "Multimedia-Messaging": Privatkunden können bald auch Bilder und längere Texte durch die Netze schicken. Schnellere Datentechnik - zunächst GPRS, dann UMTS - soll das Mobiltelefon vor allem für Geschäftskunden zum unentbehrlichen Begleiter machen. Die großen, finanzstarken Telekommunikationsanbieter könnten nach Meinung vieler Experten gestärkt aus der Krise hervorgehen: Sie haben die besten Chancen, Informationspartner für eigene mobile Datendienste an sich zu binden.

Netzwerk-Ausrüster: Zitterpartie geht weiter

Netzwerk-Ausrüster: Zitterpartie geht weiter

Die UMTS-Technik könnte auch den Ausrüstern von Handynetzen zu Gute kommen. Die Ausgaben für Festnetztechnik werden in diesem Jahr dagegen voraussichtlich um 13 Prozent sinken. Erst für 2003 rechnen Branchenkenner mit einer Erholung. Der Chef des weltgrößten Netzwerkausrüsters Cisco, John Chambers, spricht zwar wieder von einem "schrittweise wachsenden Markt" und einer verbesserten Auftragslage. Dabei ist er aber darauf angewiesen, dass die Netzbetreiber schon bald wieder in neue Kommunikations-Hardware investieren. Auch Ausrüster wie Corning, Lucent und Nortel haben nach ihrem atemberaubenden Kurssturz noch viel Hausaufgaben zu erledigen und müssen nach Ansicht von Analysten noch Geduld haben, bis die Durststrecke überwunden ist.

Kurzfristige Rückschläge wahrscheinlich

Die Technologiebörse Nasdaq hat im Januar wieder deutlich nachgegeben. Weitere Rückschläge im Frühjahr sind möglich, solange die Kursgewinne nicht durch Unternehmensgewinne untermauert sind. Dennoch müssen sich Investoren, die langfristig an Entwicklungsschübe im Bereich Technologie glauben, von kurzfristigen Rückschlägen nicht beirren lassen. Viele Unternehmen werden die Gelegenheit nutzen und zu Jahresbeginn möglichst viele ihrer Belastungen in ihre Bilanzen hereinpacken, meinen Analysten der Deutschen Bank. Eine Börsenregel lautet: Wer bei ohnehin trüber Stimmung tief stapelt, fällt kaum auf und kann die Erwartungen später umso leichter schlagen.

Springt der Konjunkturmotor bis Mitte des Jahres an, dürften verschlankte und krisengestählte Prozykliker stärker als andere Unternehmen profitieren. Vor allem auf Grund der Kostensenkungsprogramme könnten die Gewinne der Technologieunternehmen dann bald wieder zweistellig steigen. Gemeinsam mit der Konjunktur sind die Techwerte im Vorjahr ins Jammertal marschiert - gemeinsam mit der Weltwirtschaft, und nicht meilenweit voraus, dürften sie sich auch wieder berappeln.

Kai Lange

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