Ratingagenturen Gesundheitscheck für Schuldner

Entscheidend bei der Wahl einer Anleihe ist das Ausfallrisiko. Die Gefahr, dass ein Unternehmen, Staat oder Kommune das geliehene Geld nicht zurückzahlen können, beurteilen Ratingagenturen. Die mit Abstand einflussreichsten sind Standard & Poor's und Moody's.

Nichtraucher zahlen bei vielen US-Krankenkassen weniger Beitrag. Warum? Sie werden statistisch gesehen nicht so oft krank wie Raucher und verursachen für die Kassen dadurch weniger Kosten. Wer raucht, bringt ein höheres Risiko mit und muss dafür auch mehr an die Kasse zahlen. Ähnlich verhält es sich, wenn Firmen auf dem freien Kapitalmarkt einen Kredit in Form einer Anleihe aufnehmen wollen: "Sage mir, wie gesund Du bist, dann sage ich Dir, wieviel Zins Du zahlen mußt", ist das Motto der Investoren.

Direkt gefragt, würde eine Firma ihre Finanzkraft wohl immer etwas stärker darstellen, als sie ist. Deshalb verlassen sich die Investoren auf eine unparteiische Instanz: Wie die Krankenkassen den Diagnosen von Ärzten vertrauen, so verlassen sich die Anleihe-Experten auf das Urteil von Ratingagenturen. Hier arbeiten hochbezahlte Spezialisten, um herauszufinden, wie kreditwürdig ein Konzern ist. Die Analysten der Ratingagenturen durchleuchten die Bilanzen, prüfen Geschäftsrisiken, beurteilen die Sicherheit von Verbindlichkeiten und vergleichen den Testkandidaten mit Konkurrenten aus seiner Branche. Weltweit teilen zwei US-Ratingagenturen das Geschäft mit dem Unternehmens-TÜV nahezu komplett untereinander auf: Die Bonitätseinstufungen von Standard & Poor's und Moody's werden am Finanzmarkt respektiert.

Am Ende der detaillierten Überprüfungen, die sich nicht nur auf Kapitalgesellschaften beschränken, sondern auch die finanzielle Solidität von Ländern und Städten, gibt es eine Zensur. Und die wirkt maßgeblich auf die Kapitalbeschaffungskosten der Firma. Spitzennote ist das Triple-A. Damit bescheinigen die Ratingagenturen dem Anleihe-Investor, dass er bei einer Anlagedauer von zehn Jahren nur ein verschwindend kleines Ausfall-Risiko von 0,8 Promille in Kauf nimmt. Über 19 Stufen geht es dann abwärts mit den Rating-Urteilen (siehe Tabelle), in der untersten Kategorie finden sich die Junk Bonds. Hier ist das Ausfallrisiko höher als die Wahrscheinlichkeit, dass das bewertete Unternehmen noch zehn Jahre überlebt. Geht es Konkurs, werden die Anleihen mit Null ausgebucht - Totalverlust für den Anleger (weiter nach der Tabelle).

Anleihebewertung Rating nach Standard & Poor's Rating nach Moody's Ermitteltes Ausfallrisiko über 10 Jahre
Sehr gute Bonität
höchste Qualität, geringstes Risiko eines Ausfalls von Zinszahlungen oder der Kapitalrückzahlung AAA Aaa 0,8%
hohe Qualität, etwas größeres Ausfallrisiko AA+
AA
AA-
Aa1
Aa2
Aa3
1%
Gute Bonität
gute Qualität, Emittenten sind jedoch etwas anfälliger gegenüber gesamtwirtschaftlichen Entwicklungen A+
A
A-
A1
A2
A3
1,6%
Durchschnittliche Bonität
mittlere Qualität, Verschlechterungen der gesamtwirtschaftlichen Bedingungen können die Zahlungsfähigkeit verringern BBB+
BBB
BBB-
Baa1
Baa2
Baa3
4,4%
Spekulative Anleihen
spekulative Werte, zukünftige Zahlungen des Schuldners nicht gut gesichert BB+
BB
BB-
Ba+
Ba
Ba-
20,1%
sehr spekulative Papiere, hohes Risiko des Zahlungsausfalls bei ungünstigen Geschäfts-, Finanz- oder allgemeinen Wirtschaftsbedingungen B+
B
B-
B1
B2
B3
51%
Junk Bonds
unterste Qualitätsstufe, Schuldner kann Zahlungsverpflichtungen nur bei günstigen Rahmenbedingungen aufrechterhalten oder befindet sich bereits in Zahlungsverzug CCC
CC
C
Caa
Ca
C
bis 100%

Was aber passiert, wenn die zehnjährige Anleihe eines Unternehmens überholt wird von einem neuen Rating-Urteil? Hat die Firma X ein Triple-A im Jahr 1997 erhalten und sackt jetzt auf A+ ab, hat der Anleger plötzlich ein erhöhtes Risiko, ohne mehr Zins dafür verlangen zu können - Pech. Aber die Finanzabteilungen großer Dax-Werte planen bereits fairere Produkte: Schon bald sollen Anleihen mit einer variablen Verzinsung auf den Markt kommen, die abhängig ist von der Veränderung der Rating-Urteile. Bei schlechterer Note hebt das Unternehmen den Zins automatisch an, bei einer Verbesserung soll der Zins gesenkt werden.

Obwohl die beiden großen Ratingagenturen, die vor mehr als hundert Jahren gegründet wurden, etabliert sind an den Finanzmärkten, gibt es auch Kritik. Einige Volks- und Betriebswirtschaftler sehen die Ergebnisse der Konzern- oder Länderprüfungen schon als überholt an, wenn sie auf den Markt kommen. Denn über die Monate, die eine Analyse in Anspruch nimmt, kann sich in einer immer schnelllebigeren Wirtschafts- und Börsenwelt vieles verändern. Zuletzt wurde sowohl Standard & Poor's als auch Moody's vorgeworfen, den drohenden Staats-Bankrott in Argentinien zu spät bei ihren Länderurteilen berücksichtigt zu haben. Niemand ist eben unfehlbar.

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