Interview "Abschied von alten Klischees"

Als Leiter der europäischen Aktienfonds bei der DWS beobachtet Klaus Martini die Entwicklung des Management-Stils bei den deutschen Unternehmen. Sein Urteil: Ausländische Investoren sind zu unrecht voreingenommen gegenüber diesen Werten.

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Wie stark ist der Einfluss von Fondsmanagern in Deutschland auf Vorstandsvorsitzende? Gibt es dabei Unterschiede zwischen den großen Dax-Blue-Chips und beispielsweise MDax- oder Nemax-Werten?

Klaus Martini: Der Einfluss der Fondsmanager auf die Vorstände hängt weniger von der Größe des Unternehmens ab als von dem Anteil an der Gesellschaft, den die Fondsgesellschaft hält. Mit drei Prozent hat man natürlich mehr Einfluss als mit 0,3 Prozent. Entscheidend ist aber, wie man als Fondsmanager mit dem Management des Unternehmens kommuniziert. Wer mit den Vorständen nicht redet, kann auch seinen Einfluss nicht geltend machen. Wir stehen in einem sehr regen Dialog mit den Gesellschaften, in die wir investieren. Um Ihnen eine Größenordnung zu geben: Im Jahr 2000 führten wir über 1700 persönliche Gespräche mit führenden Unternehmensvertretern - Telefonate nicht inbegriffen.

mm.de: Die immense Skepsis von US-Anlegern gegenüber Dax-Unternehmen hat sich unter anderem bei der Deutschen Telekom und DaimlerChrysler gezeigt. Bei Übernahmen durch Aktientausch haben viele US-Anleger diese Werte in großem Umfang abgestoßen. Die Telekom soll zeitweise eine der in den USA am stärksten geshorteten Aktien aus Europa gewesen sein. Sind dies Zeichen dafür, dass internationale Investoren mit der Corporate Governance deutscher Unternehmen nicht zufrieden sind?

Martini: Die Corporate Governance deutscher Gesellschaften ist besser als das Bild, das sich anglo-amerikanische Investoren von ihr machen. Auf gesetzlicher wie auf Unternehmensebene hat Deutschland in den letzten Jahren große Fortschritte gemacht. Aber noch haben viele Ausländer nicht begriffen, dass der Finanzplatz Deutschland nicht mehr das ist, war er vor zehn Jahren war. Das spiegelt sich zum Teil leider auch in den Bewertungen vieler deutscher Unternehmen wider. Ich denke, aus Deutschland heraus muss aggressiver kommuniziert werden, dass sich hier viel verändert hat. Von ausländischen Investoren erwarte ich aber auch, dass sie sich von alten Klischees verabschieden.

mm.de: Welche deutschen Unternehmen stehen mit ihrer Corporate Governance bei Ihnen auf der Favoritenliste ganz oben, welche sind die größten Flops?

Martini: Wir haben im Juli ein umfassendes Corporate-Governance-Ranking der Euro-Stoxx-50-Gesellschaften veröffentlicht. Von den deutschen Unternehmen schnitten Deutsche Bank und DaimlerCrysler am besten, Deutsche Telekom und Volkswagen am schlechtesten ab.

mm.de: Haben persönliche Eigenschaften eines Vorstands maßgeblichen Einfluss auf den Aktienkurs? Welche Charakterzüge, welches Auftreten ist hier wichtig?

Martini: Zweifellos, die Qualität des Managements ist für uns ein wichtiges Kriterium bei der Aktienselektion. Zu den wichtigsten Charakterzügen zähle ich Durchsetzungsvermögen. Die beste Strategie nützt nichts, wenn sie nicht umgesetzt wird. Ferner Mut. Neue Wege kann man nur beschreiten, wenn man die Konfrontation mit den Skeptikern nicht scheut. Schließlich Kreativität. Wer bei den sich ständig verändernden Rahmenbedingungen, technologischen Entwicklungen und Wettbewerbern sein Unternehmen nur in den alten Bahnen verwaltet, wird scheitern. Erfolgreich wird auf Dauer nur sein, wer sich schnell anpasst und den anderen einen Schritt voraus ist.

mm.de: Fondsgesellschaften aus den USA und Großbritannien kritisieren die deutsche Aufteilung der Führungsebene in Vorstand und Aufsichtsrat ebenso wie den relativ starken Einfluss von Betriebsräten auf die Geschäftspolitik. Besteht hier Änderungsbedarf?

Martini: In den genannten Ländern kann man das Prinzip der Mitbestimmung ideologisch nicht nachvollziehen und verkennt darüber ihre tatsächlichen Auswirkungen. Die wichtigen strategischen Entscheidungen, die die Zukunft des Unternehmens und damit auch den Aktienkurs bestimmen, werden vom Vorstand entwickelt und nicht vom Betriebsrat. Eine Blockadehaltung der Arbeitnehmerbank im Aufsichtsrat ist bei diesen Themen eher selten. Im Übrigen bringt die Einbindung des Betriebsrates in Entscheidungsprozesse Vorteile bei der Umsetzung von Entscheidungen.

Die Aufteilung in Vorstand und Aufsichtsrat ist dem anglo-amerikanischen System ebenfalls fremd. Sie ist aber nicht schlechter als das dortige One-Board-System. Immerhin bedeutet sie, dass es ein gesondertes Organ gibt, das das Management kontrolliert. Das Board hingegen muss es aus sich heraus schaffen, sich selbst zu kontrollieren.

mm.de: Könnte eine wachsende Kritik aus dem Ausland dazu führen, dass vielleicht schon in wenigen Jahren die Vorstandsposten der 30 Dax-Unternehmen mit anderen Leuten besetzt sind?

Martini: Jetzt reden wir von Personen. Kritisiert wird von manchen Ausländern aber das System. Die Qualifikation der deutschen Vorstandsmitglieder steht denen ihrer ausländischen Kollegen nicht nach. Ich kann mir aber vorstellen, dass künftige Vorstände global tätiger deutscher Unternehmen stärker mit Leuten besetzt sein werden, die spezielle sprachliche und kulturelle Kenntnisse aus Regionen mitbringen, die für das Unternehmen wichtige Märkte darstellen.

mm.de: Wie schätzen Sie die Macht der "Deutschland AG" ein? Durch Verflechtungen von Politik und Unternehmen untereinander tauchen insbesondere in verschiedenen Aufsichtsräten häufig dieselben Namen auf. Sind es immer noch nur eine einige Personen, die den Wirtschaftsdampfer Deutschland steuern?

Martini: Nein. Durch das Gesetz zur Kontrolle und Transparenz im Unternehmensbereich wurde 1998 die Zahl der Aufsichtsratsmandate beschränkt. Die persönlichen Verflechtungen sind in Deutschland nicht intensiver als in anderen europäischen Ländern. Als Negativbeispiel fällt mir da eher die Schweiz ein. Und was die Verflechtungen mit der Politik angeht, werfen Sie einmal einen Blick nach Frankreich. Aber verstehen Sie mich bitte nicht falsch. Ich bin sehr wohl der Meinung, dass eine weitergehende Entflechtung erforderlich ist, bin aber zuversichtlich, dass durch die im nächsten Jahr in Kraft tretende Steuerrechtsänderung eine weitgehende Auflösung der Überkreuzbeteiligungen eintreten wird.

mm.de: Vorstände von Dax-Unternehmen haben in der Vergangenheit beklagt, dass Fondsmanager die soziale Verantwortung, die ihr Chefposten beinhaltet, nicht berücksichtigen. Zufriedenheit in der Belegschaft lässt sich nur schwer messen. Halten Sie diesen "weichen" Faktor trotzdem für so wichtig, dass Sie Ihn bei Ihren Anlageentscheidungen berücksichtigen?

Martini: Natürlich ist der Faktor Zufriedenheit der Mitarbeiter wichtig. Wer die Mitarbeiter hinter sich weiß, kann leichter auch unpopuläre Entscheidungen fällen. Deswegen macht es ja auch keinen Sinn, die Mitbestimmung zum zentralen Gegenstand der Corporate-Governance-Diskussion zu erheben. Aber soziale Verantwortung, so wichtig sie ist, ist eben nicht alles. Die Zahlen und die Strategie müssen schon auch stimmen.

* Das Interview führte mm.de-Redakteur Christian Buchholz

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