Interview "Wir brauchen eine europäische Börsenaufsicht"

Die zunehmende Globalisierung der Finanzmärkte nutzen nicht nur seriöse Anleger, sondern auch dubiose Geschäftemacher. Selbst Terroristen sollen im Vorfeld der Anschläge in den USA an den Kapitalmärkten spekuliert haben. Aber nicht nur deshalb fordert Finanzmarktexperte Wolfgang Gerke eine internationale Börsenaufsicht.
Von Arne Stuhr

mm.de:

Erfüllt das geplante Vierte Finanzmarktförderungsgesetz Ihre Erwartungen, oder gibt es Nachbesserungsbedarf?

Gerke: Die wesentlichen Forderungen sind im Gesetz enthalten. Eine wichtige Verbesserung ist, dass ein Anleger bei fehlerhaften Ad-hoc-Meldungen jetzt gezielt gegen ein Unternehmen vorgehen kann. Ich hätte mir aber gewünscht, dass sich das Gesetz nicht nur auf Pflichtpublikationen bezieht, sondern auch Äußerungen in Zeitungen oder Fernsehsendungen einschließt. Zusätzlich sollten in einer nächsten Stufe Schwerpunkt-Staatsanwaltschaften eingerichtet werden. Um kriminellen "Investoren" das Handwerk zu legen, müssen bei den Strafverfolgungsbehörden Finanzmarktexperten sitzen.

mm.de: Zusammen mit Rüdiger von Rosen haben Sie einen Verhaltenskodex für Analysten entworfen. Wie fällt die Resonanz auf Ihre Vorschläge aus?

Gerke: Die wichtigen Kräfte an den Finanzmärkten haben die Ideen positiv aufgenommen, und auch die DVFA (Deutsche Vereinigung für Finanzanalyse und Asset Management) hat ihre Statuten zum Teil an unsere Vorschläge angepasst. Eine Vereinbarung auf freiwilliger Basis ist aber nicht ausreichend, da eine neutrale Instanz fehlt, die berechtigt wäre, Sanktionen durchzuführen. Daher ist es wichtig, dass möglichst viele Aspekte in die Gesetzgebung einfließen. Auch bei der Schaffung der neuen Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht sollte dieses berücksichtigt werden.

mm.de: Welchen Einfluss hat die angekündigte Bekämpfung terroristischer Finanzströme auf die Bereitschaft der Marktteilnehmer, stärker kontrolliert zu werden?

Gerke: Seriöse Unternehmen hatten schon vorher nichts gegen eine umfassende Börsenaufsicht. Und dass die Kriminellen auch nach dem 11. September nicht dafür sind, liegt ja auf der Hand. Forderungen, dass zum Beispiel Unternehmen der Biotechnologie ihre Verfahren offen legen sollen, halte ich für überzogen. Betriebsgeheimnisse müssen auch weiterhin vor den Konkurrenten geschützt werden können.

mm.de: Wie sollen die Aufsichtsbehörden auf die zunehmende Globalisierung der Finanzmärkte reagieren?

Gerke: Wir brauchen eine globale Börsenaufsicht. Dabei geht es aber nicht so sehr um eine Vernetzung, sondern um die Harmonisierung der Rechtsvorschriften. In Europa könnte in Anlehnung an die Struktur der Europäischen Zentralbank eine Supra-Börsenaufsicht entstehen, der die nationalen Kontrollbehörden zuarbeiten würden. Eine enge Abstimmung mit den Amerikanern ist dabei selbstverständlich.

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