Aktiencrash Wenn die Kanonen donnern

Kriege gibt es viel länger als Börsen. Also ist es nicht verwunderlich, dass jeder Konflikt auch an den Aktienmärkten seine Spuren hinterlässt. Allerdings erholen sich die Märkte oftmals schneller als erwartet.

Als die New Yorker Börsen am 17. September dieses Jahres - sechs Tage nach den Terror-Anschlägen auf das Pentagon und das World Trade Center - um 9.30 Uhr Ortszeit wieder den Handel aufnahmen, richteten sich die Augen der gesamten Börsenwelt auf das immer noch unter Schock stehende Finanzzentrum. Die Hoffnungen und Befürchtungen reichten von einer "Rallye der Patrioten" bis hin zum "Total-Ausverkauf". Am Ende verlor der Dow Jones die Rekordzahl von 684 Punkten und damit 7,1 Prozent. Der Technologiebörse Nasdaq erging es mit einem Minus von 6,8 Prozent nicht viel besser. Trotz der deutlichen Kursverluste sprachen die Börsianer von einer gemäßigten Reaktion der Märkte und bedankten sich bei der amerikanischen Notenbank, die noch vor Handelseröffnung die Zinsen um 50 Basispunkte gesenkt hatte.

Dass die Aktienmärkte auf einschneidende politische Ereignisse mit deutlichen Abschlägen reagieren, ist nichts Neues. So verlor der Dow Jones nach dem Einmarsch des Irak nach Kuwait am 2. August 1990 in wenigen Wochen rund 20 Prozent. Mit dem Beginn der Luftangriffe der Alliierten am 17. Januar 1991 zogen die Kurse in der Hoffnung auf ein baldiges Ende des Krieges wieder an. Der Dow Jones legte in nur 15 Minuten 70 Punkte zu. Als am 28. Februar 1991 die Waffenruhe verkündet wurde, stand der Index schon wieder bei über 2900 Zählern. Ein Jahr nach Ausbruch des Krieges notierten US-Aktien im Schnitt fünf Prozent höher als zu Beginn des Konfliktes.

Diesem Muster folgte die NYSE (New York Stock Exchange) auch bei den Kriegen der Amerikaner in den fünfziger und sechziger Jahren. Ein Jahr nach dem Angriff Nordkoreas auf Südkorea am 25. Juni 1950 lag der Dow Jones fast zehn Prozent über seinem Stand vor Ausbruch des Korea-Krieges. Und selbst der Vietnamkrieg konnte den Anstieg der US-Börsen nur kurzzeitig stoppen. Zwölf Monate nach dem so genannten Tonking-Zwischenfall Anfang August 1964 verzeichnete die Wall Street gegenüber den Kursen vor Beginn des für die Amerikaner so verlustreichen Krieges schon wieder einen Anstieg von 4,8 Prozent.

Der Ölpreis bestimmt die Richtung

Die jeweils zu Kriegsbeginn bröckelnden Aktienkurse hingen in erster Linie mit der Furcht vor einem steigenden Ölpreis zusammen. Eine allgemeine Kriegsangst und daher abnehmende Kauflust spielten eine untergeordnete Rolle. Ein gutes Beispiel dafür ist der Jom-Kippur-Krieg von 1973. Sorgte die Mobilmachung der US-Streitkräfte am 6. Oktober 1973 nur für einen leichten Rückgang, brachen die Kurse nach der Verhängung eines Ölembargos am 17. Oktober durch die Araber dramatisch ein. Der Dow Jones verlor in den auf das Embargo folgenden Monaten circa 20 Prozent und fiel unter die 800-Punkte-Marke.

Endzeitstimmung contra "business as usual"

Sicherlich noch unter dem Einfluss der schrecklichen Bilder aus Washington und New York glauben US-Banker diesmal aber nicht, dass es zu einer baldigen Erholung kommen wird. "Dieser Anschlag ist so gravierend, und die Folgen sind so unvorhersehbar, dass Investoren sich am besten auf das Schlimmste einrichten", befürchtet Howard Wheeldon, Europa-Chefanalyst des Finanzkonzerns Prudential. Den Ausspruch des legendären André Kostolany "kaufen, wenn die Kanonen donnern" nimmt vor dem Hintergrund Tausender Opfer zurzeit dagegen keiner in den Mund.

Dass es zu einer lang anhaltenden Börsenschwäche wie nach dem Zweiten Weltkrieg kommen könnte, ist unwahrscheinlich. Dagegen spricht die geschlossene Front der Industriestaaten und das klare Signal der Notenbanken. Auch die Organisation der Erdöl exportierenden Länder (Opec) hat angekündigt, die Versorgung aufrecht zu erhalten und sich für einen stabilen Ölpreis einzusetzen.

Arne Stuhr

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