Energie Gaspreise werden weiter rasant steigen

Deutschlands Verbrauchern droht angesichts rasant steigender Gaspreise ein teurer Winter. Kreml und Gazprom weisen den Verdacht der Marktmanipulation zurück. Wirklich hart erwischt es bereits Unternehmen und Menschen in Großbritannien.
Kein Gasdruck: So weit ist es noch nicht, viele Gasspeicher in Deutschland sind aber nicht voll. Die Grünen schließen daher im Winter zeitliche und regionale Engpässe nicht aus.

Kein Gasdruck: So weit ist es noch nicht, viele Gasspeicher in Deutschland sind aber nicht voll. Die Grünen schließen daher im Winter zeitliche und regionale Engpässe nicht aus.

Foto: Maurizio Gambarini/ picture-alliance/ dpa

Die Großhandelspreise für Erdgas ziehen rasant an, Verbraucher bekommen das jetzt zu spüren: Nach Angaben der Vergleichsportale Verivox und Check24 haben zahlreiche regionale Gasanbieter Preiserhöhungen für den Herbst angekündigt. Verivox hat ein Plus von durchschnittlich 12,6 Prozent ermittelt, nach Check24-Berechnungen sind es 11,5 Prozent. Für einen Durchschnittshaushalt führe das zu Mehrkosten von 188 Euro beziehungsweise 172 Euro im Jahr. Experten beider Portale erwarten weiter steigende Preise, auch deshalb, weil der CO2-Preis fürs Heizen mit dem Jahreswechsel von derzeit 25 Euro pro Tonne auf dann 30 Euro steigt.

Großbritannien: 250 Prozent Preisanstieg seit Jahresbeginn

Mit Blick auf die Gaspreisentwicklung in Großbritannien ist die Lage aber noch vergleichsweise entspannt: Dort kletterten seit Jahresbeginn die Gaspreise um 250 Prozent; allein im August waren es 70 Prozent. Die Energiekrise könne noch mehrere Monate dauern, sagte Premierminister Boris Johnson (57).

Die britische Regierung erwägt gar Hilfen für Gas-Versorger. Der Preisanstieg zwang vier kleinere Versorger den Handel einzustellen. Die führenden Energieversorger fürchten Risiken durch die Übernahme von Kunden der Pleite gegangenen Mitbewerber. Für diese Kunden müsste Gas zu den aktuellen, hohen Preisen eingekauft werden. Diese Kosten könnten den Preisdeckel für Endkunden übersteigen. Bei den Altkunden haben sich die Versorger vor Monaten mit Deckungsgeschäften gegen Preissteigerungen am Weltmarkt abgesichert. Die "Financial Times" berichtete, die Unternehmen forderten ein Hilfspaket im Umfang von mehreren Milliarden Pfund, um die derzeitige Krise zu überleben.

Britische Energieversorger fordern Milliardenhilfen

Erdgas ist momentan der Haupttreiber der stark steigenden Energiepreise, die im August durchschnittlich fast ein Viertel höher waren als ein Jahr zuvor. Der Preis für Erdgas legte um gut 44 Prozent zu, wie das Statistische Bundesamt in seiner Erhebung zu den Erzeugerpreisen am Montag berichtete. An den Spotmärkten, wo Gas kurzfristig gehandelt wird, haben sich die Preise für Erdgas seit Jahresbeginn mehr als verdoppelt.

Experten sehen einen ganzen Strauß von Gründen für den heftigen Preisanstieg. Die Wirtschaft läuft wieder an, die weltweite Nachfrage hat sich normalisiert, erläutert Fabian Huneke vom Beratungsunternehmen Energy Brainpool. Das gelte vor allem für Asien. Der dortige Bedarf an Flüssigerdgas (LNG) beeinflusse auf den eng verflochtenen Erdgasmärkten auch das Preisniveau in Europa.

Chinas Energiehunger strahlt ab, Speicher in Deutschland nicht voll

Nach dem vergleichsweise kalten Winter 2020/21 sind die Gasspeicher in Europa noch nicht wieder komplett aufgefüllt. In Deutschland sind sie aktuell zu weniger als zwei Drittel gefüllt, wie auf der Datenplattform der Betreiber zu sehen ist. Vor einem Jahr betrug der Füllstand gut 94 Prozent. Auch in den meisten Jahren zuvor waren die Speicher vor Beginn der Heizsaison deutlich besser gefüllt als derzeit.

Warum in den Speichern derzeit weniger Gas ist als üblich, lässt sich nicht eindeutig sagen. Ausfälle und Wartungsarbeiten an der Gas-Infrastruktur in Europa hätten zur Folge gehabt, "dass die Gasspeicher nicht so stark wie sonst üblich über den Sommer gefüllt werden konnten", sagt Eren Çam vom Energiewirtschaftlichen Institut an der Universität Köln. Der Essener Energiekonzern RWE verweist zudem auf das Auslaufen der Erdgasproduktion in den Niederlanden.

Kritik an Gazprom - macht sich Deutschland erpressbar?

Oliver Krischer, Fraktionsvize der Grünen im Bundestag, hat eine andere Erklärung. "Die Situation bei den leeren Gazprom-Speichern in Deutschland und Europa dürfte bewusst herbeigeführt worden sein", vermutet er. Gazprom betreibt über seine Tochterfirma Astora unter anderem den Speicher im niedersächsischen Rehden, der mit einem Volumen von 4 Milliarden Kubikmetern einer der größten in Europa ist. Zuletzt (18. September) wies die Datenplattform für Rehden einen Füllstand von weniger als 5 Prozent aus. Deutschland rutsche damit "in eine Situation mit Erpressungspotenzial", warnt Krischer mit Blick auf das Genehmigungsverfahren für die Ostsee-Pipeline Nord Stream 2.

Der Kreml als auch ein Sprecher von Gazprom wiesen den Verdacht der Marktmanipulation zurück. Die EU erhalte alles, was laut Verträgen vereinbart sei, teilte das Unternehmen der Agentur Interfax zufolge mit. Es werde auch versucht, den zusätzlichen Bedarf zu decken.

Gazprom Germania wiederum hält sich bei der Frage nach den Gründen für den weitgehend leeren Speicher Rehden bedeckt. Ein- und Ausspeichermengen erfolgten durch die Kunden, erklärte ein Sprecher. "Daher können wir auch nicht prognostizieren, wie die Entwicklung in der Zukunft aussehen wird." Laut RWE ist Gazprom vertragstreu.

rei/dpa/Reuters