Investoren in Angst "Evergrande ist nur die Spitze des Eisbergs"

Ist das Chinas "Lehman-Moment"? Die drohende Evergrande-Pleite sendet Schockwellen rund um den Globus - Aktienindizes fallen, der Yuan bricht ein, Preise für Kupfer und Eisenerz brechen ein. Evergrande sei kein Einzelfall, warnen Kenner des chinesischen Immobilienmarktes.
Kein Einzelfall? Die Probleme des wankenden Immobilienriesen Evergrande senden Schockwellen in Chinas Finanzszene - und darüber hinaus

Kein Einzelfall? Die Probleme des wankenden Immobilienriesen Evergrande senden Schockwellen in Chinas Finanzszene - und darüber hinaus

Foto: WU HONG / EPA

Die Sorge vor einer Pleite des chinesischen Immobilienriesen Evergrande hat am Montag Anleger weltweit in Angst und die Finanzmärkte in Aufruhr versetzt. Der Kurssturz an der Börse in Hongkong weitete sich auf die europäischen Märkte aus, da Investoren ein Übergreifen der Liquiditätskrise bei Evergrande auf andere Branchen befürchten: Dax  und Eurostoxx 50  brachen am späten Vormittag jeweils um mehr 2 Prozent ein. Die Futures der wichtigsten Aktienindizes an der New Yorker Wall Street notierten ebenfalls tiefrot.

Die Aktien des Krisenkonzerns stürzten am Montag in Hongkong weiter zweistellig ab und schlossen mit 2,23 Hongkong-Dollar auf dem niedrigsten Stand seit zehn Jahren. Seit Jahresbeginn hat der Titel rund 80 Prozent verloren. "Die Aktie dürfte weiter fallen, weil es noch keine Lösung für die Liquiditätsprobleme der Firma zu geben scheint", sagte Kington Lin, Geschäftsführer der Vermögensverwaltung beim Brokerhaus Canfield. Außerdem sei unklar, wie eine mögliche Restrukturierung von Chinas zweitgrößtem Immobilienentwickler aussehen könne. Sollte der Kurs unter einen Hongkong-Dollar fallen, erwarte er eine Zerschlagung. Eine Rettungsaktion der Regierung in Peking sei eher unwahrscheinlich.

Chinas Achillesferse: Immobilienwirtschaft ist auf Pump gebaut

Die Immobilienbranche, auf die laut "Financial Times"  mehr als ein Viertel der chinesischen Wirtschaftstätigkeit entfällt, ist unter Druck geraten, ihre Schulden abzubauen. Aktien auch anderer Immobilienkonzerne in China und Hongkong kamen unter die Räder. Der Hang Seng Property Index, der ein Dutzend börsennotierte Bauträger abbildet, schloss mit fast 7 Prozent Verlust auf dem niedrigsten Stand seit 2016. Der breiter gefasste Hang-Seng-Index in Hongkong fiel um 3,5 Prozent.

"Evergrande ist nur die Spitze des Eisbergs", sagt Louis Tse, Managing Director bei Wealthy Securities, Maklerunternehmen in Hongkong. Chinesische Bauträger stünden unter erheblichem Rückzahlungsdruck auf in Dollar lautende Anleihen. Zugleich dränge Peking börsennotierte Immobilienkonzerne dazu, die Kosten für den Wohnungsbau in Festlandchina und Hongkong zu senken. "Das wirkt sich auch auf die Banken aus - wenn die Immobilienpreise sinken, was passiert dann mit ihren Hypotheken? Das hat einen Ketteneffekt."

Yuan bricht ein

Wie groß Investoren das Risiko für Chinas Wirtschaft einschätzen, zeigt sich auch am Devisenmarkt: Der chinesische Yuan rutschte am Montag auf 6,4698 Yuan pro Dollar ab und damit auf den tiefsten Stand seit drei Wochen. Händler begründeten laut Reuters das erneute Minus mit Warnungen chinesischer Aufsichtsbehörden, dass die Insolvenz von Evergrande weitere Risiken für das Finanzsystem des Landes auslösen könnte.

Evergrande hat einen mehr als 300 Milliarden US-Dollar schweren Schuldenberg aufgetürmt. Am Wochenende hatte der angeschlagene Konzern angekündigt, Investoren in seine Vermögensverwaltungsprodukte mit Immobilien auszahlen zu wollen. So sollen sich Anleger, die an der Rückgabe von Vermögensverwaltungsprodukten gegen Sachwerte interessiert seien, an ihre Anlageberater wenden oder eine lokale Niederlassung aufsuchen.

130 Millionen Dollar Zinsen sind in dieser Woche fällig

Unterdessen bilden einige Gläubiger Insidern zufolge Rückstellungen für Kreditausfälle, während andere Fristverlängerungen einräumen. In den kommenden Tagen werden allein bei zwei Evergrande-Anleihen mit Laufzeiten bis 2022 und 2024 Zinsen im Volumen von insgesamt rund 130 Millionen US-Dollar fällig. Offiziell wird ein Zahlungsausfall allerdings erst, wenn Evergrande die Nachfrist von 30 Tagen verstreichen lässt. Sollte es soweit kommen, könnten Gläubiger bei einer Umschuldung nur mit der Rückzahlung eines Bruchteils ihrer Forderungen rechnen, warnten Börsianer.

Die 8,25-prozentige Dollar-Anleihe vom März 2022 wurde am Montagnachmittag zu 29,156 gehandelt, was einer Rendite von über 500 Prozent entspricht, verglichen mit etwa 13,7 Prozent zu Beginn des Jahres. Die 9,5-prozentige Anleihe vom März 2024 lag bei 26,4, was einer Rendite von mehr als 80 Prozent entspricht, verglichen mit 14,6 Prozent zu Beginn des Jahres 2021.

Die Talfahrt des Mutterkonzerns setzte auch Evergrande-Beteiligungen zu. So verloren die Immobilienverwaltungssparte und die Streaming-Tochter Hengten jeweils mehr als zehn Prozent. Ähnlich steil ging es für den Evergrande-Rivalen Sunac bergab. Konkurrent Greentown kam dank seiner staatlichen Beteiligung mit einem Minus von 6,4 Prozent vergleichsweise glimpflich davon.

Evergrande-Krise belastet auch Rohstoffmärkte

Die Evergrande-Krise sorgte auch an den Rohstoffmärkten für einen Ausverkauf. So steuerte der Kupferpreis mit einem Minus von zunächst knapp drei Prozent auf 9053 Dollar je Tonne auf den größten Tagesverlust seit drei Monaten zu. "Bei einem Kollaps von Evergrande würden zahlreiche Immobilienprojekte gekippt", sagte Rohstoff-Experte Malcolm Freeman vom Brokerhaus Kingdom Futures. Dies würde die Industriemetall-Nachfrage signifikant dämpfen. Kupfer wird unter anderem für Stromkabel und Wasserrohre verwendet.

Der Preis für Eisenerz brach am Montag um 10 Prozent ein: In der vergangenen Woche waren die Eisenerzpreise um 20 Prozent eingebrochen und hatten damit die schlechteste Wochenperformance seit der Finanzkrise im Jahr 2008.

Vor diesem Hintergrund gingen die Aktien von Minen-Betreibern in die Knie. Der europäische Branchenindex fiel um mehr als vier Prozent und steuerte auf den größten Tagesverlust seit einem halben Jahr zu.

rei/dpa-afx/Reuters