Kampf gegen die Inflation EZB beschließt historische Zinserhöhung

Im Kampf gegen die hohe Inflation heben die Währungshüter um EZB-Chefin Christine Lagarde den Leitzins um satte 0,75 Prozentpunkte an. Das ist die größte Zinserhöhung in der Geschichte der Europäischen Zentralbank.
Will Entschlossenheit im Kampf gegen die Inflation signalisieren: EZB-Chefin Christine Lagarde

Will Entschlossenheit im Kampf gegen die Inflation signalisieren: EZB-Chefin Christine Lagarde

Foto: Philipp von Ditfurth / dpa

Die Europäische Zentralbank (EZB) stemmt sich mit einer historischen Zinserhöhung gegen die Rekordinflation im Euroraum. Erstmals in der Geschichte der Notenbank beschloss der EZB-Rat eine Zinsanhebung um 0,75 Prozentpunkte. Damit steigt der Leitzins, zu dem sich Geschäftsbanken frisches Geld bei der EZB leihen können, auf 1,25 Prozent, wie die Notenbank am Donnerstag in Frankfurt am Main mitteilte. Der Rat habe einstimmig entschieden. Die EZB stellte zugleich weitere Zinserhöhungen in den nächsten Monaten in Aussicht.

Gleichzeitig hoben die Währungshüter ihre Prognose für die Inflationsrate an. Erwartet werde nun eine Inflationsrate von 8,1 Prozent für das laufende Jahr, teilte die EZB weiter mit. Im Juni war noch von einem Wert von 6,8 Prozent ausgegangen worden. Für 2023 sagte die Notenbank nun eine Jahresinflation von 5,5 Prozent vorher und für 2024 von 2,3 Prozent. Damit würde auch in diesen beiden Jahren der Zielwert von bis zu 2 Prozent teils deutlich überschritten. "Der Preisdruck hat in der gesamten Wirtschaft weiterhin an Stärke und Breite gewonnen", räumten die Währungshüter ein.

Getrieben wird die Inflation seit Monaten vor allem von steigenden Energie- und Lebensmittelpreisen, die nach dem russischen Angriff auf die Ukraine nochmals kräftig anzogen. Die Inflation sei "nach wie vor deutlich zu hoch" und werde "voraussichtlich für längere Zeit über dem Zielwert bleiben wird", teilte die EZB mit. Im August kletterte die Inflation im Währungsraum der 19 Länder auf die Rekordhöhe von 9,1 Prozent.

Beim Wirtschaftswachstum im Euroraum rechnet die EZB für dieses Jahr noch mit einem Plus von 3,1 (Juni-Prognose: 2,8) Prozent. 2023 soll das Bruttoinlandsprodukt (BIP) im Währungsraum dann aber nur noch um 0,9 (2,1) Prozent wachsen und ein Jahr später um 1,9 (2,1) Prozent.

EZB läutete Zinswende erst spät ein

Nach langem Zögern hatte der EZB-Rat bei seiner Sitzung am 21. Juli erstmals seit elf Jahren die Zinsen im Euroraum wieder angehoben und damit die Phase der Negativzinspolitik beendet. Geschäftsbanken müssen seither nicht mehr 0,5 Prozent Zinsen zahlen, wenn sie Geld bei der Notenbank parken. Viele Banken nahmen dies zum Anlass, sogenannte Verwahrentgelte für ihre Kunden abzuschaffen. Der sogenannte Einlagensatz steigt nach der EZB-Entscheidung vom Donnerstag auf 0,75 Prozent.

Die EZB hatte die hohe Inflation lange als vorübergehend interpretiert und deutlich später als viele andere Zentralbanken die Zinswende eingeleitet. Höhere Zinsen können steigenden Teuerungsraten entgegenwirken. Die US-Notenbank Fed beispielsweise hat ihre Leitzinsen bereits mehrfach nach oben geschraubt, dabei zweimal um jeweils 0,75 Prozentpunkte.

Zugleich gibt es unter Währungshütern Sorge, mit einer zu schnellen Normalisierung der zuvor jahrelang ultralockeren Geldpolitik die Konjunktur zu bremsen, die ohnehin mit Lieferengpässen und den Folgen des Ukraine-Krieges etwa auf dem Energiemarkt zu schaffen hat. Die EZB behält sich daher vor, über Anleihenkäufe hoch verschuldeten Eurostaaten unter die Arme zu greifen.

rei/Reuters, DPA
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