Evergrande in Not China droht ein Immobilien- und Bankenschock

Chinas Immobilienriese Evergrande soll Schulden von 300 Milliarden Dollar haben - in etwa die Wirtschaftsleistung von Finnland. Anleger fürchten einen Zusammenbruch, der das chinesische Bankensystem in Turbulenzen stürzen könnte.
Büroturm von China Evergrande in Hongkong: Ein Zusammenbruch des Konzerns, der auf Pump rasant gewachsen ist, könnte Schockwellen in das chinesische Bankensystem senden

Büroturm von China Evergrande in Hongkong: Ein Zusammenbruch des Konzerns, der auf Pump rasant gewachsen ist, könnte Schockwellen in das chinesische Bankensystem senden

Foto: Bobby Yip / REUTERS

Die Börsen haben den schuldenbeladenen chinesischen Immobilienkonzern China Evergrande weiter im Fadenkreuz. Nach einem Medienbericht über geplante Zahlungsstopps bei Krediten an zwei Gläubigerbanken fürchteten Anleger einen Zusammenbruch des Konzerns und warfen am Donnerstag zunächst Aktien und Anleihen des Immobilienriesen aus den Depots.

Offenbar wird dem Konzern aber eine Atempause gewährt. Einem Insider zufolge gewährte einer seiner Gläubiger am Donnerstag eine Verlängerung der Zahlungsfrist, was den Bonds des Unternehmens wieder etwas auf die Beine half. Eine mit der Situation vertraute Person sagte zu Reuters, Evergrande sei eine Verlängerung einer Treuhanddarlehenszinszahlung an CITIC Trust eingeräumt worden. Der Konzern habe unter Berufung auf knappe Liquidität darum gebeten. Die Zahlung, die Ende August fällig gewesen war, solle um mindestens drei Monate hinausgezögert worden sein. Evergrande wollte dazu keine Stellung nehmen.

An den Bondmärkten erholte sich die in Dollar notierte Anleihe des Konzerns mit Laufzeit bis Juni 2025 daraufhin teilweise von ihren Verlusten. "Dies könnte eine positive Nachricht sein, da damit ein Schlussstrich gezogen werden könnte", sagte Siddharth Dahiya, zuständig für Unternehmensanleihen in Schwellenländern beim Vermögensverwalter Abrdn (früher Standard Life Aberdeen). "Aber wir wissen es nicht, es gibt sehr wenig Klarheit. Die erste Reaktion an den Märkten ist jedoch positiv."

Wachstum auf Pump könnte dem Konzern zum Verhängnis werden

Zuvor hatte ein Bericht des Finanznachrichtendienstes REDD die Anleger vergrault, in dem von geplanten Aussetzungen von Zinszahlungen an zwei Gläubigerbanken die Rede war. Ab Mittwoch sollten zudem alle Zahlungen für seine Vermögensverwaltungsprodukte ausgesetzt werden, hieß es in dem Bericht. Daraufhin fiel der Preis für eine bis Januar 2023 laufende Anleihe des Unternehmens um 30 Prozent. Wegen der starken Turbulenzen hielt die chinesische Börse den Handel mit den Bonds zeitweise an. Die Aktien stürzten um bis zu 10,5 Prozent ab und notierten so niedrig wie seit sechs Jahren nicht mehr. Aus dem Handel gingen sie 4,3 Prozent schwächer. Seit Jahresbeginn haben sie rund 75 Prozent verloren

Im Juni war Evergrande mit Bond-Zinszahlungen in Verzug geraten, was die Talfahrt an den Börsen beschleunigt hatte. In den vergangenen Tagen hatte die Senkung der Bonitätsnoten durch die Ratingagenturen Moody's, Fitch und China Chengxin International (CCXI) dann für einen Ausverkauf gesorgt.

Schockwellen für Chinas Bankensystem

Investoren fürchten bei einem Zusammenbruch von Evergrande Schockwellen für das chinesische Bankensystem. Insgesamt soll der Immobilienkonzern auf einem Schuldenberg in Höhe von umgerechnet mehr als 300 Milliarden Dollar sitzen - das entspricht in etwas der Wirtschaftsleistung von Finnland. Vor rund einer Woche hatte der zweitgrößte Immobilienentwickler des Landes selbst vor Liquiditäts- und Ausfallrisiken gewarnt, falls es ihm nicht gelingen sollte, die Bautätigkeit wieder aufzunehmen, Beteiligungen zu verkaufen und Kredite zu erneuern.

In den vergangenen Jahren herrschte angesichts explodierender Immobilienpreise in China Goldgräberstimmung in dem Sektor. Evergrande wuchs rasant, mit Hilfe von kreditfinanzierten Landkäufen und Hausverkäufen zu niedrigeren Margen, um den Umsatz schneller in die Höhe zu treiben. Der Mann an der Spitze und Gründer des Konzerns, Hui Ka Yan, wurde 2017 mit einem Nettovermögen von rund 45 Milliarden Dollar vom Forbes-Magazin zum reichsten Mann Asiens gekürt. Die Regierung griff allerdings im Kampf gegen eine drohende Spekulationsblase immer härter durch und verhängte unter anderem vor kurzem Mietpreisbremsen, um bezahlbaren Wohnraum in den Millionenstädten zu schaffen.

la/reuters
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