Henning Zülch

Profifußball Die Bundesliga ist nicht krisenfest

Henning Zülch
Eine Meinungsmache von Henning Zülch
Eine Meinungsmache von Henning Zülch
Erst Corona, jetzt der Krieg: Das Geschäftsmodell des deutschen Profifußballs ist kaputt. Kein Geld, keine Haltung, keine Führung – Schalke 04 ist dabei nur das offensichtlichste Beispiel. Die Wurzeln der Strukturkrise liegen tiefer.
Künftig ohne Gazprom: Der hoch verschuldete Fußballklub Schalke 04 hat sich von seinem Trikot-Sponsor Gazprom verabschiedet

Künftig ohne Gazprom: Der hoch verschuldete Fußballklub Schalke 04 hat sich von seinem Trikot-Sponsor Gazprom verabschiedet

Foto: Markus Endberg / imago images/Markus Endberg

Was hat die Fußball-Bundesliga in den vergangenen zwei Jahren nicht alles durchmachen müssen: Die Corona-Pandemie mit ihren Lockdowns und Geisterspiele beendete jäh eine rasante, nie dagewesene Wachstumsphase. Aus der Lizenz zum Gelddrucken wurde über Nacht ein defizitäres Geschäftsmodell, Traditionsklubs drohte die Insolvenz, der Impfstatus von Spielern war zeitweilig wichtiger als die Ergebnisse des Spieltags.

Und kaum zeigt sich so etwas wie Licht am Ende des Tunnels, wirft Russlands Krieg gegen die Ukraine das nächste Schlaglicht auf die Schwächen des Systems: Mit Schalke 04 wird ein ehemaliger Spitzenverein endgültig zum Sozialfall der Liga, weil die Ereignisse ihn zwingen, sich von seinem umstrittenen russischen Hauptsponsor Gazprom zu trennen . Doch all das sind nur die Symptome eines viel tiefer gehenden Problems.

Henning Zülch
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Michael Bader

Henning Zülch ist Professor für Accounting and Auditing an der HHL Leipzig Graduate School of Management. Er ist Verfasser von zahlreichen Beiträgen zu Themen der Internationalen Rechnungslegung und Finanzkommunikation. Zudem ist er wissenschaftlicher Direktor des jährlich vom manager magazin ausgerichteten Wettbewerbs Investors' Darling. Überdies beschäftigt er sich mit der Übertragbarkeit betriebswirtschaftlicher Grundprinzipien auf die erfolgreiche Führung von Sportvereinen.

Desolate Finanzen: die fatalen Folgen des Kurzfristdenkens

Bis zur Saison 2019/20 galt die Bundesliga noch als wirtschaftliche Erfolgsstory. Doch binnen weniger Monate legten die weitreichenden Einnahmeverluste durch die Corona-Krise offen, wie wenig nachhaltig viele Klubs finanziert waren und wie schnell sie in finanzielle Schieflage geraten konnten. Laut DFL-Wirtschaftsreport betrug der Umsatzverlust der 18 Erstligisten in der Saison 2019/20 im Vergleich zur vorherigen Spielzeit knapp 220 Millionen Euro, der erste Rückgang seit 15 Jahren. Im Jahr darauf ging es weiter abwärts, weil die TV-Gelder und die Einnahmen aus dem Merchandising schwanden. Die Pandemie hatte den Klubs die Geschäftsgrundlage entzogen, während gleichzeitig die Entwicklungen auf dem Transfermarkt und bei den Spielergehältern zügellos blieb.

Sinkende Umsätze bei stagnierenden Aufwendungen auf hohem Niveau: Dieser Teufelskreis hält bis heute an. Solidarfonds, Landesbürgschaften, Fan-Anleihen und vieles mehr waren die Folge, doch ein tragfähiges Geschäftsmodell konnten sie nicht ersetzen. Zwar blieben die befürchteten Insolvenzen aus, trotzdem streckte es ehemalige Spitzenteams wie Werder Bremen und Schalke 04 sportlich nieder.

In vielen Klubs ist noch immer kein Umdenken erfolgt. Nötig wäre eine robuste langfristige Strategie, die den sportlichen Erfolg auf soliden Finanzen, einer ausgeprägten Fanwohlmaximierung und nachhaltigen Unternehmens- und Führungsstrukturen aufbaut. Stattdessen regieren weiter die Kurzfristdenke und Kaderplanung nach Kassenlage. Zwar hat die DFL im September 2020 eine Taskforce Zukunft Profifußball  ins Leben gerufen, die sich neben der wirtschaftlichen Gesundung der Liga und ihrer Klubs auch um Nachhaltigkeit in den Bereichen Ökologie, Ökonomie und Soziales kümmern soll. Das ist zwar löblich, aber in der Realität ist davon bisher wenig angekommen. Aktuell ist das Geschäftsmodell Profifußball ökonomisch nicht nachhaltig und damit nicht krisenfest.

Mangelnde Haltung: unzureichende Governance-Strukturen

Doch nicht nur wirtschaftlich sind etliche Klubs defizitär: Der Ukraine-Krieg zeigt, dass auch auf gesellschaftspolitischer Ebene einiges im Argen liegt. Beispiel Schalke 04: Im Eilverfahren trennte sich der Verein nach dem russischen Einmarsch von seinem Hauptsponsor Gazprom. Dass diese Partnerschaft aus Sicht der sozialen Nachhaltigkeit äußerst fragwürdig war, sollte den Verantwortlichen in Gelsenkirchen allerdings lange vor dem 24. Februar 2022 klar gewesen sein.

Trotzdem kassierte der hochverschuldete Klub 15 Jahre lang zehn Millionen Euro pro Saison von Wladimir Putins Staatskonzern und überließ Matthias Warnig, einem engen Vertrauten des russischen Präsidenten, einen Sitz im Aufsichtsrat. Seit Jahren protestieren Schalker Fans sowohl gegen die Partnerschaft als auch gegen die Personalie. Doch es musste erst ein Krieg ausbrechen, bevor das Management handelte.

Dabei sind gerade die Regeln guter Unternehmensführung für die langfristige Überlebensfähigkeit eines Klubs von entscheidender Bedeutung. Es ist wissenschaftlich erwiesen, dass eine gute Corporate Governance einen positiven Einfluss auf die Performance von Unternehmen besitzt – und nichts anderes sind Profifußballklubs. Sie kann zudem maßgeblich zu einer stabileren Unternehmensentwicklung beitragen, insbesondere durch eine kluge und transparente Zusammensetzung des Aufsichtsrats.

In diesem Kontext klingt es wie Hohn, wenn jetzt darüber nachgedacht wird, Schalke 04 nach dem Ausscheiden von Gazprom als Hauptsponsor finanzielle Unterstützung durch die Liga zukommen zu lassen. Jedes Unternehmen wäre für eine derartige Kooperationspolitik am Kapitalmarkt abgestraft worden. Gute Corporate-Governance-Strukturen müssen in der Bundesliga zum Standard werden, wenn sie wirtschaftlich nachhaltig erfolgreich sein will.

Schwache Führung: Es fehlt an Persönlichkeiten

Am 11. März 2022 soll auf dem 98. Bundestag des Deutschen Fußball-Bunds der neue DFB-Präsident gewählt werden. Zur Wahl steht mit Peter Peters unter anderem eine Person, die den Gazprom-Deal bei Schalke 04 und den wirtschaftlichen Niedergang des Klubs mit begleitete und verantwortete. Seine Kandidatur ist daher umstritten, seine Wahl würde die Glaubwürdigkeit des gesamten Verbands infrage stellen. Chancenlos ist Peters trotzdem nicht.

Die Personalie steht beispielhaft für mangelnde Professionalität und Glaubwürdigkeit in vielen Bereichen des Profifußballs, sowohl auf Vereins- als auch auf Verbandsebene. Es bräuchte dringend starke, betriebswirtschaftliche versierte Führungspersönlichkeiten, um sowohl die wirtschaftliche Lage als auch das Ansehen der Branche zu stabilisieren. Eine Umfrage der Hochschule Ansbach und der Universität Würzburg in Zusammenarbeit mit dem Sportmagazin "Kicker"  zeigt, wie schlecht es um den Ruf des DFB bestellt ist: Gut 90 Prozent der Befragten bemängeln die Intransparenz des Wahlverfahrens, fast 74 Prozent sprechen sich für eine Urwahl des Präsidenten durch die Mitglieder aus. Knapp 91 Prozent beurteilen das Image des DFB insgesamt als schlecht.

Ein desaströses Bild, das dringend korrigiert werden müsste, will man nicht langfristig das wichtigste Kapital des Profifußballs verspielen: die Loyalität der Fans.

Ein Neustart ist nötig

Die Corona-Krise hat die Bundesliga in eine wirtschaftliche Krise gestürzt, doch Lehren wurden daraus kaum gezogen. Doch spätestens mit dem Ukraine-Krieg wird klar, dass sich Klubs und Ligaverbände ein "Weiter so!" nicht mehr leisten können. Sie müssen sich darauf besinnen, dass gesellschaftliche Verantwortung Teil ihrer DNA ist, ja, Teil ihrer Geschäftsgrundlage. Begreifen die Institutionen und die sie vertretenden Persönlichkeiten dies nicht, wird die Glaubwürdigkeitskrise des Fußballs sich noch weiter vertiefen und die ersehnte wirtschaftliche Erholung zusätzlich erschweren. Kurzfristiger Aktionismus ersetzt eben nicht gelebte Verantwortung. Solche Scharaden werden sehr schnell entlarvt. Dass dieses Spiel nicht mehr lange gut gehen wird, erkennt man schon daran, dass aktuell viele Bundesligapartien selbst bei einem limitiertem Ticketkontigent nicht mehr ausverkauft sind.

Henning Zülch ist Professor für Accounting and Auditing an der HHL Leipzig Graduate School of Management. Er ist Verfasser von über 450 Zeitschriftenbeiträgen zu Themen der Internationalen Rechnungslegung und Finanzkommunikation. Zudem ist er wissenschaftlicher Direktor des jährlich vom manager magazin ausgerichteten Wettbewerbs "Investors' Darling " . Überdies beschäftigt er sich in seiner Forschung mit der Übertragbarkeit betriebswirtschaftlicher Grundprinzipien auf die erfolgreiche Führung von Sportvereinen. Diese Kolumne gibt nicht notwendigerweise die Meinung der Redaktion des manager magazins wider.