Daniel Pfändler

Ökonomische Blockbildung Der Krieg der Währungen

Daniel Pfändler
Eine Meinungsmache von Daniel Pfändler
Eine Meinungsmache von Daniel Pfändler
Der Angriffskrieg Russlands gegen die Ukraine führt zu globalen ökonomischen Verwerfungen. Es droht eine Spaltung in zwei konkurrierende Währungssysteme. Keine guten Aussichten für Europa und den Euro.
Dollar, Euro, Yuan: Im Krieg der Währungen sieht es für den Euro derzeit schlecht aus

Dollar, Euro, Yuan: Im Krieg der Währungen sieht es für den Euro derzeit schlecht aus

Foto: REUTERS

Der mörderische Krieg Russlands gegen die Ukraine entfaltet zunehmend seine ökonomischen Wirkungen. Dabei geht es nicht nur um Rohstoffknappheiten und steigende Preise. Wir haben es mit einem globalen Wirtschaftskrieg zu tun, der zu einer neuen ökonomischen Blockbildung führen dürfte. Am Ende könnte dies zur Herausbildung von zwei konkurrierenden Währungssystemen führen – mit weitreichenden Folgen für die Kapital- und Rohstoffmärkte.

Die absehbare Trennlinie zwischen beiden Systemen verläuft entlang der "Sanktionsgrenze": Auf der einen Seite befinden sich die Länder des demokratischen Westens, insbesondere die USA, Kanada, Europa, Japan und Australien, die wegen des militärischen Angriffs auf die Ukraine wirtschaftliche Strafmaßnahmen gegen Russland verhängt haben. Auf der anderen Seite steht ihnen neben Russland vor allem China gegenüber.

Die Regierung in Peking trägt die Sanktionen nicht mit und hegt Sympathien für Putins Autokratie. Beide Staaten bauen derzeit ihre Handelsbeziehungen aus.

Eine Alternative zum Dollar aufbauen - die Handelsdeals von China und Russland

Da aber neben den Handelsströmen auch russische Vermögenswerte sowie die Zentralbank mit harten Sanktionen belegt wurden, weitet sich die Konfrontation in die Währungswelt aus. Die überwältigende Dominanz der USA und ihrer Verbündeten im globalen Finanzwesen – ein Produkt ihrer wirtschaftlichen Gesamtgröße und ihrer offenen Finanzmärkte – verleiht den westlichen Währungen eine beherrschende Stellung. Für die meisten globalen Währungsfunktionen gibt es aktuell keine glaubwürdige Alternative.

Allerdings erhöht insbesondere das Einfrieren der Währungsreserven der russischen Zentralbank die Anreize für die Gegenseite, Alternativen zum US-Dollar aufzubauen. Eine Möglichkeit könnte die chinesische Währung sein.

Erste Anzeichen für eine solche Entwicklung gibt es bereits. So haben Peking und Moskau beschlossen, dass Russland chinesische Lieferungen in Renminbi bezahlen soll, China russische Rohstoffe in Rubel. Dahinter steht die Absicht, den US-Dollar als Leitwährung zu schwächen.

Indien erhöht Importe aus Russland

Ebenfalls von Bedeutung ist die Haltung Indiens. Das Land hat weder die russische Invasion der Ukraine verurteilt, noch sich den Sanktionen angeschlossen. Im Gegenteil: Indien hat seine Ölimporte aus Russland um ein Mehrfaches erhöht, Russland den Indern eine Alternative zum westlichen Zahlungsabwicklungssystem Swift angeboten, um Zahlungen in Rubel zu erleichtern.

Noch ist die künftige Positionierung Indiens innerhalb der neuen, bipolaren Welt nicht klar ersichtlich. Doch je mehr Länder sich und damit ihre Wirtschaftskraft enger an Russland und China binden, desto stärker werden sich auch die Währungsreserven zuungunsten des Westens verschieben. Auch die Reservehaltung wichtiger Rohstoffe innerhalb der Blöcke könnte erhöht werden.

Rohstoffexporteure gewinnen, Importeure verlieren

Da sowohl die Ukraine als auch Russland bedeutende Rohstoffexporteure sind, hat der Krieg vom ersten Tag an die Angebotsengpässe bei vielen Rohstoffen verschärft und zu erheblichen Preissteigerungen geführt. Die Folge dessen ist eine globale wirtschaftliche Umverteilung zugunsten der Rohstoffexporteure auf Kosten der Rohstoffimporteure – und das sind vor allem Europa, Japan und in geringerem Ausmaß auch die USA.

Bedeutende westliche Rohstoffexporteure wie Kanada, Australien oder Norwegen werden die sich abzeichnende Abwendung von Russland nicht auffangen können. Es wird daher entscheidend sein, wie sich die übrigen Rohstoffexporteure positionieren und wie sich die Reservehaltungen entwickeln. So zeigt beispielsweise Saudi-Arabien bisher wenig Neigung, der amerikanischen Bitte um eine Erhöhung der Ölproduktion nachzukommen.

Für Europa bedeutet das veränderte geopolitische Umfeld einen erheblichen Wohlstandsverlust. Lieferschwierigkeiten, höhere Energiepreise und die wirtschaftliche Entkoppelung Russlands vom Rest des Kontinents führen zu deutlich höheren Preisen und zu einer erheblich schwächeren Wirtschaftsentwicklung. Für die Konsumenten zeichnen sich bedeutende reale Kaufkraftverluste ab, weil die Inflation stark steigt, der Lohnanstieg jedoch viel geringer ausgeprägt ist. Unternehmen verlieren Absatzmärkte, müssen Aktiva in Milliardenhöhe abschreiben, steigende Einkaufspreise sowie weitere Verwerfungen in ihren Lieferketten in Kauf nehmen. Hinzu kommt die wachsende Unsicherheit bezüglich der Sicherheit der Energieversorgung.

Auf gesamtwirtschaftlicher Ebene führen diese Entwicklungen zu einer Verschlechterung der sogenannten Terms of Trade, also der relativen Preise von Export- gegenüber Importgütern. Weil Russland ein bedeutender Rohstoffproduzent ist, sind die Preise für viele Rohstoffe gestiegen. Der Rest Europas (mit Ausnahme Norwegens) ist dagegen ein großer Rohstoffimporteur, entsprechend muss Europa jetzt mehr Geld für diese Importe aufwenden. In der Folge dürfte sich die Leistungsbilanz Europas verschlechtern. In anderen Erdteilen sind diese Verluste aufgrund der größeren Entfernung und der dadurch geringeren wirtschaftlichen Verflechtungen schwächer ausgeprägt. Rohstoffexporteure können aufgrund der Rohstoffpreisentwicklung sogar mit Wohlstandsgewinnen rechnen.

Der Krieg schwächt den Euro

Europa erleidet also ein fundamentales Derating, das sich auch an den Finanzmärkten spiegelt. So haben europäische Aktien im internationalen Vergleich seit Kriegsausbruch tendenziell underperformt, der Euro hat sowohl gegenüber dem Dollar als auch auf handelsgewichteter Basis an Wert verloren. Und die Abwertung Europas an den Märkten ist noch nicht abgeschlossen. Erst wenn sich entweder ein Ende des Krieges abzeichnet oder die Reorganisation der Lieferketten unter Ausschluss Russlands abgeschlossen ist, dürfte sich das Umfeld spürbar aufhellen können. Bis dahin dürfte der Euro weiter schwächeln.

Der Dollar ist deutlich besser positioniert. Die wirtschaftlichen Schäden infolge des Krieges sind in den USA geringer ausgeprägt als hierzulande, weil die Vereinigten Staaten selbst ein bedeutender Rohstoffproduzent sind und die Verflechtungen der US-Wirtschaft mit der russischen nur sehr gering. Ebenfalls erheblich günstiger ist der Ausblick für Rohstoffproduzenten wie Norwegen, Australien und Kanada. Sie profitieren von den höheren Weltmarktpreisen für die von ihnen produzierten Güter. Ähnliches gilt für "blockfreie" Rohstoffexporteure in Lateinamerika oder Südafrika. Zusätzlich könnten diese Staaten von einer möglichen Reallokation beispielsweise der chinesischen Währungsreserven profitieren.

Selbst ein kurz- oder mittelfristiges Ende der Kämpfe in der Ukraine würde diese durch den russischen Angriff in Gang gesetzte weltwirtschaftliche Dynamik kaum mehr stoppen. Der Krieg der Währungen hat gerade erst begonnen.

Daniel Pfändler verfügt über langjährige Erfahrung in der makroökonomischen Analyse und Finanzmarktstrategie. Er ist Gründer der unabhängigen Research Firma Research Ahead und Mitglied der Meinungsmacher von manager-magazin.de. Trotzdem gibt diese Kolumne nicht notwendigerweise die Meinung der Redaktion des manager magazins wieder.