Kursrutsch Dax stürzt auf Jahrestief – diese Faktoren belasten

Der Krieg in der Ukraine lässt die Börsen abstürzen. Auch wenn die Waffen bald ruhen sollten: Viele Belastungen für die Börse bleiben. Auch der Finanzmarkt erlebt eine Zeitenwende.
Kursrutsch: Der Dax hat seit Jahresbeginn knapp 20 Prozent an Wert verloren

Kursrutsch: Der Dax hat seit Jahresbeginn knapp 20 Prozent an Wert verloren

Foto: Arne Dedert / picture alliance/dpa

Kursrutsch an den Börsen: Der Dax hat in dieser Woche 10 Prozent an Wert verloren. Seit Jahresbeginn – der Dax notierte am 4. Januar noch bei 16.150 Punkten – hat der deutsche Leitindex sogar knapp 20 Prozent eingebüßt. Diese Berechnungen über Kursverluste geraten zur Nebensache angesichts des Leids, das Wladimir Putin mit seinem Angriff auf die Ukraine über die Menschen dort gebracht hat. Alle sehnen eine Waffenruhe herbei – je früher, desto besser.

Für die betroffenen Menschen im Kriegsgebiet zählt jede Stunde. Auch die Börsen dürften kurzfristig mit einem Kurssprung reagieren, sollten die Verhandlungen in den kommenden Tagen Erfolg haben und die Waffen schweigen. Dennoch ist es sehr unwahrscheinlich, dass die Finanzmärkte rasch wieder zu alten Rekordhöhen zurückkehren.

Zu groß sind die Belastungen, die nun dauerhaft auf den Märkten lasten. Dazu gehören die explodierenden Rohstoffpreise, eine weiter steigende Inflation, die Unsicherheit über die Zinspolitik sowie die Sanktionen gegen Russland, die auch nach einem Waffenstillstand fortbestehen werden.

Hohe Rohstoffpreise auf Dauer

Die Preise an den Rohstoffmärkten heben ab. Energieträger wie Öl und Gas, aber auch wichtige Industriemetalle wie Nickel oder Aluminium werden immer teurer. Rund 10 Prozent des täglichen Öl- und Gasbedarfs kommen aus russischen Quellen, Deutschland deckt mehr als die Hälfte seines Gasbedarfs durch Importe aus Russland. Diese Mengen lassen sich nicht kurzfristig ersetzen. Dass Flüssiggas aus USA und Katar kurzfristig als Ersatz dienen könne, sei eine Selbsttäuschung, meint Christoph Bruns von der Investmentgesellschaft Lloys. Der Erdgaspreis ist in Deutschland seit Jahresbeginn um 70 Prozent gestiegen. Sollte Russland komplett als Energielieferant ausfallen, könnte der Ölpreis nach Einschätzung von Analysten bald über die Marke von 150 Dollar je Barrel steigen.

Steigende Inflation – und Risiko einer Stagflation

Die steigenden Rohstoffpreise heizen die bereits hohe Inflation in Europa und den USA weiter an. In der EU liegt die Preissteigerung über der Marke von 5 Prozent, in den USA bei rund 8 Prozent. Zugleich drohen der Kriegsschock und die massive Störung der weltweiten Lieferketten die beginnende Erholung der Konjunktur wieder abzuwürgen. Damit droht das Szenario einer Stagflation, also einer Wirtschaftsschwäche bei gleichzeitig hoher Inflation. Dieses Szenario wäre Gift für die Finanzmärkte.

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Unsicherheit über die Zinspolitik

Erwartet wird, dass Fed-Chef Jerome Powell im März die Zinsen um 25 Basispunkte erhöhen wird. Ob dieser kleine Zinsschritt angesichts einer Inflation von knapp 8 Prozent in den USA ausreichen wird, sei ungewiss, meint Neil Wilson, Analyst bei Markets.com Einen großen Zinsschritt werde Powell angesichts des Krieges wohl nicht riskieren. Das sorge dafür, dass die Fed dann im zweiten Halbjahr umso stärker unter Zugzwang geraten dürfte.

Anders sieht die Situation in Europa aus. Ungeachtet der galoppierenden Inflation erhöht der Krieg die Finanzierungsnotwendigkeiten der Staaten recht wesentlich, argumentiert Loys-Fondsmanger Bruns. Allein Deutschland habe angekündigt, zusätzliche 100 Milliarden Euro in die Landesverteidigung zu stecken. Zudem stehe Europa eine neue Flüchtlingswelle ins Haus. Die EZB werde im Zweifel zusätzliches Geld drucken, statt eine Zinswende einzuleiten.

Sanktionen gegen Russland werden bleiben

Die westlichen Staaten haben sich zu einer Vielzahl von Sanktionen gegen Russland entschlossen – und nehmen in Kauf, dass auch die eigene Wirtschaft darunter leidet. Der Ausschluss Russlands aus dem Finanzsystem Swift trifft auch zahllose kleine und mittlere Unternehmen, die in Russland engagiert sind. Autokonzerne wie VW, Mercedes und BMW stellen ihr Russland-Geschäft vorübergehend ein. Zugleich stehen aber auch in Deutschland wieder viele Bänder still, weil Zuliefer-Teile fehlen, die in Russland oder der Ukraine produziert werden. Für die deutsche Wirtschaft und den Dax, die stark von der Autoindustrie und von Exportunternehmen geprägt sind, dürften die unterbrochenen Lieferketten noch auf lange Sicht Probleme bereiten.

Nach Einschätzung von Fondsmanager Markus Schön dürften die Produktionseinschränkungen im Automobilsektor durch die fehlenden Kabelbäume aus der Ukraine, die Folgen der Sanktionen für den Export und die steigenden Energie- und Lebensmittelpreise das deutsche Wirtschaftswachstum um mindestens 1,5 Prozent unter die Erwartungen drücken. Wenn die deutsche Wirtschaft 2022 mehr als 1 Prozent wachsen sollte, wäre dies schon ein Erfolg.

la/mmo