Caroline Ellison Die Zockerin im Zentrum des Krypto-Crashs

Eine zentrale Rolle im Drama um die kollabierte Kryptobörse FTX spielt die 28-jährige Ex-Freundin des Gründers. Sie ging als CEO des eng verbundenen Hedgefonds Alameda immer riskantere Wetten ein. Wer ist sie?
Die Geldmaschine am Laufen halten: Die Alameda-Chefin Caroline Ellison tauchte immer wieder auch im FTX-Umfeld auf, hier in einem Video, das die Börse über ihren eigenen Youtube-Kanal verbreitet hatte

Die Geldmaschine am Laufen halten: Die Alameda-Chefin Caroline Ellison tauchte immer wieder auch im FTX-Umfeld auf, hier in einem Video, das die Börse über ihren eigenen Youtube-Kanal verbreitet hatte

Foto: Screenshot: FTX Official / youtube

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Als der inzwischen tief gestürzte Kryptokönig  Sam Bankman-Fried (30) beim Handelshaus Jane Street Capital seine ersten Erfahrungen als Händler sammelte, beeindruckte er nicht nur seine älteren Kollegen; die sollen ihn bei seinen wilden Trades mitunter ehrfürchtig beobachtet haben. Er traf auch auf eine jüngere Kollegin, die ähnlich tickte wie er: Auch sie eine hochbegabte Mathematik-Absolventin einer Elite-Universität, auch sie in ihren Zwanzigern, auch sie offen für unkonventionelle Ideen wie der, in kurzer Zeit möglichst viel Geld zu verdienen, um es dann weiterzugeben. Ihr Name: Caroline Ellison (28). "SBF" und sie verstanden sich sogar so gut, dass sie laut "Wall Street Journal " zeitweise eine persönliche Beziehung pflegten – und sich gemeinsam auf den Bahamas niederließen.

Sie bildeten ein Power-Paar, das Jahre später den gesamten Kryptomarkt ins Wanken bringen sollte: SBF als Gründer der milliardenschweren Krypto-Plattform FTX , Ellison als Chefin des mit FTX in unheilvoller Weise verbundenen Hedgefonds Alameda Research. Zwei junge Nerds, die auf ihrem kurzen Höhenflug jegliches Risikobewusstsein und schließlich die Kontrolle verloren – und für Anleger und Investoren einen Schaden in Milliardenhöhe verursachten.

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"Wir sind praktisch blind ins Ungewisse gesprungen"

Wie Bankman-Fried, dessen Eltern beide Juraprofessoren an der kalifornischen Stanford-Universität sind, stammt auch Ellison aus einem Akademiker-Haushalt. Ihre Eltern sind Wirtschaftswissenschaftler und lehren am renommierten Massachusetts Institute of Technology (MIT) an der Ostküste, ihr Vater Glenn Ellison leitet als Professor sogar das Economics-Department. Sie begeisterte sich früh für ökonomische Probleme, studierte Mathematik und stieg bei Jane Street Capital an der Wall Street ein, wo sie Bankman-Fried kennenlernte.

Als der Ende 2017 das Handelshaus Alameda gründete, um im großen Stil mit Kryptowährungen und Krypto-Derivaten zu handeln, nahm er Ellison gleich mit. Mit ihren knapp 18 Monaten Erfahrung bei Jane Street gehörte sie fortan bei Alameda schon zu den erfahrensten Traderinnen, erzählte Ellison später einmal: "Wir sind praktisch blind ins Ungewisse gesprungen."

Gemeinsam mit Gary Wang und Nishad Singh gehörte Ellison fortan zu den engsten Vertrauten von "SBF": Auch als dieser 2019 später die – von Alameda formal unabhängige – Kryptobörse FTX gründete. Der folgende Kryptoboom trieb die Bewertung von FTX zeitweise bis auf 32 Milliarden Dollar, doch die Rollenverteilung blieb dieselbe: Wuschelkopf "SBF" stand als Kryptokönig im Rampenlicht. Ellison, Mathe-Nerd und Harry-Potter-Fan mit Hornbrille, blieb im Maschinenraum. Ihr Auftrag war klar: Geld verdienen. Und die Geldmaschine am Laufen halten.

Immer riskantere Wetten - und ein wildes Leben auf den Bahamas

Um dieses Ziel zu erreichen, ging Ellison bei Alameda immer riskantere Wetten ein. Zunächst konzentrierte sich Alameda auf Arbitrage-Handel, versuchte also Preisunterschiede an verschiedenen Kryptomärkten auszunutzen, später investierte das Handelshaus im großen Stil in Kryptowährungen, die zinsähnliche, regelmäßige Renditen versprachen, so genanntes Yield-Farming.

Strahlemann: FTX-Gründer Sam Bankman Fried auf der Bühne mit Gisele Bündchen (r.) und Lauren Remington Platt)

Strahlemann: FTX-Gründer Sam Bankman Fried auf der Bühne mit Gisele Bündchen (r.) und Lauren Remington Platt)

Foto: BFA / action press

Die Summen wuchsen, das Tempo und das Risiko auch. Schon kurz nach ihrem Amtsantritt bei Alameda sei sie von dem atemberaubenden Tempo überrascht gewesen, mit dem neue Trading-Ideen umgesetzt wurden, berichtete Ellison später in einem FTX-Podcast. "Es war bemerkenswert: Jemand schlug etwas vor, ein weiterer schrieb den Code und sorgte für das Release. Dinge wurden binnen weniger Stunden einfach realisiert."

Wie FTX war Alameda ein Gebilde aus diversen Firmen. Die Nachforschungen des Insolvenzverwalters John J. Ray III (63), der inzwischen auch die Geschäfte von FTX führt, ergeben Gerichtsunterlagen zufolge ein verworrenes Bild . Die operative Hauptfirma Alameda Research firmiert demnach im US-Steuerparadies Delaware; Eigner sind zu 90 Prozent der Kryptoking Bankman-Fried und zu 10 Prozent sein Kumpel Wang. Darunter entspannt sich ein Geflecht von rund 30 Firmen, verteilt über die gesamte Welt in Staaten wie Panama, Nigeria, Türkei, Antigua, Singapur oder Hongkong.

Ellison steuerte das Gebilde offenbar von den Bahamas aus. SBF und dessen engster Kreis, etwa zehn junge Männer und Frauen, lebten dort in einer Luxusvilla – und pflegten derweil offenbar auch wechselnde persönliche Beziehungen. Das Leben dort soll Ellison selbst laut "Business Insider " einmal mit einem "kaiserlichen Harem in China" verglichen haben.

Es lief zunächst gut für die jungen Wilden. Alameda und Ellison verließen sich bei ihren aggressiven Trading-Strategien zunehmend auf Intuition. Sie richteten ihre Wetten zeitweise eher nach den jüngsten Posts von Elon Musk (51) als an festgelegten Strategien aus, wie Ex-Alameda-Händler Sam Trabucco berichtet. Im weiteren Zeitverlauf nutzte Alameda laut einem Bericht des "Wall Street Journal"  auch das Wissen über das Anlageverhalten der größten FTX-Kunden, um sich daraus Handelsvorteile zu verschaffen. Ähnlich wie die Türen auf der Bahamas-WG standen offenbar auch die Informationsportale von FTX und Alameda wechselseitig weit offen. Im Herbst 2021 ernannte SBF seine Ex-Freundin Ellison zum CEO bei Alameda, um sich künftig auf FTX zu konzentrieren.

Margin-Calls für die junge Maschinistin

Als der Kryptomarkt ab Frühjahr 2022 ins Wanken geriet, gab das Schwergewicht SBF oftmals noch den Retter. Er verlieh Geld, um wankende Unternehmen oder Portale zu stabilisieren, und erwarb sich den Ruf als "last man standing" in einer rauer werdenden Kryptowelt. Was in den zahlreichen Talkshows und FTX-Podcasts nicht erwähnt wurde: Auch das Handelshaus Alameda musste gestützt werden und hatte schon sogenannte "margin calls" erhalten. Offenbar leitete FTX Kundengelder in Milliardenhöhe an Alameda weiter, damit dort die spekulativen Wetten weitergehen konnten. Der diskrete Geldtransfer geschah mit dem Wissen von Bankman-Fried und von Ellison.

Wie genau die Geschäfte zusammenhingen, versuchen die Restrukturierer um den Anwalt Ray gerade herauszufinden. Zu Ende September seien Alameda Assets in Höhe von mehr als 13 Milliarden Dollar zuzuordnen, erklärte Ray gegenüber dem Gericht. Das Problem allerdings: Keine der Alameda-Firmen habe Buch geführt, einen geprüften Abschluss habe es auch nicht gegeben. Es habe insgesamt sehr viel Macht "in den Händen einer sehr kleinen Gruppe unerfahrener, unbedarfter und potenziell gefährdeter Personen" gelegen, so Ray. Insgesamt eine "beispiellose Situation".

Der Absturz der FTX- und Alameda-Crew vollzog sich jedenfalls noch rascher als der Aufstieg. Als FTX-Kunden massenhaft Geld abzogen und der Kurs des FTX-Coins FTT ins Bodenlose stürzte, versuchte Ellison noch, den Fire-Sale aufzuhalten: Per Tweet forderte sie den Chef der konkurrierenden Kryptobörse Binance, Changpeng Zhao, dazu auf, dessen FTT direkt an Alameda zu verkaufen. "Wir würden uns freuen, Dir alles zum Kurs von 22 Dollar abzukaufen", schrieb sie. Doch die Lawine war nicht mehr zu stoppen.

Anfang November rang sich die sehr zurückhaltende Alameda-Chefin noch einmal zu einem Videocall mit ihren Mitarbeitern durch. Es täte ihr leid, dass sie das Vertrauen enttäuscht habe, so Ellison. Wenig später wurden Bankman-Fried bei FTX und Ellison bei Alameda gefeuert.

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