Wochenausblick Das verflixte dritte Quartal

"Sell in May, go away." Die Börsenweisheit vergisst, dass nicht nur der Wonnemonat traditionell dürftige Umsätze bringt. Analysten rechnen mit einem müden dritten Quartal - wie immer. Da dürfen sich die Anleger schon freuen, wenn die Kurse stagnieren.

Frankfurt - Schön, wenn es etwas zu feiern gibt: Der Dax  wird am 1. Juli 15 Jahre alt und dürfte bei vielen Börsianern sehnsüchtige Erinnerungen an Zeiten wecken, in denen der deutsche Leitindex auf über 8000 Punkte schoss. Tempi passati.

Doch auch ohne Höhenflüge wurde das Börsenbarometer ein Erfolgsprodukt, das aus keiner Nachrichtensendung mehr wegzudenken ist. "Der Dax ist das bedeutendste Aushängschild für den deutschen Finanzmarkt, und jeder Investor, ob in Deutschland oder Europa, guckt auf diesen Index", urteilt Christoph Lammersdorf, Managing Director der Deutschen Börse.

Das Aushängeschild verspricht in den kommenden Tagen jedoch nicht, allzu Erfreuliches anzuzeigen. Analysten rechnen mit zähen Geschäften und anhaltender Zurückhaltung angesichts der bevorstehenden US-Berichtssaison. Trotz der Leitzinssenkung in den USA und eines unerwartet freundlichen Ifo-Geschäftsklimaindexes blieb schon in der vergangenen Woche der Aufschwung aus.

Aufatmen nach dem Streik

Andererseits zeigte sich der Dax vom Metallerstreik im Osten überraschend unbeeindruckt. Nun wurde der Streik am vergangenen Samstag abgebrochen, und auch die betroffenen West-Betriebe von VW  und BMW  können ihre Produktion wieder aufnehmen. Darüber hinaus deuten viele den ergebnislosen Abbruch des Streiks - ein einmaliger Vorgang in der deutschen Geschichte - als generelle Schwächung der Arbeitnehmervertreter. All das wird viele Unternehmen und auch die Börsianer freuen.

Ein weiterer Lichtblick auf dem Frankfurter Parkett ist der Beschluss der rot-grünen Koalition, die letzte Stufe der Steuerreform auf Anfang 2004 vorzuziehen, auch wenn mit weiteren Abstrichen bei den ursprünglich geplanten Steuerentlastungen zu rechnen ist. Auf die Kurse allerdings dürfte sich das wenig auswirken: Die lang diskutierte Maßnahme ist bereits eingepreist.

"Sell in May, go away" - und sie bleiben weg

"Sell in May, go away" - und sie bleiben weg

Mit dem Beginn des dritten Quartals droht erfahrungsgemäß sogar ein Rückgang der Geschäfte. Die Börsenweisheit "Sell in May, go away" schien sich in den vergangenen Wochen erneut zu bewahrheiten - und bleibt nicht auf den Wonnemonat beschränkt. In den vergangenen dreizehn Jahren war das dritte Quartal jeweils das schwächste.

Hinzu kommt, so die Einschätzung der Commerzbank, dass die meisten Analysten zu optimistische Gewinnerwartungen für das Gesamtjahr hätten. Spätestens nach den Quartalsberichten zum zweiten Jahresviertel dürften die Schätzungen heruntergeschraubt werden. Immerhin: auf die Tiefstände vom vergangenen März werde der Markt nicht zurückfallen. Schließlich sei das Geld für Aktien da. Die Börse kann bis Jahresende auf die gegenwärtigen Niveaus zurückkehren, doch die nächsten Monate werden hart.

Sorgenkinder Festverzinsliche

Mit starken Verlusten wird vor allem bei den europäischen Festverzinslichen gerechnet. "Der Ausverkauf bei den Bonds ist durch die Fed bedingt", klagt Rentenstratege Jason Simpson von ABN Amro. "Zunächst senkt sie die Zinsen nur um 25 statt um die erwarteten 50 Basispunkte, dann klingen die Konjunkturerwartungen auch noch optimistischer als beim vorherigen Mal." Viele Anleger befürchteten daher, der Zinssenkungszyklus der Fed könne damit vorerst beendet sein.

Die US-Konjunktur stehe am Wendepunkt. "Wir haben das Schlimmste der konjunkturellen Malaise gesehen, also gibt es Anlass anzunehmen, dass die Renditen ihren Tiefpunkt erreicht haben", prognostiziert der Analyst. Eine optimistischere Konjunktureinschätzung bewegt zahlreiche Anleger zum Kauf von riskanteren, aber höhere Renditen versprechenden Aktien und belastet damit die Rentenkurse.

Zusätzlich zum allgemein ungünstigen Umfeld für Festverzinsliche belastete nach Einschätzung von Marktteilnehmern die Aussicht auf weitere Zinssenkungen in der Euro-Zone die europäischen Renten. Der Schlüsselzins in der Euro-Zone liegt seit Anfang Juni bei 2,00 Prozent. In den vergangenen Monaten hatten höhere Renditen in der Euro-Zone im Vergleich zu den USA Anleger in den Euro gelockt.

So richtig zum Feiern bleibt in der kommenden Börsenwoche also nur eins: Happy Birthday, Dax!

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