Wall Street Erst beichten, dann triumphieren

An den US-Börsen geht die Quartalszahlensaison in die zweite Woche, ebenso wie das Kursfeuerwerk. Doch Börsianer begegnen der Rallye mit Misstrauen. Der Aktienmarkt bleibt angezählt.

New York - Man sollte meinen, dass die Börsianer an der Wall Street feiern. Schließlich erleben sie gerade die rasanteste Aktienrallye seit 1982. Seit seinem Fünf-Jahres-Tief vor zehn Tagen hat der Dow Jones 14 Prozent zugelegt, sechs Prozent allein vergangene Woche. Volle tausend Punkte ist er von seinem Tiefstand entfernt.

Die Börsianer feiern aber nicht. Sie drucksen herum, als stünde der Doppel-Dipp vor der Tür. "Ich glaube nicht, dass dies der Beginn eines Bullenmarktes ist", sagt Richard Dickson, Analyst bei Hilliard Lyons. Zwar könne der Dow noch weitere zehn Prozent zulegen, aber spätestens dann käme die Rallye doch wieder ins Stocken.

Tausend-Punkte-Rallyes treffen in diesen Tagen auf Skepsis. Die letzte, nach dem 23. Juli, dauerte einen knappen Monat. Börsianer weisen darauf hin, dass sich in den vergangenen zwei Wochen an der Unternehmenssituation nichts grundlegend geändert hat. "Es gibt Gründe, warum der Aktienmarkt so deprimiert war", erinnert David Wyss, Chef-Volkswirt von Standard and Poor's.

Erst beichten, dann triumphieren

Natürlich hat der Kursaufschwung auch nicht ohne Grund eingesetzt. Tonangebende Unternehmen wie General Electric , Citigroup , General Motors  und Microsoft  haben die Gewinnerwartungen fürs abgelaufene Quartal zum Teil deutlich übertroffen. Endlich mal harte Zahlen. Das sorgt für Erleichterung.

Doch wie hart sind die Zahlen wirklich? Die Unternehmen haben Erwartungen übertroffen, die vorher durchschnittlich um zwei Drittel gesenkt worden waren. Es ist der alte Trick: Erst beichten, zwei Wochen später dann triumphieren. So werden Rallyes gemacht - bis die Anleger realisieren, dass es doch nicht so rosig aussieht.

Wackelige Zahlen, aber die Prognosen werden übertroffen

Diese Woche wird die Magie aber wohl noch wirken. Weitere 1200 Unternehmen, von Amazon.com  über 3M  bis Xerox , geben ihre Quartalszahlen bekannt. Die meisten werden die Erwartungen übertreffen - wenn die Zahlen dahinter auch noch so wacklig sind.

Beispiel Lucent Technologies : Der Telekom-Ausrüster steckt seit Jahren in der Krise, nichts scheint seinen Fall aufhalten zu können. Vorletzte Woche kündigte das Unternehmen weitere 10.000 Entlassungen und eine Abschreibung von vier Milliarden Dollar an. Die Aktie ist längst ein Penny-Stock.

Doch jetzt am Mittwoch wird das Unternehmen mit ziemlicher Sicherheit die Erwartungen erfüllen, wenn nicht gar übertreffen. Alles andere wäre eine Riesenüberraschung. So wird aus einer traurigen Nachricht (Lucents Verlust ist von 28 Cents pro Aktie vor einem Jahr auf 65 Cents gewachsen) eine gute.

Die Rüstungsindustrie boomt

Die angezählten Branchenriesen öffnen die Bücher

Der Kalender diese Woche ist gespickt mit Nachrichten von angeschlagenen Giganten aus dem Tech- und Telekom-Sektor. Am Montag berichtet Texas Instruments , am Dienstag AT&T , am Mittwoch Lucent Technologies  und AOL Time Warner , am Donnerstag JDS Uniphase  und SBC Communications . Bei fast allen fällt der Gewinn voraussichtlich niedriger aus als im gleichen Vorjahreszeitraum. Nur AT&T konnte leicht zulegen.

Auch etablierte Blue-Chips wie McDonald's  (Dienstag) oder Tyco International  (Donnerstag) spüren die schwächelnde Konjunktur. Der Gewinn beim Fast-Food-Marktführer ist im dritten Quartal voraussichtlich auf 38 Cents pro Aktie gefallen - von 42 Cents im Vorjahr. Der Mischkonzern Tyco wird wohl einen Gewinneinbruch von 86 auf 32 Cents pro Aktie melden.

Gute Zahlen bei Lockheed Martin erwartet

Die einzige Branche, bei der man von einem echten Boom sprechen kann, ist die Rüstungsindustrie, wie Marktführer Lockheed Martin  am Freitag beweisen wird. Analysten erwarten einen Quartalsgewinn von 66 Cents (gegenüber 49 Cents im Vorjahr). Die Aktie des Konzerns ist seit Jahresbeginn um 28 Prozent gestiegen.

Und selbst wenn die Illusion der übertroffenen Erwartungen diese Woche ungebrochen anhält - früher oder später werde die Realität die Anleger einholen, warnt die Deutsche Bank in New York. "Die kurzfristigen Aussichten für die Konjunktur deuten auf eine deutliche Verlangsamung des Umsatz- und Gewinnwachstums im vierten Quartal hin", heißt es in ihrem wöchentlichen Ausblick. Die Zeit der Enttäuschungen ist noch nicht vorbei.

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