Montag, 19. August 2019

Rückkehr zur lockeren Geldpolitik So verändern Zentralbanken die Welt der Geldanleger

Bargeld lacht: Sparer sollten die Entscheidungen der Zentralbanken genau im Blick behalten.
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Bargeld lacht: Sparer sollten die Entscheidungen der Zentralbanken genau im Blick behalten.

Seit dieser Woche steht fest: Die Finanzwelt wird noch deutlich länger mit niedrigen Zinsen leben, als bislang gedacht. Das hat zahlreiche Folgen für Geldanleger. Ein Überblick.

Niedrige Zinsen für noch längere Zeit - das ist die wichtigste Botschaft an die Akteure der Finanzmärkte in dieser Woche. Zuerst äußerte sich Jerome Powell, der Chef der US-Zentralbank Fed. Mehr oder weniger deutlich ließ er erkennen, dass die Fed in Sorge um die US-Wirtschaft inzwischen bereit ist, ihren Leitzins in diesem Jahr zumindest einmal zu senken. Aus Sicht der Investmentprofis dürfte das lediglich der Anfang sein - sie haben Beobachtern zufolge bereits zwei US-Zinssenkungen bis Ende 2019 fest eingeplant.

Am Donnerstag folgte dann die Europäische Zentralbank (EZB), die das Ende ihrer extremen Niedrigzinspolitik noch weiter hinauszögern will. Bislang war von einem ersten Zinsschritt nach oben noch in diesem Jahr die Rede. Jetzt wollen die Zentralbanker um EZB-Präsident Mario Draghi den Leitzins nicht vor Mitte 2020 anrühren.

Hauptgrund für die neuerdings wieder lockerere Geldpolitik sind die Handelsstreitigkeiten zwischen den USA und China, die weltweit bereits erkennbare Spuren in der wirtschaftlichen Entwicklung hinterlassen. Auch die Zentralbanken von Australien und Neuseeland beispielsweise sahen sich vor dem Hintergrund bereits zu Zinssenkungen genötigt.

Für Kapitalanleger bedeutet das eine grundlegende Änderung der Rahmenbedingungen, unter denen sie agieren. Die absehbar längere Zeit sehr niedriger Zinsen wirkt sich auf vielen verschiedenen Gebieten der Geldanlage aus. Hier die Übersicht:

Aktien:

Für Börsianer sind niedrige Zinsen prinzipiell eine gute Nachricht. In der Vergangenheit landete ein Großteil des günstigen Geldes nicht selten an den Aktienmärkten und trieb dort die Kurse nach oben. Ohnehin befinden sich viele wichtige Börsen weltweit - beispielsweise jene in Deutschland sowie in den USA - seit geraumer Zeit im Aufschwung. Zuletzt gab es zwar einige Turbulenzen, die vor allem mit dem Handelsstreit der USA mit China sowie schwächeren Konjunkturaussichten zu tun hatten. Wenn Notenbanken wie die Fed oder die EZB nun beschließen, ihre Geldhähne weiter zu öffnen, so dürfte das die Aktienkurse jedoch tendenziell stützen oder sogar zusätzlich in die Höhe treiben.

Den besten Beleg dafür gab es just am Freitag dieser Woche: In den USA wurden schwache Daten vom Arbeitsmarkt veröffentlicht, und die Aktienkurse an der Wall Street zogen prompt an. Der Grund: Börsianer werten schlechte Nachrichten aus der Wirtschaft inzwischen wieder als "good news", denn sie erhöhen die Wahrscheinlichkeit von Zinssenkungen durch die Notenbank. Fed, EZB und Co haben also die Börsen bereits wieder im Griff.

Anleihen:

Einer Faustregel zufolge entwickeln sich die Kurse von Aktien und Anleihen häufig in entgegengesetzte Richtungen: Weil die eine Anlageklasse (Aktien) als riskanter gilt als die andere (Anleihen), wird angenommen, dass sich Investoren je nach Risikoneigung zwischen beiden entscheiden - entweder sie kaufen Aktien und treiben deren Kurse nach oben, oder sie investieren in Anleihen und sorgen dort für Wertzuwächse. Diese Theorie trifft aber nicht immer zu. Wie gerade aktuell zu beobachten ist - und von mm.de-Gastautor Carsten Klude von der Privatbank MM Warburg bereits beschrieben wurde - sind auch viele Anleihenkurse in den vergangenen Monaten stark gestiegen. Die niedrigen Zinsen der Notenbanken dürften an diesem Trend kaum etwas ändern: Solange Investoren nicht erwarten, in absehbarer Zeit neue Anleihen mit höheren Zinsen angeboten zu bekommen, gibt es bei unveränderter Gesamtlage kaum einen Grund für sie, nicht weiterhin in bestehende Anleihen zu investieren. Die Rendite der Bundesanleihe mit zehnjähriger Laufzeit beispielsweise wurde durch die große Nachfrage in dieser Woche bereits auf ein Rekordtief gedrückt - entsprechend ist der Kurs dieser Papiere gestiegen. Angesichts der weiterhin lockeren Geldpolitik spricht einiges dafür, dass diese Entwicklung in nächster Zeit anhalten wird.

Gold:

Die Auswirkung der gegenwärtigen Zinsentscheidungen auf den Goldpreis ließ sich vor wenigen Tagen beinahe live beobachten: Der Goldpreis legte binnen weniger Tage um etwa 5 Prozent zu, und Beobachter sahen als Hauptgrund dafür die Aussicht auf niedrigere Zinsen in den USA. Der Zusammenhang ist einfach: Durch niedrige US-Zinsen verringert sich tendenziell die Attraktivität des Dollar-Raums für Kapitalanleger. Die US-Währung wird also geschwächt, was wiederum die internationale Nachfrage nach Gold ankurbeln kann. Schließlich wird das Edelmetall in der Regel in Dollar notiert und gehandelt - fällt der Dollar, erscheint es für einen Großteil der Investoren weltweit günstiger. Ein zweiter Effekt ist: Gold steht als Geldanlage, die keine Zinsen abwirft, in Konkurrenz zu verschiedenen Zinspapieren. Auch aus diesem Grund wird nachvollziehbar, weshalb der Goldpreis häufig von niedrigen Zinsen oder zumindest der Erwartung darauf profitiert. Das Edelmetall gewinnt in dem Fall für Investoren schlicht an Attraktivität.

Fest- und Tagesgeld:

Dieser Abschnitt lässt sich kurz halten: Seit Jahren warten Bank- und Sparkassenkunden darauf, dass ihnen Institute wieder einigermaßen attraktive Zinsen für ihre Einlagen bieten. Doch vergeblich: Der Vergleichsplattform FMH zufolge gibt es zurzeit kaum ein Geldhaus, das für Tagesgeld mit einer Anlagedauer von drei oder sechs Monaten mehr als 0,7 Prozent Zinsen bieten würde. Beim Festgeld mit Laufzeiten von bis zu drei Jahren sind die Konditionen mit kaum mehr als 1,5 Prozent Zinsen auch nicht viel besser. Daran dürfte sich angesichts der aktuellen Notenbankentscheidungen vorläufig kaum etwas ändern. Übrigens: Die Inflationsrate in der Euro-Zone liegt gegenwärtig bei 1,2 Prozent. Wenn überhaupt, so bleibt real von der Rendite bei diesen Bankanlagen also nicht viel übrig.

Immobilien:

Auch dieser Zusammenhang erschließt leicht: Seit Jahren steigen in Deutschland (und anderswo) die Immobilienpreise, getrieben unter anderem durch niedrige Zinsen, die Käufern und Investoren günstige Finanzierungen ermöglichen. Da das Zinsumfeld nun länger unverändert bleiben wird, ist zumindest von dieser Seite keine Beeinträchtigung des Immobilienbooms zu erwarten. Das dürfte nicht nur Käufer von Wohnungen und Häusern freuen, deren Wertanlage stabil bleibt. Auch Anleger von offenen Immobilienfonds, einer von verschiedenen Möglichkeiten der indirekten Immobilienanlage, profitieren von den niedrigen Zinsen. Zahlen des Fondsverbandes BVI zeigen: Kaum eine Fondsanlage war in jüngerer Vergangenheit bei Privatanlegern so beliebt, wie diese. Allerdings steigen angesichts seit Jahren immer weiter kletternder Immobilienpreise inzwischen auch die Risiken dieser Immobilienfonds, wie jüngst eine Studie zeigte.

Inflation:

Christoph Rottwilm auf Twitter

Auch diesen Aspekt sollten Sparer nicht außer Acht lassen: Niedrige Zinsen wirken sich nicht nur auf Renditen aus, die sich am Kapitalmarkt erzielen lassen, sondern auch auf das allgemeine Preisniveau. Noch befindet sich die allgemeine Preissteigerung - wie bereits erwähnt - auf einem moderaten Niveau von etwa 1,2 Prozent. Das ist auch einer der Gründe dafür, dass die EZB wie auch die Fed überhaupt in der Lage sind, eine derart lockere Geldpolitik zu betreiben. Früher oder später dürfte jedoch das viele Geld, das so in Umlauf gebracht wird, zu höheren Inflationsraten führen. Eine der Maßnahmen etwa, die die EZB in dieser Woche beschloss, zielt direkt darauf ab, über den Bankensektor mehr Geld auf dem Kreditwege in die Realwirtschaft zu bekommen. Das kann letztlich eine stärkere Geldentwertung bedeuten. Die Inflation ist insofern eine wichtige Größe bei der Geldanlage, weil sie stets von den nominal erzielbaren Renditen abgezogen werden muss. Erst dann ergibt sich die reale Rendite, mit der Anleger rechnen können. Steigt also die Inflation, so sinkt die reale Rendite. Steigt die Inflation sehr stark, so sind allerdings auch die Zentralbanken wieder am Zug. Spätestens dann ist es Zeit, die Zinsen zu erhöhen.

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