Verkaufswelle bei Staatsanleihen Das Ende der Minuszinsen

An den Finanzmärkten dreht seit geraumer Zeit der Wind, Inflation und Umsteuern von Notenbanken lassen das Zinsniveau steigen. Erstmals seit Langem erreichte nun die viel beachtete zehnjährige Bundesanleihe positives Terrain. Das hat nicht nur symbolische Bedeutung.
Müssen neu rechnen: EZB-Chefin Christine Lagarde, Frankreichs Finanzminister Bruno Le Maire und sein deutscher Amtskollege Christian Lindner geraten durch die steigenden Bond-Renditen unter Druck

Müssen neu rechnen: EZB-Chefin Christine Lagarde, Frankreichs Finanzminister Bruno Le Maire und sein deutscher Amtskollege Christian Lindner geraten durch die steigenden Bond-Renditen unter Druck

Foto: OLIVIER HOSLET / EPA

Anleger bekommen seit mehr als zwei Jahren erstmals wieder Geld für bestimmte Kredite an den deutschen Staat. Aus Furcht vor einer raschen Abfolge von Zinserhöhungen der großen Notenbanken warfen Investoren Staatsanleihen aus ihren Depots. Dies trieb die Rendite der zehnjährigen Bundesanleihe am Mittwoch erstmals seit Anfang Mai 2019 wieder in positives Territorium. Sie rentierte bei plus 0,017 Prozent.

In den USA haben Staatsanleihen dieses noch vergleichsweise niedrige Niveau längst hinter sich gelassen, doch auch hier zogen die Renditen am Mittwoch weiter an: Die Rendite der vergleichbaren US-Treasuries kletterte wegen der Aussicht auf baldige Zinserhöhungen der Notenbank Fed auf plus 1,884 Prozent.

Der Ausverkauf bei Staatsanleihen hatte sich in den vergangenen Wochen intensiviert. Seit Anfang Dezember sind die Zinsen an den Bondmärkten der Euro-Zone deswegen um rund 30 Basispunkte gestiegen. Anleger setzen darauf, dass die US-Notenbank Fed die Zinsen bereits im März erhöhen könnte und damit früher als ursprünglich an den Finanzmärkten erwartet.

Druck auf Fed und Europäische Zentralbank steigt

Nicht wenige erwarten oder fordern gar, dass die Fed bei der ersten Zinserhöhung dann sogar um 50 Basispunkte erhöht. Den großen Zinsschritt sollte die Fed schon deshalb wagen, um "ihre Glaubwürdigkeit wiederherzustellen", kritisierte kürzlich der Milliardär und Investor Bill Ackman (55) in einer Reihe von Tweets . "Ein erster Schritt von 50 Basispunkten hätte den Reflexeffekt, die Inflationserwartungen zu senken, was die Notwendigkeit aggressiverer und wirtschaftlich schmerzhafterer Schritte in der Zukunft verringern würde", so Ackman weiter. Und Henry Kaufman (94), alias "Dr. Doom", Chefvolkswirt von Salomon Brothers, erklärte kürzlich laut Bloomberg, er würde Fed-Chef Jerome Powell raten, "drakonisch" zu handeln, also die kurzfristigen Zinssätze um 50 Basispunkte zu erhöhen und den Märkten ausdrücklich zu signalisieren, dass weitere Schritte folgen werden.

EZB-Präsidentin Christine Lagarde (66) sowie Direktorin Isabel Schnabel (50) betonten zuletzt erneut, dass sie vorerst kein Handlungszwang verspüren. Doch angesichts der steigenden Anleiherenditen und der Entwicklung in den USA dürfte es auch für die Europäische Zentralbank (EZB) schwieriger werden, an ihrer Nullzinspolitik festzuhalten, wendet Anlagestratege Michael Hewson vom Brokerhaus CMC Markets ein. Dennoch zeige sich die EZB im Vergleich zu der US-Notenbank erheblich defensiver hinsichtlich des Themas einer Leitzinswende, so LBBW-Ökonom Elmar Völker. "Solange die Euro-Währungshüter an dieser Grundhaltung festhalten, dürften die Bundrenditen ihren US-Pendants nur mit gebremstem Schaum folgen, was vorerst dagegen spricht, dass die 10-jährige Benchmarkrendite allzu tief in das positive Terrain vordringt."

Müssen die Finanzminister jetzt zittern?

Aktienanleger verfolgen die steigenden Bond-Renditen mit Argwohn: Die anhaltenden Verluste an den Aktienmärkten, insbesondere bei Technologiewerten, sind dafür der beste Beleg. Denn "für die Unternehmen werden die steigenden Zinsen zur immer größeren Belastung. Damit steigen die Kapitalkosten, gleichzeitig sinken Margen und Gewinne", weiß Portfolio-Manager Thomas Altmann vom Vermögensberater QC Partners. Der Dax gab am Mittwoch nach schwachen Vorgaben der Wall Street, weiter nach.

"Ich erwarte, dass sich die Zinsausgaben 2022 mindestens verdoppeln werden"

Otto Fricke, haushaltspolitischer Sprecher der FDP

Auch der eine oder andere Finanzminister dürfte unruhig werden, denn je höher die Bond-Renditen, desto teurer könnte die Finanzierung von Haushaltsdefiziten werden. Mit Blick auf die Bundesrepublik sieht so mancher Experten keinen Grund zur Sorge – vorerst jedenfalls.

"Dass die Nulllinie jetzt überschritten wurde, hat für sich genommen keine große Bedeutung, insbesondere nicht für die Tragfähigkeit der öffentlichen Finanzen", sagte der Steuerschätzer und Experte des Kieler Instituts für Weltwirtschaft (IfW), Jens Boysen-Hogrefe, am Mittwoch. Sollte sich der Trend aber manifestieren und die Renditen weiter zunehmen, dürfte die Defizitfinanzierung zunehmend problematisch werden. "Dies gilt dann nicht nur für den Bund, sondern für die öffentlichen Finanzen im gesamten Euroraum." Viele Euro-Länder wie Italien sind stärker verschuldet als Deutschland.

Zwar sei erstmals nur eine symbolische Marke geknackt worden, sagte der haushaltspolitische Sprecher der FDP, Otto Fricke, am Mittwoch. "Der zusätzliche Puffer im Haushalt, den es in den letzten Jahren immer gegeben hat, fällt jetzt aber weg." Das werde sich im Jahresverlauf immer stärker auswirken. "Ich erwarte, dass sich die Zinsausgaben 2022 mindestens verdoppeln werden, allerdings von niedrigem Niveau kommend."

Bund will sich 2022 mehr als 400 Milliarden Euro leihen

Der Bund hat zuletzt mit der Ausgabe von Schulden sogar noch Geld verdient. Weil Bundesanleihen dank ihrer Top-Bonität als besonders sicher gelten, waren viele Investoren bereit, negative Renditen zu akzeptieren, zahlten also drauf. Das ändert sich nun Schritt für Schritt. Der Bund will sich in diesem Jahr etwa 403 Milliarden Euro von Investoren leihen, davon etwa 56 Milliarden über konventionelle Anleihen mit zehnjähriger Laufzeit – zu welchen Konditionen, wird sich zeigen.

Die Zinsen hatten in den vergangenen Jahren eine Berg- und Talfahrt hingelegt. Die Rendite der wichtigsten deutschen Staatsanleihen war erstmals im Juni 2016 ins Minus gerutscht. Grund hierfür waren unter anderem die Wertpapierkäufe der EZB im Nachgang der europäischen Schuldenkrise. Verstärkt wurde die Flucht in den "sicheren Hafen" durch das Brexit-Referendum im Juni 2016. Das Gezerre um die Modalitäten des Brexits und die künftigen Beziehungen zwischen Großbritannien und der EU läuteten ab Ende 2018 eine erneute Talfahrt ein. Der Ausbruch der Coronavirus-Pandemie und der folgende Börsencrash verstärkten den Run auf Bundesanleihen. Im März 2020 erreichte die Rendite der zehnjährigen Titel ein Rekordtief von minus 0,909 Prozent.

rei/Reuters