Börse Höchststände ohne Anleger

Ein Dax-Rekord jagt den nächsten. Doch viele Privatanleger gehen leer aus. Aus Angst vor Kursverlusten scheuen sie Aktien - und gehen damit ungewollt neue Risiken ein, sagt Andrew Goldberg, Marktstratege bei JP Morgan.
Von Arne Gottschalck
Dax: So hoch wie nie - doch viele Privatanleger sind nicht dabei

Dax: So hoch wie nie - doch viele Privatanleger sind nicht dabei

Foto: KAI PFAFFENBACH/ REUTERS

mm: Herr Goldberg, etliche Indizes sind auf Höchstkursen - doch befragt man Privatanleger, herrscht eher große Skepsis gegenüber der Börse. Nur wenige wagen sich an den Aktienmarkt, weil viele ihr Geld auf dem Sparbuch für sicherer halten.

Goldberg: Zwischen Wahrnehmung und Realität klafft an der Börse immer eine große Lücke. Die Finanzwelt ist komplex geworden. Wir als Asset-Manager müssen die Einfachheit wieder herstellen.

mm: Dann eine einfache Frage - gibt es noch einen "sicheren Hafen"?

Goldberg: Leider nicht, da ist keiner übrig. Immobilien, vielleicht. Aber Cash, also Liquidität auf dem Konto? Nein, denn nach Inflation verlieren Sie in dieser Anlageform Geld.

mm: Das müsste eine Herausforderung für jeden Geldverwalter sein ...

Goldberg: Wir müssen den Anleger besser informieren - entweder direkt oder über unsere Vertriebspartner. Anderenfalls besteht die Gefahr, dass er sich von der kapitalbasierten Anlage abwendet. Dabei ist jetzt schon klar, dass das gesparte Geld in den entwickelten Volkswirtschaften nicht reicht, um die lange Zeit nach dem Ruhestand zu finanzieren.

mm: Wer es sich leisten kann, investiert derzeit lieber in Immobilien als in Aktien. In Deutschland brummt der Häusermarkt.

Goldberg: In den USA bemessen die Bürger ihr Vermögen oft am Preis ihrer Immobilien. Deswegen sind Amerikaner auch so besessen vom Wert ihres Hauses. Auch meine Mutter schaut regelmäßig im Internet nach, welchen Preis ihr Haus erzielen würde. Obwohl sie keine Verkaufsabsichten hat. Aber so ticken wir Amerikaner.

mm: In Großbritannien ist das nicht anders.

Goldberg: Und deswegen ist die forward guidance, die Politik der Bank of England, auch so wichtig. Sie sagt den Menschen: "Das Geld bleibt billig, damit kannst Du rechnen."

Kaufen für die Konjunktur

mm: Neben dem Konsum sollen die Menschen aber auch investieren; das zumindest ist das Credo der Ökonomen.

Goldberg: Ja, denn die Menschen sehen sich einem völlig unterschätzten Risiko gegenüber. Der Durchschnittsamerikaner beispielsweise kann mit seinem angesparten Vermögen vierzehn Jahre überbrücken, statistisch gesehen. Dabei liegt die Wahrscheinlichkeit für einen heute 65 jährigen Mann bei rund 60 Prozent, dass er 80 Jahre oder älter wird. So erfreulich diese Nachricht auch ist, so unerfreulich ist es, dass sein finanzielles Polster einige Jahre zu früh aufgebraucht ist.

mm: Welche Rolle spielt die Fed - die des Spielverderbers? Allein die Ankündigung von Ben Bernanke, dass die Anleihenkäufe demnächst auslaufen könnten, ließ die Märkte im Sommer kräftig fallen.

Goldberg: Ben Bernanke hatte bereits zuvor klar gesagt, dass die US-Notenbank sich zurückziehen würde, wenn die Daten stimmen. Der Haken ist, dass die Daten bislang halt noch nicht stimmen. Wir dürfen auch nicht vergessen - das Fed-Programm soll nicht enden, lediglich eingedämmt werden. Es fließt also noch immer genug Geld. Die Fed hat also nur auf den Ausgang gezeigt und darauf hingewiesen, dass ihre Maßnahmen begrenzt sind. Das Tempo und den Zeitpunkt dafür wird bestimmt durch die Wirtschaftsdaten der USA.

mm: Die Politiker in Washington haben ein wochenlanges Gezerre um die Erhöhung der Schuldengrenze beendet und sie für einen befristeten Zeitraum angehoben - ausgestanden ist das Problem damit noch nicht, oder?

Goldberg: Mit der jüngsten Debatte um die Erhöhung der Staatsschuldenobergrenze hat sich die Politik keinen Gefallen getan. Schon in wenigen Monaten stehen wir in den USA wieder vor einer ähnlichen Situation. Ein solches Schauspiel sollte uns dann erspart bleiben.

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