Montag, 9. Dezember 2019

Wird WeWork der nächste Milliarden-Flop? Milliarden-Börsengänge locken - worauf Anleger achten müssen

Börsianer in New York: Bei Börsengängen wird oft viel versprochen und wenig gehalten

Börsengänge wie der kommende des US-Bürovermieters WeWork werden stets großspurig angekündigt und enttäuschen häufig - siehe Uber, Lyft und Slack. Wie können Investoren Fehlgriffe vermeiden?

Die Mitfahrdienste Uber und Lyft, die Message-App Slack - die Liste der viel beachteten und doch missglückten Börsengänge in diesem Jahr ließe sich beinahe beliebig verlängern. Gegenwärtig sorgt der Büroraumvermieter WeWork für Spannung im Vorfeld seines geplanten IPOs. Die angesichts schwacher Geschäftszahlen sowie zweifelhafter Finanztransaktionen des Managements abenteuerlich hoch anmutende Bewertung im zweistelligen Milliardenbereich lässt bereits den nächsten Flop befürchten.

Es stellt sich einmal mehr die Gretchenfrage aus Investorensicht: Wie lässt sich ein Börsenneuling erkennen, bei dem der Einstieg lohnt? Anders gefragt: Welche Faktoren sprechen dafür, dass ein Börsengang für Investoren zum Erfolg wird?

Die Antworten auf diese Frage kreisen meist um zwei Begriffe: Wachstum und Profitabilität. Das ideale Unternehmen bietet beides. Firmen, die stetig wachsen, während sie zugleich Gewinne erzielen, sind so etwas wie der Traum eines jeden Börsianers.

Tatsächlich befinden sich Debütanten am Aktienmarkt - besonders junge Unternehmen aus dem Tech-Sektor - jedoch häufig vor allem auf einem rasanten Expansionskurs. Die Gewinne, so häufig das Versprechen, sollen später kommen. Entsprechend ungewiss ist auch die Kursentwicklung dieser Aktien - nicht selten geht es abwärts.

Milliardenhoch bewertet - und tief in den roten Zahlen

So ist es auch bei den genannten Beispielen. Slack etwa enttäuschte erst Anfang September mit Geschäftszahlen, die neben dem obligatorischen Verlust auch noch ein sich verlangsamendes Wachstum dokumentierten. Folge: Investoren ergriffen die Flucht, die Aktie rutschte binnen eines Tages um 15 Prozent ins Minus.

Uber, Lyft, WeWork - sie alle sind ebenfalls weit davon entfernt, schwarze Zahlen zu schreiben. Schlimmer noch: In einigen Fällen macht das Management kaum einen Hehl daraus, dass noch nicht einmal ein Weg in Sicht sei, der in Richtung Gewinnzone führen könnte.

Bewahrheitet sich also doch, was vorsichtige Anleger seit jeher betonen? Ein Investment in ein Unternehmen, dass keine Gewinne erzielt, ist eine allzu spekulative Wette, da heißt es vernünftiger Weise besser "Finger weg"?

Auch Amazon schrieb über viele Jahre hohe Verluste

Es gibt Gegenbeispiele. Das prominenteste ist wohl der inzwischen zum Giganten herangewachsene Amazon-Konzern. Als das Unternehmen mit Jeff Bezos an der Spitze 1997 an die Börse ging, sahen die nackten Zahlen nicht viel anders aus, als heute bei Uber, Lyft und Co. Zwar wuchsen die Umsätze in schier atemberaubendem Tempo. Die Verluste legten bei Amazon seinerzeit aber ebenfalls noch stetig zu. 1995 beispielsweise betrug das Minus Börsen-Chart zeigen rund 300.000 Dollar. 1996 waren daraus bereits Miese in Höhe von 5,8 Millionen Dollar geworden.

Wer sich von diesen Verlusten abschrecken ließ, hat aus heutiger Sicht allerdings bekanntlich einen gewaltigen Fehler gemacht: Allein für die zurückliegenden 15 Jahre spucken Finanzrechner für die Amazon-Aktie ein Kursplus von beinahe 5000 Prozent aus.

Goldman untersucht fast 4500 Börsengänge: Auf Umsatzwachstum kommt es an

Was sind also die wichtigsten Faktoren, auf die Investoren achten sollten? Die US-Bank Goldman Sachs hat sich diese Frage ebenfalls gestellt - und zur Beantwortung beinahe 4500 Börsengänge unter die Lupe genommen, die es seit 1995 am US-Aktienmarkt gab.

Das Ergebnis der Studie, die Goldman in diesen Tagen fertiggestellt hat, scheint auf den ersten Blick die Spekulanten zu bestätigen, die auf IPOs auch dann wetten, wenn Gewinne beim fraglichen Unternehmen Fehlanzeige sind. Investoren sollten sich bei Börsengängen auf das Umsatzwachstum in den ersten drei Jahren nach der Neuemission konzentrieren, anstatt möglichst schnelle Gewinne zu fordern, so die Bank in einer groben Zusammenfassung.

Ein Blick auf die detailliertere Darstellung der Studienresultate zeigt allerdings, dass Investoren die Profitabilität doch nicht vollends aus dem Fokus lassen sollten. Zwar erwies sich das Umsatzwachstum als bedeutendste Determinante einer IPO-Outperformance, so die Studie. Seit 2010 etwa haben Unternehmen mit einem Umsatzwachstum von mehr als 20 Prozent pro Jahr demnach den breiten US-Aktienindex Russell 3000 deutlich häufiger geschlagen als Firmen mit geringerem Wachstum.

Die meisten Börsenneulinge enttäuschten

Zugleich zeigte sich aber insbesondere in der jüngeren Vergangenheit, dass ein schnelles Erreichen der Gewinnzone häufiger auch eine Outperformance an der Börse mit sich bringt, schreibt Goldman Sachs. Die meisten besonders erfolgreichen IPO-Unternehmen, so stellt die Bank fest, erreichen die Gewinnzone innerhalb der ersten drei Jahre an der Börse.

Insgesamt stellt Goldman Sachs dem IPO-Geschäft aus Investorensicht übrigens ein schlechtes Zeugnis aus. Nehme man das Portfolio aller knapp 4500 untersuchten Börsengänge und unterstelle ein gleichmäßiges Investment in jede der Aktien, so hätte ein Investor damit zwar in den vergangenen 25 Jahren ein positives Ergebnis erzielt, haben die Banker errechnet. Der Grund dafür ist jedoch vor allem ein mathematischer: Kurse können zwar theoretisch unbegrenzt steigen, sie können jedoch um maximal 100 Prozent fallen.

Christoph Rottwilm auf Twitter

So bleibt die Performance der weitaus meisten Börsenneulinge laut Analyse von Goldman Sachs gegenüber dem Gesamtmarkt zurück. Lediglich einige wenige Überflieger - siehe zum Beispiel Amazon - ziehen mit ihren exorbitanten Kursgewinnen die Entwicklung des Gesamtportfolios in den positiven Bereich.

Kurz gesagt: Ein Investment in einen Börsengang ähnelt in dieser Hinsicht einem Lotteriespiel. Es gibt nur wenige Treffer. Aber erwischt man einen davon, dann gibt es gewaltige Gewinnchancen.

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