Montag, 17. Juni 2019

Bafin greift bei Wirecard ein Wie aktivistische Investoren deutsche Behörden meiden

Finanzaufsicht Bafin: Umstrittenes Vorgehen bei Wirecard

Finanzprofis und Beobachter der Szene gleichermaßen dürften sich am Montag ein wenig gewundert haben: Die Finanzaufsicht Bafin sprach ein Leerverkaufsverbot für die Aktien des Zahlungsdienstleisters Wirecard aus. Neue Spekulationen auf fallende Aktienkurse bei dem Unternehmen sind damit für die kommenden zwei Monate nicht mehr erlaubt. Die Aktie von Wirecard, die am Freitag im späten Handel noch unter 100 Euro notiert hatte, setzte daraufhin zu einer rasanten Erholung an und kletterte bis Dienstag Mittag unter starken Schwankungen auf bis zu 125 Euro.

Bemerkenswert ist nicht nur die Maßnahme selbst - es kommt nicht häufig vor, dass die Bafin derartige Verbote ausspricht -, sondern vor allem die Begründung der Behörde. Die Aufseher berufen sich auf einen Passus einer EU-Verordnung, der derartige Eingriffe erlaubt, sofern "eine ernstzunehmende Bedrohung für die Finanzstabilität oder das Marktvertrauen in Deutschland" bestehen.

Dazu ist festzuhalten: Der Aktienkurs von Wirecard Börsen-Chart zeigen mag im Zusammenhang mit der kritischen Berichterstattung der "Financial Times" in den vergangenen Wochen, in der dem Unternehmen Bilanzfälschungen unterstellt wurden, in heftige Turbulenzen geraten sein. Von einer ernstzunehmenden Bedrohung für die Finanzstabilität oder das Marktvertrauen in Deutschland kann aber wohl kaum die Rede sein.

Zur Orientierung: Wirecard, das die Anschuldigungen bereits zurückgewiesen hat, hat beispielsweise am Leitindex Dax Börsen-Chart zeigen einen Anteil von lediglich 1,8 Prozent. Kursschwankungen der Aktie selbst im zweistelligen Prozentbereich machen sich bei einem so geringen Anteil zwar durchaus in der Dax-Performance bemerkbar. Dabei handelt es sich jedoch bestenfalls um ein leichtes Ruckeln. Ein größeres Wanken des Dax kann die Wirecard-Aktie dagegen alleine kaum auslösen. Es wirkt insofern mindestens ein wenig übereilt, wie sich die Finanzaufsicht auf die Seite des Unternehmens geschlagen hat.

Und es zeigt beispielhaft, weshalb Investoren aus aller Welt generell eher vorsichtig sind, wenn es darum geht, deutsche Aktiengesellschaften öffentlich zu kritisieren und deren Kurse auf diese Weise womöglich zu schwächen. Rund um den Globus gibt es eine eigene Branche - die aktivistischen Investoren - die sich unter anderem auf diese Art der "Angriffe" - sogenannte Short-Attacken - spezialisiert haben. Um Deutschland allerdings machen diese Investoren häufig lieber einen Bogen. Und der Fall Wirecard lässt erahnen, weshalb das so ist.


manager magazin und Mynd erklären: So funktionieren Leerverkäufe

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Bild: Mynd

Daten, die diese These untermauern, hat das Research-Unternehmen Activist Insight ermittelt. Demnach gab es in den vergangenen fünf Jahren insgesamt 296 öffentliche Short-Attacken auf Unternehmen, die an der New Yorker Börse gelistet sind. An der Börse in Hong Kong waren es im gleichen Zeitraum 46 Attacken und in London 19. Die Deutsche Börse in Frankfurt dagegen kommt den Zahlen von Activist Insight zufolge, über die auch Bloomberg berichtet, auf lediglich sechs Short-Attacken in den vergangenen fünf Jahren.

Short-Seller wüssten, wenn sie lauthals die Fehler eines Unternehmens oder mögliches Missmanagement kritisierten, so heißt es bei Bloomberg, dann stellten sich die deutschen Behörden eher gegen die Investoren als gegen die Aktiengesellschaften, die in den Fokus geraten seien.

Der Fall Wirecard scheint diese Vorbehalte zu bestätigen. Nicht genug damit, dass die Finanzaufsicht die Leerverkäufe bei Wirecard eingeschränkt hat. Die Bafin sucht zugleich auch nach Hinweisen auf Marktmanipulation. Ebenso haben Münchener Staatsanwälte Ermittlungen aufgenommen. Im Fokus dabei: Nicht etwa Wirecard, sondern die "Financial Times".

Mit ihrem Leerverkaufsverbot verschreckt die Bafin indes nicht nur möglicherweise Investoren. Das könnte der Behörde gegebenenfalls gleichgültig sein, sofern sie von der Notwendigkeit der Maßnahme überzeugt wäre. Vielmehr hat sich jedoch in der Vergangenheit gezeigt, dass derartige Eingriffe gegen das Short-Selling selten auf Dauer den erwünschten Erfolg bringen.

Christoph Rottwilm auf Twitter

So hat die australische Investmentgesellschaft Plato Investment Management eine umfangreiche Analyse solcher Maßnahmen gegen Leerverkäufer erstellt, die im Zuge der Finanzkrise 2008 ergriffen wurden. Ergebnis: Es gebe wenige Hinweise darauf, dass Short-Selling-Verbote irgendwelche anhaltenden positiven Effekte auf Märkte oder einzelne Papiere hätten, oder dass dadurch Marktmanipulation reduziert werden könnte. Vielmehr führten die Eingriffe eher zu einem Rückgang der Liquidität im Markt und erhöhten die ökonomischen Kosten der Finanzindustrie.

Bleibt zu hoffen, dass auch der deutschen Finanzaufsicht diese möglichen Konsequenzen bewusst sind.

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