Zahlungsdienstleister in Turbulenzen So rächt sich der Dax-Aufstieg Wirecards für viele Anleger

Wirecard-Werbung auf einer Messe in Köln: Der Konzern befindet sich unter Druck, nach dem Die "Financial Times" über angebliche Bilanzfälschungen berichtet hat.

Wirecard-Werbung auf einer Messe in Köln: Der Konzern befindet sich unter Druck, nach dem Die "Financial Times" über angebliche Bilanzfälschungen berichtet hat.

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Ein Minus von fast 20 Prozent am Mittwoch vergangener Woche, ein weiterer Kurssturz um 30 Prozent zwei Tage später, und, nach zwischenzeitig leichter Erholung, ein weiterer massiver Verlust am Ende dieser Woche: Wenn die populäre Formulierung von der Achterbahnfahrt eines Aktienkurses je eine Berechtigung hatte, dann wohl in diesen Tagen in Bezug auf das Papier des Zahlungsabwicklers Wirecard.

Auslöser der Turbulenzen waren mehrere Artikel der "Financial Times" über angebliche Bilanzfälschungen durch Mitarbeiter des IT-Konzerns in Singapur. Wirecard wies die Vorwürfe zwar bereits in der vergangenen Woche zunächst per Statement und dann in einer rasch anberaumten internationalen Telefonkonferenz entschieden zurück. Zudem geht das Unternehmen inzwischen juristisch gegen die Zeitung vor. Die Aktionäre, die das Wirecard-Papier in ihren Depots liegen haben, dürfte das aber vorerst wenig trösten: Sie müssen einen empfindlichen Verlust verbuchen, von dem keineswegs klar ist, ob er je wieder aufgeholt werden wird.

Doch nicht nur Anleger, die direkt in Wirecard  investiert haben, sind von dem Kursverlust betroffen. Seit dem September vergangenen Jahres ist das Unternehmen Mitglied im exklusiven Kreis der 30 größten deutschen Aktiengesellschaften, die von der Börse im Leitindex Dax zusammengefasst werden. Damit trifft die aktuelle Wirecard-Misere eine Vielzahl weiterer Anleger, und zwar jene, die an Fonds beteiligt sind, deren Zusammensetzung sich am Dax orientiert.

Insbesondere in Deutschland dürfte es sich dabei um eine Vielzahl von Investoren handeln: Die Geldanlage an der Börse gilt hierzulande zwar vielen als riskant und unvernünftig. Wer den Aktienmarkt dennoch in seine Finanzplanung einbezieht, tut dies jedoch zumeist auf dem indirekten Wege über Fonds.

Viele dieser Investoren dürften angesichts der aktuellen Turbulenzen bei Wirecard nun ebenfalls zumindest ein leichtes Ruckeln in ihren Depots verspüren. Zwar verfügt das Tech-Unternehmen mit einem Anteil von knapp 1,8 Prozent am Dax  nur über ein vergleichsweise geringes Gewicht in dem Index. Zum Vergleich: Schwergewichte wie der Software-Konzern SAP  oder der Versicherungsriese Allianz  kommen auf Anteile von rund 9 sowie beinahe 10 Prozent am Dax-Kuchen. Die schwache Gewichtung von Wirecard ist im aktuellen Fall jedoch nur ein schwacher Trost. Denn wenn ein Aktienkurs im zweistelligen Prozentbereich einbricht, dann wirkt sich dies auch bei kleinen Dax-Werten merklich auf die Index-Performance aus.

Zu den betroffenen Fondsinvestoren zählen dabei keineswegs ausschließlich die Käufer von Indexfonds auf den Dax. Diese sogenannten ETFs (Exchange Traded Fonds) bilden die Dax-Zusammensetzung eins zu eins nach und sind daher praktisch gezwungen, auch Wirecard-Aktien zu halten.

Vielmehr gibt es auch viele Manager aktiv verwalteter Investmentfonds, die sich bei ihren Kauf- und Verkaufentscheidungen zumindest am Dax orientieren. Auch in den Portfolios dieser Fonds dürften sich also vielfach die Papiere von Wirecard befinden.

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Sollten diese Fondsanleger nun also verärgert sein, so gibt es einen Aspekt, der ihren Groll womöglich noch steigern wird: Die Aufnahme von Wirecard in den Dax im vorigen Herbst war keineswegs unumstritten. Das Unternehmen befindet sich noch in einer frühen, wachstumsstarken Lebensphase, in der heftige Kursschwankungen per se keine Seltenheit sind. Speziell bei Wirecard kommt hinzu, dass das Geschäftsmodell komplex und intransparent erscheint, was bereits in der Vergangenheit zu Gerüchten und Spekulationen um Unregelmäßigkeiten und damit verbunden ebenfalls zu Kursturbulenzen geführt hat.

Es schien also von vornherein klar, dass zusätzliche Unruhe in den Index kommen würde, als Wirecard im September 2018 die traditionsreiche Commerzbank , immerhin Dax-Gründungsmitglied, in dem Index ersetzte. Dass der Wechsel dennoch stattfand, liegt an den Regularien, nach denen die Börse den Dax gestaltet: Bei der Frage, wer in den Index aufgenommen wird, und wer ihn verlassen muss, werden ausschließlich quantitative Faktoren zugrunde gelegt. Beim Dax sind dies vor allem der Handelsumsatz, den ein Papier im Frankfurter Aktiengeschäft erzielt, sowie die Marktkapitalisierung gemessen am frei handelbaren Streubesitz der Aktie.

Erfüllt eine Aktie die auf dieser Basis in Ranglisten zusammengefassten Voraussetzungen, so wird sie in den Index aufgenommen - einen Ermessensspielraum von Seiten der Börsenverantwortlichen gibt es praktisch nicht. Der Dax unterscheidet sich insofern von anderen Indizes wie dem US-Blue-Chip Index Dow Jones oder dem breiten US-Index S&P 500. Bei letzteren gibt es eigens eingesetzte Gremien, die individuell entscheiden, ob eine Aktie tatsächlich in den jeweiligen Index passt oder nicht.

Die Folge dieser Dax-Eigenheit ist beispielsweise, dass mitunter Exoten wie Wirecard den Aufstieg in Deutschlands erste Börsenliga schaffen - auch wenn dies gemessen an ihrer Unternehmenshistorie womöglich unpassend erscheint. Immer wieder kamen auf dieser Grundlage in der Vergangenheit Unternehmen in den Leitindex, deren Erfolg sich als allzu kurzzeitig entpuppte. Schon wenig später ging es dann mit den Geschäften oft abwärts - und die Aktien mussten den Dax wieder verlassen.

Mit dem Chemieunternehmen Lanxess  und dem Medienkonzern ProSiebenSat.1  sind nur zwei Beispiele dafür aus der jüngeren Vergangenheit genannt. Besonders gut (oder schlecht) in Erinnerung dürfte vielen zudem der Fall des Finanzdienstleisters MLP sein, der eine jahrzehntelange Wachstumsstory bereits 2001 mit dem Dax-Aufstieg krönte. Kurze Zeit später sorgten dann jedoch - ähnlich wie aktuell bei Wirecard - Medienberichte für Zweifel an MLPs Bilanzpraxis. Die Folge war eine massive Unternehmenskrise sowie ein Einbruch des Aktienkurses, der seines Gleichen sucht. Der Rauswurf aus Deutschlands Leitindex erfolgte im September 2003, gut zwei Jahre nach der Aufnahme, und war aus Sicht des MLP-Managements zu dem Zeitpunkt vermutlich noch das geringste Problem.

Noch ist offen, wie die Causa Wirecard versus "FT" ausgehen wird - und damit auch, wie die Investoren aus der Sache herauskommen. Jüngste Wendung in dem Fall: In Singapur durchsuchten am Freitag Ermittlungsbehörden Büroräume des Unternehmens. Viele Fondsanleger jedenfalls dürften diese Ereignisse mit Sorge verfolgen - und sich inzwischen womöglich wünschen, Wirecard wäre nie in den Dax aufgenommen worden.

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