Freitag, 22. November 2019

Der Tag nach dem Crash Wirecard-Aktie erholt sich leicht

Wirecard-Chef Markus Braun (Archivaufnahme, April 2019)

Am Tag nach dem Börsenbeben hat sich die Aktie des deutschen Dax-Konzerns Wirecard leicht erholt. Nachdem sie zum Handelsstart zunächst bis zu 4,6 Prozent im Minus notierte, arbeitete sich das Papier bis zum Nachmittag ins Plus vor.

Nach neuerlichen Vorwürfen der "Financial Times" waren die Papiere des Zahlungsabwicklers tags zuvor zunächst um 23 Prozent eingebrochen, hatten die Kursverluste letztlich aber etwa halbieren können.

Wirecard nannte den Artikel "eine Zusammenstellung von falschen und irreführenden Behauptungen, die die Financial Times bereits früher in verleumderischen Artikeln aufgebracht hatte und die bereits vor einiger Zeit widerlegt wurden." Insbesondere seien die 34 angeblichen Kunden, deren Zahlungsströme die "FT" in ihrem Artikel am Vortag bezweifelt hatte, tatsächlich zusammengefasste Kundengruppen, die nur für Berichtszwecke erstellt wurden. Dahinter stünden jeweils Hunderte von echten Einzelhändlern. Die Schlussfolgerungen der Zeitung seien "nicht korrekt", teilte Wirecard mit.

Die "FT" hatte die mutmaßlichen 34 Kunden angefragt, viele von ihnen hätten nie von dem Wirecard-Partner Al Alam, über den die Zahlungen stattgefunden haben sollen, gehört und nur wenige hätten eine Kundenbeziehung zu Wirecard selbst bestätigt, hatte es in dem Zeitungsbericht geheißen. Viele hätten zudem nicht geantwortet oder seien nicht aufzufinden gewesen. Das seien starke Indizien, dass viele der Al Alam zugeordneten Zahlungsabwicklungen nicht stattgefunden haben könnten, schloss die Zeitung. Wirecard verwies erneut darauf, dass der Wirtschaftsprüfer EY die Zahlen geprüft und die Erfüllung gesetzlicher Vorgaben bestätigt habe.

Al Alam sei ein Drittpartner von vielen, mit denen das Unternehmen zusammenarbeite, weil teilweise eigene Lizenzen für die Zahlungsabwicklung in verschiedenen Ländern fehlten, erläuterte Wirecard und wiederholte damit frühere Angaben. Etwas weniger als die Hälfte des Transaktionsvolumens im vergangenen Jahr in Höhe von 125 Milliarden Euro habe Wirecard mit solchen Partnern abgewickelt, Al Alam sei einer von mehr als hundert solcher Partner. Wirecard führe verschiedene Zahlungsabwickler auf seiner eigenen Plattform zusammen, die Partner seien oft im Hintergrund aktiv. Das sei ein in der Branche üblicher Ansatz.

4 Milliarden Euro Marktwert pulverisiert

Die FT hatte am Dienstag berichtet, interne Dokumente von Wirecard sowie Korrespondenz hochrangiger Manager der Finanzabteilung erweckten den Anschein, als könnten Umsätze und Gewinne in Dubai und Irland zu hoch ausgewiesen worden sein. Zudem weckten die Dokumente den Anschein, dass versucht worden sein könnte, den Wirtschaftsprüfer EY zu täuschen.

Als Reaktion hatte Wirecard gestern in der Spitze mehr als ein Fünftel an Börsenwert verloren, womit sich 4 Milliarden Euro Marktwert vorübergehend in Luft aufgelöst hatten, und war mit einem Minus von 13 Prozent aus dem Handel gegangen.

Seit Monaten liefert sich das Unternehmen mit der Zeitung eine Auseinandersetzung um Bilanzierungspraktiken, angeblich fehlende Kontrollmechanismen und mögliche Marktmanipulation. Anfang des Jahres hatten Berichte der "FT" rund um Bilanzunregelmäßigkeiten in Singapur für Unruhe gesorgt. Die Aktie rutschte innerhalb einer guten Woche teils um fast die Hälfte ab. Wirecard hatte nach Untersuchungen einräumen müssen, dass einige Posten bei einer Tochter tatsächlich falsch verbucht wurden, allerdings in geringerem Umfang als von der "FT" suggeriert. Einige Mitarbeiter könnten sich in Singapur strafbar gemacht haben, systematische Luft- und Falschbuchungen schließt Wirecard aber aus.

Der Fall beschäftigt weiter die Behörden. In Deutschland gehen Staatsanwaltschaft München und Finanzaufsicht Bafin dem Verdacht unerlaubter Marktmanipulation durch Spekulanten nach, die mit schlechten Nachrichten die Aktie unter Druck bringen und daran mittels sogenannter Leerverkäufe verdienen wollen. Die Bafin verbot zeitweise sogar neue Leerverkäufe mit der Wirecard-Aktie. Den neuerlichen Vorfall von Dienstag untersucht die Behörde ebenfalls in Abstimmung mit der Staatsanwaltsschaft München. Für ein erneutes Verbot von Leerverkäufen sehe die Bafin aber keinen Grund, sagte eine Sprecherin.

Das Unternehmen wiederum geht rechtlich per Strafanzeige gegen Mitarbeiter der Londoner Zeitung vor, weil sie mit Spekulanten unter einer Decke stecken sollen. Die "FT" sieht sich allerdings nach eigens in Auftrag gegebenen Untersuchungen einer Anwaltskanzlei von diesen Vorwürfen entlastet.

luk / Reuters und dpa-afx

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