"Short Squeeze" nach Leerverkaufs-Verbot Wirecard-Aktie klettert weiter - und schwankt stark

Wirecard: Die Aktie erholt sich, schwankt jedoch stark

Wirecard: Die Aktie erholt sich, schwankt jedoch stark

Foto: AFP

Die Papiere von Wirecard  sind weiterhin nichts für Anleger mir schwachen Nerven: Im frühen Dienstagshandel schossen die Anteile des Zahlungsabwicklers in der Spitze zunächst um fast 10 Prozent hoch bis auf 126,20 Euro. Damit setzten sie ihre Vortages-Rally fort, als ein von der Finanzaufsicht Bafin verhängtes Leerverkaufsverbot den Aktien einen Zuwachs von 15 Prozent beschert hatte.

Im weiteren Verlauf am Dienstag schwankten die Anteile sehr stark zwischen 116 und fast 123 Euro und dämmten ihr Kursplus zeitweise auf nur noch 2 Prozent ein. Zuletzt standen sie mit fast 5 Prozent im Plus und kosteten 120,40 Euro.

Die Bafin hatte am Montag Spekulanten den Wind aus den Segeln genommen, die auf einen fallenden Wirecard-Kurs setzen wollen. Für zwei Monate ist es nun verboten, neue Netto-Leerverkaufspositionen in Aktien der Wirecard AG zu begründen oder bestehende Netto-Leerverkaufspositionen zu erhöhen.

"Generelles Verbot von Leerverkäufen sollte es nicht geben"

"Ein generelles Verbot von Leerverkäufen für Aktien sollte es nicht geben, denn das wäre ein direkter Eingriff in die Funktionalität der Märkte und könnte zu einer Reduzierung der Handelsvolumina an den Börsen führen", gab Analyst Jochen Stanzl vom Handelshaus CMC Markets zu Bedenken. "Die Preisfindungsfunktion der Börsen wäre beeinträchtigt." Es sei aber durchaus richtig, bei Verdacht auf Marktmanipulation Leerverkäufe in einer Aktie zeitweise zu verbieten.

Manche Leerverkäufer müssen sich nun mit Aktien eindecken

Bei Wirecard stünden nun Hedgefonds unter Druck, so Stanzl. Der Experte hält einen heftigen "Short Squeeze" für denkbar, der den Wirecard-Kurs sogar kurzfristig wieder an die 200-Marke heranführen könnte und damit an das Rekordhoch von 199 Euro aus dem September 2018. Von einem "Short Squeeze" ist dann die Rede, wenn Anleger, die auf fallende Kurse gesetzt haben, diese Aktienpositionen durch Käufe am Markt wieder eindecken müssen.

Der Wirecard-Konzern, dessen Aktien erst seit September 2018 Mitglied im Dax  sind, steht wegen Vorwürfen der "Financial Times" ("FT") bezüglich zweifelhafter Geschäftspraktiken unter Druck. Die Papiere waren im Februar im Tief bis auf 86 Euro eingebrochen. Wirecard dementiert die Vorwürfe der "FT".

Im Video: So funktionieren Leerverkäufe

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Staatsanwalt ermittelt gegen Journalisten der "Financial Times"

Im Zusammenhang mit mutmaßlichen Manipulationen des Wirecard-Aktienkurses ermittelt unterdessen die Münchner Staatsanwaltschaft gegen einen Journalisten der "Financial Times" (FT). Es liege die Strafanzeige eines Anlegers gegen den Journalisten vor, "aufgrund der Strafanzeige haben wir ein Ermittlungsverfahren eingetragen", teilte die Staatsanwaltschaft am Montag mit. Es liege zudem die Aussage eines Kaufinteressenten von Wirecard-Aktien vor, der Informationen über einen bevorstehenden Bericht der "FT" über das Unternehmen erhalten haben soll.

Die "Financial Times" hat in den vergangenen Tagen und Wochen mehrere Berichte veröffentlicht mit dem Vorwurf von Kontomanipulationen und Dokumentfälschungen gegen einen Mitarbeiter des Zahlungsdienstleisters. Darin werden dem Unternehmen Scheinumsätze mit verschobenen Geldern vorgeworfen.

Wirecard dementiert, dass Regelverstöße festgestellt wurden. Die Staatsanwaltschaft hat eigenen Angaben zufolge keinen Anfangsverdacht auf Manipulationen durch die Konzernspitze. Doch die Aktie schwankte in den darauffolgenden Tagen extrem.

Wirecard war bereits mehrfach Ziel von Short-Attacken

Auch Wirecard war nach Angaben der Bafin in den Jahren 2008 und 2016 Ziel von sogenannten "Short"-Attacken, bei denen Leerverkäufer durch das Eingehen entsprechender Positionen profitiert haben - diese hätten auch zu Kursrückgängen geführt.

Seit Ende Januar seien verschiedene negative Presseberichte zu beobachten, diese seien mit dem verstärkten Aufbau von Leerverkaufspositionen zusammengefallen, so die Finanzaufsicht. Insbesondere ab dem 1. Februar sei ein Anstieg von Leerverkäufen zu beobachten, die sich auch in den vergangenen Tagen weiterhin deutlich erhöht hätten. Am 30. Januar war der erste kritische Bericht in der "FT" erschienen.

Verbot gilt sowohl im Inland als auch im Ausland

Laut Angaben einer Bafin-Sprecherin gilt das Verbot neuer Leerverkäufe sowohl im In- als auch im Ausland. Die Aufseher greifen zum ersten Mal zu einer solchen Maßnahme bei einem einzelnen Titel. In der Finanzkrise im September 2008 hatte die Behörde Verbote für Leerverkäufe bei mehreren Finanzwerten ausgesprochen. Bei der Bafin müssen Leerverkäufer ihre Positionen melden, sofern diese 0,2 Prozent des ausgegebenen Aktienkapitals überschreiten. Eine Veröffentlichungspflicht im Bundesanzeiger besteht ab 0,5 Prozent.

Die europäische Wertpapieraufsicht Esma stützte das Leerverkaufsverbot für Wirecard-Aktien am Montag mit einer positiven Einschätzung. Die gegenwärtigen Ereignisse und Entwicklungen rund um Wirecard seien eine ernste Bedrohung des Marktvertrauens in Deutschland. Die ergriffene Maßnahme sei angemessen und verhältnismäßig.

Die Münchner Staatsanwaltschaft hatte sich ebenfalls in den Fall eingeschaltet und ermittelt wegen des Verdachts der Marktmanipulation gegen unbekannt. In den USA laufen sich schon Anwaltskanzleien mit ersten Sammelklagen warm, sie beschuldigen das Unternehmen und das Management der angeblichen Fehlinformation von Anlegern.

US-Hedgefonds hatten Leerverkaufspositionen zuletzt erhöht

Trotz der jüngsten Schützenhilfe der Bafin: Bislang ist es Wirecard-Chef Markus Braun jedoch nicht gelungen, das Vertrauen der Mehrzahl der Anleger zurückzugewinnen und die erneute Short-Seller-Attacke zurückzuschlagen. In der Vergangenheit war Wirecard  bereits mehrfach dem Angriff von Leerverkäufern ausgesetzt, hatte sich bislang aber immer wieder dagegen behaupten können.

Der Besessene: So tickt Wirecard-Chef Markus Braun 

In der vergangenen Woche hatten unter anderem US-Hedgefonds wie der US-Hedgefonds Slate Path Capital seine Leerverkaufspositionen aufgestockt, begleitet wurde dies wie gewohnt durch eine skeptische Studie des US-Hauses Guggenheim Securities.

Tweet von Markus Braun: Möglicher neuer Rekord im ersten Quartal

Der Zahlungsabwickler Wirecard sieht sein Geschäft unbeeinträchtigt von den jüngsten Anschuldigungen gegen das Unternehmen. "Die Januar-Zahlen deuten auf einen Rekord im ersten Quartal hin, und wir freuen uns auf ein höchst erfolgreiches Jahr 2019", erklärte Vorstandschef Markus Braun  am Dienstag auf Twitter. Ähnlich optimistisch hatte sich der Manager bereits im Januar im Reuters-Interview über den Auftakt und die Aussichten des laufenden Jahres geäußert.

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Der weltweite Boom von Online-Handel und Bezahlen per Smartphone-App befeuert seit Jahren das Wachstum des Unternehmens und bescherte ihm im vergangenen Jahr den Aufstieg in den Dax. Der Betriebsgewinn soll im laufenden Jahr auf 740 bis 800 Millionen Euro steigen, nachdem er im vergangenen Jahr um 38 Prozent auf 568 Millionen Euro zugelegt hatte.

US-Kanzleien bereiten Anlegerklagen gegen Wirecard vor

Das Wachstum des Unternehmens aus dem Münchner Vorort Aschheim wurde in der Vergangenheit wiederholt von Vorwürfen unlauterer Geschäfte begleitet, die von Wirecard regelmäßig zurückgewiesen wurden. Von den heftigen Aktienkursreaktionen profitieren vor allem kurzfristige Investoren.

Auslöser der Turbulenzen waren mehrere Artikel der "Financial Times" über angebliche Bilanzfälschungen durch Mitarbeiter des IT-Konzerns in Singapur. Wirecard wies die Vorwürfe zwar bereits in der vergangenen Woche zunächst per Statement und dann in einer rasch anberaumten internationalen Telefonkonferenz entschieden zurück. Zudem geht das Unternehmen inzwischen juristisch gegen die Zeitung vor.

Auf die Vorwürfe gegen Wirecard, gegen die sich das Unternehmen ebenfalls wehrt, stützen sich mittlerweile mehrere auf Anleger-Klagen spezialisierte US-Anwaltskanzleien. Sie reichten in den USA Sammelklagen gegen Wirecard ein, um wegen der jüngsten Aktienkursverluste Schadenersatz zu erstreiten.

la/dpa-afx
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