Donnerstag, 20. Juni 2019

Aktie mit Kurssprung, Bafin sorgt für "Short Squeeze" Finanzaufsicht verbietet neue Leerverkäufe bei Wirecard, Ermittlungen gegen "FT"

Wirecard-Werbung auf einer Messe in Köln: Bafin verbietet neue Spekulationen auf fallende Kurse der Wirecard-Aktie

Im Ringen mit Hedgefonds und Leerverkäufern, die auf einen weiteren Kursrutsch der Wirecard-Aktie wetten, bekommt Wirecard am Montag Hilfe von der Finanzaufsicht: Die Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht (Bafin) hat neue Spekulationen auf fallende Aktienkurse bei dem Zahlungsdienstleister Wirecard Börsen-Chart zeigen untersagt. Ab sofort sei es für zwei Monate verboten, neue Netto-Leerverkaufspositionen in Aktien der Wirecard AG zu begründen oder bestehende Netto-Leerverkaufspositionen zu erhöhen, teilte die Behörde am Montag in Bonn mit.

Anleger reagierten erleichtert: Am Montag legte die Wirecard-Aktie Börsen-Chart zeigen im frühen Handel um rund 12 Prozent zu und kletterte auf 112 Euro.

Ausstieg der Leerverkäufer: Short Squeeze als Impuls für Kursrally

Mit ihrem Verbot von Leerverkäufen könnte die Wertpapieraufsicht einen so genannten "Short Squeeze" bei der Aktie in Gang setzen und damit für einen kräftigen Kurssprung der Aktie sorgen. Viele Leerverkäufer, die in den vergangenen drei Wochen die Aktien geliehen und sofort verkauft haben, haben mit dieser Strategie zuletzt Buchgewinne erzielt. Ihre Wette auf fallende Kurse ging auf - bis Freitag vergangener Woche. Je stärker die Wirecard-Aktie nun aber wieder zulegt, umso mehr vermindern sich die Buchgewinne der Short Seller: Sie müssen ihre Positionen schließen bzw. die Wirecard-Aktien wieder am Markt zurückkaufen, um ihre Gewinne zu sichern oder gar Verluste zu vermeiden.

Eine solch steigende Nachfrage nach der Aktie sorgt für kräftig steigende Kurse: Wenn Leerverkäufer ihre Wetten aufgeben und aussteigen (Short Squeeze), kann eine Aktie binnen kurzer Zeit sehr stark zulegen. Ein Beispiel für einen spektakulären Short Squeeze ist zum Beispiel die Kursrally der VW-Aktie im Zuge der gescheiterten Übernahme durch Porsche.

Leerverkäufer sind Spekulanten, die mit fallenden Kursen Geld verdienen wollen. Es bestehe das Risiko, dass die Verunsicherung des Marktes hinsichtlich einer angemessenen Preisbildung bei Wirecard-Aktien zunehme und sich zu einer generellen Marktverunsicherung ausweite, hieß es von der Bafin.

Die "Financial Times" hatte jüngst in mehreren Berichten von internen Untersuchungen bei einer Wirecard-Tochter in Singapur berichtet. Ein interner Hinweisgeber hatte den Verdacht geäußert, dass ein ranghoher Mitarbeiter Bilanzen gefälscht haben soll - Wirecard bestreitet ein Fehlverhalten seiner Angestellten und stellt die Angelegenheit als persönliche Fehde dar.

Im Video: So funktionieren Leerverkäufe

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Bild: Mynd

Staatsanwalt ermittelt gegen Journalisten der "Financial Times"

Im Zusammenhang mit mutmaßlichen Manipulationen des Wirecard-Aktienkurses ermittelt unterdessen die Münchner Staatsanwaltschaft gegen einen Journalisten der "Financial Times" (FT). Es liege die Strafanzeige eines Anlegers gegen den Journalisten vor, "aufgrund der Strafanzeige haben wir ein Ermittlungsverfahren eingetragen", teilte die Staatsanwaltschaft am Montag mit. Es liege zudem die Aussage eines Kaufinteressenten von Wirecard-Aktien vor, der Informationen über einen bevorstehenden Bericht der "FT" über das Unternehmen erhalten haben soll.

Die "Financial Times" hat in den vergangenen Tagen und Wochen mehrere Berichte veröffentlicht mit dem Vorwurf von Kontomanipulationen und Dokumentfälschungen gegen einen Mitarbeiter des Zahlungsdienstleisters. Darin werden dem Unternehmen Scheinumsätze mit verschobenen Geldern vorgeworfen.

Wirecard dementiert, dass Regelverstöße festgestellt wurden. Die Staatsanwaltschaft hat eigenen Angaben zufolge keinen Anfangsverdacht auf Manipulationen durch die Konzernspitze. Doch die Aktie schwankte in den darauffolgenden Tagen extrem.

Kurssturz von 170 Euro auf unter 100 Euro

Die Wirecard-Aktie hatte mit der Veröffentlichung deutlich an Wert eingebüßt, zuvor hatte das Dax-Papier rund 168 Euro gekostet, Ende vergangener Woche waren es noch 99,90 Euro. Derart große Kursschwankungen sind bei Dax -Konzernen sehr ungewöhnlich. Wirecard war nach Jahren starken Wachstums im vergangenen September in den deutschen Leitindex eingezogen und hatte dort die Commerzbank verdrängt.

Leerverkäufer - im Börsenjargon auch englisch "Short-Seller" genannt - leihen sich bei Aktionären gegen Gebühr Aktienpakete und verkaufen sie am Markt. Sinkt der Aktienkurs, können sie die Papiere günstiger zurückkaufen, um sie dem Eigentümer zum festgelegten Zeitpunkt zurückzugeben.

Wirecard war bereits mehrfach Ziel von Short-Attacken

Auch Wirecard war nach Angaben der Bafin in den Jahren 2008 und 2016 Ziel von sogenannten "Short"-Attacken, bei denen Leerverkäufer durch das Eingehen entsprechender Positionen profitiert haben - diese hätten auch zu Kursrückgängen geführt.

Seit Ende Januar seien verschiedene negative Presseberichte zu beobachten, diese seien mit dem verstärkten Aufbau von Leerverkaufspositionen zusammengefallen, so die Finanzaufsicht. Insbesondere ab dem 1. Februar sei ein Anstieg von Leerverkäufen zu beobachten, die sich auch in den vergangenen Tagen weiterhin deutlich erhöht hätten. Am 30. Januar war der erste kritische Bericht in der "FT" erschienen.

Verbot gilt sowohl im Inland als auch im Ausland

Laut Angaben einer Bafin-Sprecherin gilt das Verbot neuer Leerverkäufe sowohl im In- als auch im Ausland. Die Aufseher greifen zum ersten Mal zu einer solchen Maßnahme bei einem einzelnen Titel. In der Finanzkrise im September 2008 hatte die Behörde Verbote für Leerverkäufe bei mehreren Finanzwerten ausgesprochen. Bei der Bafin müssen Leerverkäufer ihre Positionen melden, sofern diese 0,2 Prozent des ausgegebenen Aktienkapitals überschreiten. Eine Veröffentlichungspflicht im Bundesanzeiger besteht ab 0,5 Prozent.

Die europäische Wertpapieraufsicht Esma stützte das Leerverkaufsverbot für Wirecard-Aktien am Montag mit einer positiven Einschätzung. Die gegenwärtigen Ereignisse und Entwicklungen rund um Wirecard seien eine ernste Bedrohung des Marktvertrauens in Deutschland. Die ergriffene Maßnahme sei angemessen und verhältnismäßig.

Die Münchner Staatsanwaltschaft hatte sich ebenfalls in den Fall eingeschaltet und ermittelt wegen des Verdachts der Marktmanipulation gegen unbekannt. In den USA laufen sich schon Anwaltskanzleien mit ersten Sammelklagen warm, sie beschuldigen das Unternehmen und das Management der angeblichen Fehlinformation von Anlegern.

US-Hedgefonds hatten Leerverkaufspositionen zuletzt erhöht

Trotz der jüngsten Schützenhilfe der Bafin: Bislang ist es Wirecard-Chef Markus Braun jedoch nicht gelungen, das Vertrauen der Mehrzahl der Anleger zurückzugewinnen und die erneute Short-Seller-Attacke zurückzuschlagen. In der Vergangenheit war Wirecard Börsen-Chart zeigen bereits mehrfach dem Angriff von Leerverkäufern ausgesetzt, hatte sich bislang aber immer wieder dagegen behaupten können.

Der Besessene: So tickt Wirecard-Chef Markus Braun

In der vergangenen Woche hatten unter anderem US-Hedgefonds wie der US-Hedgefonds Slate Path Capital seine Leerverkaufspositionen aufgestockt, begleitet wurde dies wie gewohnt durch eine skeptische Studie des US-Hauses Guggenheim Securities.

Tweet von Markus Braun: Möglicher neuer Rekord im ersten Quartal

Der Zahlungsabwickler Wirecard sieht sein Geschäft unbeeinträchtigt von den jüngsten Anschuldigungen gegen das Unternehmen. "Die Januar-Zahlen deuten auf einen Rekord im ersten Quartal hin, und wir freuen uns auf ein höchst erfolgreiches Jahr 2019", erklärte Vorstandschef Markus Braun am Dienstag auf Twitter. Ähnlich optimistisch hatte sich der Manager bereits im Januar im Reuters-Interview über den Auftakt und die Aussichten des laufenden Jahres geäußert.

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Bild: Florian Generotzky für manager magazin

Der weltweite Boom von Online-Handel und Bezahlen per Smartphone-App befeuert seit Jahren das Wachstum des Unternehmens und bescherte ihm im vergangenen Jahr den Aufstieg in den Dax. Der Betriebsgewinn soll im laufenden Jahr auf 740 bis 800 Millionen Euro steigen, nachdem er im vergangenen Jahr um 38 Prozent auf 568 Millionen Euro zugelegt hatte.

US-Kanzleien bereiten Anlegerklagen gegen Wirecard vor

Das Wachstum des Unternehmens aus dem Münchner Vorort Aschheim wurde in der Vergangenheit wiederholt von Vorwürfen unlauterer Geschäfte begleitet, die von Wirecard regelmäßig zurückgewiesen wurden. Von den heftigen Aktienkursreaktionen profitieren vor allem kurzfristige Investoren.

Auslöser der Turbulenzen waren mehrere Artikel der "Financial Times" über angebliche Bilanzfälschungen durch Mitarbeiter des IT-Konzerns in Singapur. Wirecard wies die Vorwürfe zwar bereits in der vergangenen Woche zunächst per Statement und dann in einer rasch anberaumten internationalen Telefonkonferenz entschieden zurück. Zudem geht das Unternehmen inzwischen juristisch gegen die Zeitung vor.

Auf die Vorwürfe gegen Wirecard, gegen die sich das Unternehmen ebenfalls wehrt, stützen sich mittlerweile mehrere auf Anleger-Klagen spezialisierte US-Anwaltskanzleien. Sie reichten in den USA Sammelklagen gegen Wirecard ein, um wegen der jüngsten Aktienkursverluste Schadenersatz zu erstreiten.

mit dpa-afx

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