Montag, 6. April 2020

Deutsche Aktien Gallische Gefahr statt China-Crash

Politische Schwergewichte: Auf dem diplomatischem Parkett begegnen sich Kanzlerin Merkel und Frankreichs Präsident Hollande auf Augenhöhe. Doch der französische Nachbar hat in vieler Hinsicht Nachholbedarf

Über China wiegen Börsianer die Köpfe. Dort soll die Gefahr für Europas Aktien lauern, so die gängige Einschätzung. Stimmt nicht - die Gefahr liegt viel näher. Frankreich kann den ganzen Kontinent in neue Börsenturbulenzen stürzen.

Hamburg - Wenn Börsianer im Chor sprechen, ist zumeist Vorsicht geboten. Als zu Beginn des Jahres alle davon ausgingen, dass die reichhaltige Liquidität aus den Speichern der Notenbanken die Aktienkurse nachhaltig und stetig steigern würde, folgte kurz danach der Börsenrücksetzer. Nun warnen die meisten Experten vor China - immerhin 46 Prozent der von Bank of America Merrill Lynch befragten Fondsmanager sehen in einer harten Landung Chinas und einem Zusammenbruch der Rohstoffmärkte das größte Risiko für die Weltwirtschaft. Das kann durchaus sein. Doch damit wird eine Gefahr übersehen, die Deutschland und seinen Aktien viel näher liegt.

Frankreich ist es, das die Börsen bedroht. "Bekommt das Land seine Probleme nicht in den Griff, droht die Euro-Krise wieder aufzuflammen", sagt Thomas Lange, Chef der Hamburger Vermögensverwaltung Lange Assets & Consulting. Und Probleme hat das Land eine ganze Menge.

"Es ist vor allem die hohe Verschuldung des Landes. Nicht nur der Staat ist verschuldet, sondern auch die Menschen. Italien, das oft ähnlich eingeschätzt wird, hat zwar gleichfalls eine hohe Staatsverschuldung - doch die Bürger sind es nicht. Vor allen sind in die Berechnungen der Schuldenquote etliche Pensionsrückstellungen insbesondere für die Staatskonzerne noch nicht eingeflossen", analysiert Lange.

Und aus Frankreich erklärt Pierre Barral von Convictions Asset Management: "Frankreich hatte sich engagiert, bis 2015 sein Inlandsdefizit auf 3 Prozent des Bruttoinlandsprodukts zu reduzieren (...). Heute liegt das Defizit nach verschiedenen Einschätzungen um die 4,1 Prozent. Das bedeutet, dass die Franzosen wenig Zeit haben, wichtige Reformen durchzuführen."

Noch kann sich das Land günstig refinanzieren. "Doch das sollte sich im Laufe des Jahres normalisieren." Sprich, die Refinanzierungskosten werden steigen. "Und jede Erhöhung der Kosten der Refinanzierung um 1 Prozent kostet im ersten Jahr zwei Milliarden Euro und 15 Milliarden nach zehn Jahren."

Neu sind diese Fakten nicht, sie liegen vielfach da, teilweise offen dokumentiert, teilweise etwas verborgener. Bereits 2013 fragte das französische Magazin Le Point zugespitzt: Sind die Franzosen faul? Und Präsident Francois Hollande wird offenbar nicht zugetraut, die Probleme zu lösen. 80 Prozent der Franzosen bescheinigen ihm laut Umfragen, ein "Versager" zu sein.

Doch die Börse lässt die Frage, vor allem aber die zugrundeliegenden Probleme, beiseite. Seit einem Monat zeigt sich der französische Leitindex CAC 40 Börsen-Chart zeigen sogar robuster als der Dax Börsen-Chart zeigen.

Größe macht Sprengkraft

Die Börse kann sich eben immer nur auf einen Faktor konzentrieren, sagte zuletzt Fondsmanager John Bennett von Henderson gegenüber manager magazin online. "Autismus", nennt der Schotte diese Art der Fokussierung. Und derzeit liegt die Aufmerksamkeit eben auf China.

Europa? Abwinken - alles sei auf einem guten Weg, sind viele Marktbeobachter überzeugt. "Die Zahlen zum Bruttoinlandsprodukt (BIP) in den wichtigsten Ländern der EWU waren im vierten Quartal durchweg erfreulich", schreibt Holger Fahrinkrug, Chefvolkswirt bei Meriten Investment Management und fasst damit die gängige Meinung in Worte. "Das bedeutet, dass die Konjunktur 2014 mit Schwung startet und die Aussichten gut sind, dass die Euro-Zone die Rezession nachhaltig hinter sich lässt." Frankreich und seine Probleme bleiben damit im Halbdunkel.

Doch fällt das Licht der Aufmerksamkeit wieder auf das Land, dürften zwei Dinge geschehen: Zum einen dürfte die Euro-Krise wieder aufflammen, wie es Lange prognostiziert. Dann stünde erneut die bis dato ungelöste Frage im Raum, ob und wie schwankenden Euro-Partnern zu helfen ist. Allein das dürfte ausreichen, die Börsenkurse zu Fall zu bringen.

Zum anderen dürften die Aktien gerade jener Unternehmen leiden, die viel Geschäft mit dem Land im Westen machen. Frankreich ist noch immer der wichtigste Handelspartner Deutschlands. Und in seiner Größe liegt auch dessen Sprengkraft - gemeinsam mit Italien steuert das Land fast 40 Prozent zur Wirtschaftsleistung der Euro-Zone bei.

Ob Präsident Francois Hollande das Ruder herumreißen kann, ist mit Blick auf die jüngste Vergangenheit mehr als fraglich. Tatsächlich hat er beispielsweise die Zahl der Arbeitslosen bislang nicht reduzieren können. Sein Motto: "Wir müssen mehr und schneller agieren." Bevor die Börse reagiert.

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