Kurs-Hype am Aktienmarkt E-Truck-Start-up Nikola - wird es wirklich das zweite Tesla?

Elektro-Truck-Modell "Nikola Two": Das US-Start-up Nikola setzt große Hoffnungen in den Markt für Wasserstoff-betriebene Lkw - Investoren mögen die Idee.

Elektro-Truck-Modell "Nikola Two": Das US-Start-up Nikola setzt große Hoffnungen in den Markt für Wasserstoff-betriebene Lkw - Investoren mögen die Idee.

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Wäre ich nur früher eingestiegen! Das ist ein Seufzer, den so ziemlich jeder Investor an der Börse beim Anblick einer Aktie mit besonders guter Performance schon einmal ausgestoßen haben dürfte. Zum Beispiel bei Tesla: Der Elektroautobauer aus Kalifornien, dessen Aktie zurzeit auf einem Rekordniveau von beinahe 900 Dollar notiert, verzeichnet allein in diesem Jahr bereits ein Kursplus von 125 Prozent. Da werden ebenfalls viele sagen: Könnte ich doch nur die Zeit zurückdrehen und früher in Tesla  investieren.

In der Aktie des US-Start-ups Nikola glauben einige Börsianer nun offenbar einen Wert ausgemacht zu haben, der genau diese Zeitreise ermöglicht. Das Unternehmen, das sich den Bau von Lkw und Pick-ups mit Brennstoffzellen- und Elektro-Antrieb auf die Fahnen geschrieben hat, ähnelt Tesla in vielerlei Hinsicht - nur eben nicht dem heutigen Konzern. Sondern jenem aus der Anfangszeit, als Geschäftserfolge noch ausschließlich in Präsentationen und Versprechungen von Mitgründer und Chef Elon Musk zu finden waren, nicht aber in der Realität.

So ist es gegenwärtig auch mit Nikola: Gründer und Chef Trevor Milton, der wie Musk ein Faible für den Kurznachrichtendienst Twitter  hat, verspricht dem Unternehmen und seinen Investoren eine gewaltige Zukunft. Doch bislang hat Nikola noch nicht ein Fahrzeug verkauft. Milton verweist lediglich auf Vorbestellungen von 14.000 Nutzfahrzeugen, die er bereits in der Tasche habe, von teilweise namhaften Kunden wie dem Bierkonzern Anheuser-Busch . Den Wert dieses Orderbuchs beziffert der Nikola-Chef auf rund zehn Milliarden Dollar. Einem Bericht von Bloomberg  zufolge ist diese Zahl allerdings mit Vorsicht zu genießen - die Bestellungen seien bislang keineswegs verbindlich, heißt es dort.

2020 jedenfalls, so viel steht bereits fest, wird Nikola wie bereits in den sechs Jahren seit der Firmengründung 2014 keine Umsätze erzielen. Erst 2021 soll erstmals Geld von Kunden in die Kasse kommen, so Miltons Ausblick. 2023 plant er bereits Erlöse in Höhe von einer Milliarde Dollar. 2027 dann sollen in einer Fabrik bei Phoenix, Arizona, jährlich 30.000 mit Wasserstoff betriebene E-Fahrzeuge sowie 15.000 Vehikel mit Batterieantrieb vom Band laufen, wie Bloomberg schreibt. Allein: Die Produktionsstätte gibt es bislang ebenfalls noch nicht.

Investoren an der Börse lassen sich dadurch aber offenbar kaum verunsichern. Seit dem Handelsstart des Unternehmens am US-Aktienmarkt vor rund zwei Wochen reißen sie sich förmlich um die Papiere. Für den Gang aufs Parkett wählte das Start-up den eher ungewöhnlichen Weg einer Fusion mit einer bereits an der Nasdaq notierten Firmenhülle. Schon im Vorfeld dieses Deals zog der Kurs der fraglichen Papiere von rund zehn Dollar auf mehr als 30 Dollar an.

Nach dem offiziellen Nikola-Debüt Anfang Juni verdoppelte sich der Kurs zeitweise nochmals auf mehr als 80 Dollar. Damit kam Nikola auf einen Börsenwert von mehr als 30 Milliarden Dollar - mehr als der US-Traditions-Autobauer Ford  oder der gesamte Fiat-Chrysler-Konzern . Zuletzt kostete eine Nikola-Aktie an der Wall Street rund 64 Dollar.

Vollmundige Versprechungen vom Firmenchef, Vorschuss-Lorbeeren an der Börse, und das alles bei einem jungen Unternehmen, das sich vorgenommen hat, mit moderner Antriebstechnologie einen großen Teil der Automobilindustrie aufzurollen - die Parallelen zu Tesla (Kurswerte anzeigen) sind offensichtlich.

Und sie gehen weiter bis ins Detail: Sowohl Tesla als auch Nikola beziehen sich mit ihren Unternehmensnamen auf den serbisch-amerikanischen Erfinder und Elektroingenieur Nikola Tesla, der im 19. und 20. Jahrhundert im Bereich der Elektrotechnik und elektrischen Energietechnik in den USA und darüber hinaus eine Vielzahl an Patenten erwarb - und das bis heute verwendete Wechselstrom-Netz begründete.

Große Versprechungen und Zoff mit Kritikern - so ähneln sich Musk und Milton

Auch in Sachen Optimismus steht Nikola-Gründer Milton seinem Pendant Musk offenbar kaum nach. Berichten zufolge kündigte Milton noch vor wenigen Jahren die Auslieferung des ersten Trucks durch seine Firma für das Jahr 2020 an - daraus jedenfalls ist schon einmal nichts geworden.

Zudem behauptet Bloomberg in einem umfangreichen Artikel , Milton habe bei einer Präsentation vor dreieinhalb Jahren falsche Angaben zu dem Truck, der seinerzeit auf der Bühne stand, gemacht. Der Nikola-Gründer wiederum echauffierte sich über diese Berichterstattung bereits ausführlich auf Twitter und kündigte an, gegen die Verantwortlichen des Medienhauses wegen der Verbreitung angeblich falscher Informationen juristisch vorzugehen . Heftiger öffentlicher Streit des Konzernchefs mit seinen Kritikern also - auch ein solches Spektakel dürfte Tesla-Fans sehr vertraut erscheinen.

Die entscheidende Frage ist jedoch: Kann Nikola tatsächlich die geschäftlichen Erfolge erreichen, die Firmenchef Milton angekündigt hat und die Investoren in so großer Zahl in die Aktie gelockt haben?

Eine abschließende Antwort kann es darauf naturgemäß noch nicht geben, es ist weitgehend eine Glaubensfrage. Klar erscheint jedoch, dass Nikolas Ziele ziemlich ambitioniert erscheinen, und dass Start-up-Chef Trevor Milton noch einige Hürden vor sich hat.

So hat sich der Unternehmensgründer nicht nur vorgenommen, Elektro- sowie Wasserstoff-betriebene Fahrzeuge zu produzieren und zu verkaufen. Das alleine genommen ist, wie wiederum das Beispiel Tesla zeigt, schon eine ziemliche Herausforderung. Milton will darüber hinaus auch ein dazugehöriges Netz von Wasserstoff-Tankstellen errichten, wobei er Berichten zufolge mit dem norwegischen Unternehmen Nel zusammenarbeiten will.

Damit hängt der Erfolg von Nikola, wie auch das "Wall Street Journal " schreibt, maßgeblich davon ab, ob es dem Unternehmen gelingt, den erforderlichen Wasserstoff auf möglichst kostengünstige Weise herzustellen und günstig abgeben zu können. Schließlich achten Speditionsunternehmen und andere Lkw-Fahrer in der Regel deutlich mehr auf ihre Treibstoffkosten als Privatleute.

Hinzu kommt: Am Markt für batterie- und wasserstoffbetriebene Nutzfahrzeuge ist Nikola keineswegs ohne Konkurrenz unterwegs. Auch weltweit führende Hersteller wie Daimler  oder Volvo  forschen längst auf diesem Gebiet und wollen eigene Lösungen auf die Straße bringen. Und das in einem Markt, der womöglich weniger Potenzial hat, als es sich Nikola-Chef Milton erhofft.

Die Analysegesellschaft BloombergNEF jedenfalls erwartet, dass bis 2030 weltweit lediglich bis zu 10.000 schwere, mit Brennstoffzellen betriebene Lkw unterwegs sein werden. Noch 2040, so die Analysten, dürften 90 Prozent der Truck-Flotte mit Dieselmotoren angetrieben werden.

Nikola-Investoren mögen ihre Freude daran haben, den Versprechungen von Trevor Milton zu lauschen. Marktprognosen wie die von BloombergNEF sollten sie aber wohl kaum ignorieren.