Dienstag, 19. November 2019

Börsenprofi Moritz Schildt erklärt Was Sie über Anleihen mit 100 Jahren Laufzeit wissen sollten

manager magazin online

Anleihen gelten gemeinhin als langweilige Investitionsalternative für risikoaverse Investoren. Dies gilt umso mehr für Staatsanleihen, die allenthalben als Musterbeispiel für minimale und in letzter Zeit zumeist negative Renditen betrachtet werden. Während vor vielen Jahren Staatsanleihen auch bei Privatanlegern noch ein fester Portfoliobestandteil waren und jährliche Zinszahlungen von 3, 5 oder gar 6 Prozent üblich waren, haben sich die Zeiten grundlegend gewandelt. In Anleihen investiert scheinbar nur noch, wer entsprechende Rentenquoten einhalten muss. Wer als Anleihenkäufer überhaupt noch eine positive Verzinsung finden will, ist in der Regel gezwungen, Emittenten mit schlechterer Bonität zu suchen und im "High-Yield"-Markt zu investieren, wo das höhere Ausfallrisiko mit einer höheren Verzinsung der Investition einhergeht.

Moritz Schildt
  • Copyright:
    Moritz Schildt ist Gründer der nordIX AG, die auf festverzinsliche Anlagen spezialisiert ist. Das Unternehmen verwaltet in fünf 5 Spezial- und Publikumsfonds mehrere 100 Millionen Euro.

Vor diesem Hintergrund ist die in unserem Chart der Woche dargestellte Performance einer Anleihe sicherlich ungewöhnlich - umso mehr, als der Emittent die Republik Österreich ist, die mit einem Rating von AA+ in die Klasse der weltweit besten Schuldner gehört. Des Rätsels Lösung ist die Laufzeit, denn Österreich hat sich im September 2017 entschieden, das schon damals extrem niedrige Zinsniveau zu nutzen, um eine Anleihe mit einer 100-jährigen Laufzeit zu begeben, die Rückzahlung wird also erst im September 2117 erfolgen. Der Kurs dieser Anleihe hat sich seit ihrer Ausgabe im September 2017 mehr als verdoppelt und hat damit fast alle anderen Anlagen (der Dax ist im selben Zeitraum um 6,4 Prozent gefallen) deutlich outperformt.

Investoren, die zum Zeitpunkt der Emission bereit waren, ihr Geld für 100 Jahre dem österreichischen Staat anzuvertrauen, konnten sich als Gegenleistung laufende Zinszahlungen von immerhin 2,1 Prozent sichern. Zum Zeitpunkt der Emission versprach eine zehnjährige österreichische Anleihe noch eine positive Rendite von 0,6 Prozent, durch die Bindung für eine zehnmal so lange Laufzeit erhöht sich der Zinssatz um 1,5 Prozentpunkte.

Was ist aber der Grund, dass diese Anleihe trotz des geringen Zinssatzes eine Wertentwicklung verzeichnen konnte, die 50 mal höher ist als die laufende Verzinsung? Tatsächlich ist die Kreditqualität Österreichs unverändert geblieben, vielmehr ist die Kursexplosion auf die allgemeine Zinsentwicklung in der Eurozone zurückzuführen: In den zwei Jahren seit Auflegung der Anleihe haben sich etwa die Zinsen für zehnjährige Staatsanleihen der Republik Österreich von 0,6 Prozent auf einen Wert von aktuell minus 0,46 Prozent reduziert. Wenn nun aber auch zehnjährige Laufzeiten spürbar negativ rentieren, so steigt gleichzeitig die Attraktivität von Anleihen, die noch einen positiven Kupon zahlen und entsprechend steigt deren Wert.

Die extrem lange Laufzeit bedingt, das der Käufer einer 100-jährigen Anleihe sich den vermeintlichen Zinsvorteil bis zum Jahr 2117 sichert - was entsprechend im Kurs Berücksichtigung findet. Wer nun heute diese Anleihe auf einem Kursniveau von 208 erwirbt, erzielt eine (positive) Rendite von 0,62 Prozent. Mit anderen Worten: Wer heute 208 Euro investiert, erhält die nächsten 98 Jahre lang jedes Jahr eine Zinszahlung von 2,10 Euro, allerdings am Ende der Laufzeit nur 100 Euro als Rückzahlung des Nominalbetrags.

Ursache dieser extremen Kursbewegung ist die Zinssensitivität: Der Wert einer Anleihe ist davon abhängig, ob der Kupon - also die laufende Verzinsung - im Vergleich zum aktuellen Marktzins attraktiv ist. In einer Zeit fallender Zinsen werden "alte" Anleihen zunehmend attraktiv, da sie einen vergleichsweise hohen Kupon zahlen, der mit "neuen" Anleihen nicht mehr erzielt werden kann. Anderseits endet der Vorteil der höheren Verzinsung am Laufzeitende. Wenn eine Anleihe demgegenüber noch über eine extrem lange Restlaufzeit verfügt, reagiert der Kurs auch auf kleine Zinsänderungen mit besonders starken Ausschlägen. Dieses Phänomen kann man auch bei anderen Anleihen mit extrem langer Laufzeit beobachten, eine Emission des Bundeslandes Nordrhein-Westfalen, die im März 2019 mit einer Laufzeit von ebenfalls 100 Jahren begeben wurde, konnte im Kurs um 82 Prozent zulegen.

Wer nun aber denkt, dass die dargestellten Kurspotentiale langlaufender Anleihen gewissermaßen als Kompensation für die niedrigen laufenden Zinsen dienen können, hat den Wirkungszusammenhang nicht verstanden. Vielmehr verleitet das niedrige Zinsniveau Anleger dazu, in riskantere Anlagen zu investieren, um zumindest noch einen positiven Zinsertrag realisieren zu können. Ein höheres Risiko besteht aber nicht nur bei Anleihen mit erhöhtem Ausfallrisiko, sondern eben gerade auch bei langlaufenden Anleihen, bei denen ein hohes Zinsänderungsrisiko besteht: Ebenso, wie sich der Kurs einer langlaufenden Anleihe verdoppeln kann, wenn die Zinsen sinken, kann auch das Gegenteil passieren: Dann kann schon eine leichte Zinssteigerung dazu führen, das die Anleihe spürbar an Wert verliert.

Auch wenn die Marktmeinung überwiegend davon ausgeht, das die Zinsen in Europa mittelfristig niedrig bleiben werden, so kann doch niemand für einen Zeitraum von 100 Jahren vorhersagen, wie sich die Geschicke Österreichs entwickeln werden. Auch wenn natürlich Entwicklungen der Vergangenheit nicht als Grundlage für Prognosen herangezogen werden dürfen, so sei doch daran erinnert, dass Österreich in den 100 Jahren vor Emission dieser Anleihe unter anderem den Kaiser abgeschafft, die Folgen zweier Weltkriege verarbeitet und mehrere Währungsreformen vollzogen hat. Aus der 1918 noch gültigen Österreichischen Krone, die die Goldwährung Österreich-Ungarns war, wurde zunächst die Papierkrone, später die Reichsmark und dann nach dem Schilling schließlich der Euro als Staatswährung.

Trotz dieser Wirrungen: Der letzte Staatsbankrott Österreichs wird auf das Jahr 1811 datiert und liegt damit doch einige Zeit zurück. Wer also einen extrem langen Anlagehorizont hat, mag sich an der Perspektive erfreuen, dass die Ururenkel im Jahr 2117 als Ausbildungsbeihilfe eine 100prozentige Rückzahlung des Nominalbetrages erwarten dürfen. Wer dagegen den Liquiditätsbedarf der nächsten 100 Jahre nicht vorhersehen kann, sollte sich nicht dem Risiko aussetzen, das sich der Wert der Anleihe möglicherweise halbiert - rein rechnerisch müsste ein Zinsanstieg auf 3,5 Prozent den Kurs der Anleihe auf etwa 50 Prozent fallen lassen. Wer dagegen auf weiter sinkende Zinsen spekulieren will: eine weitere Absenkung des Zinsniveaus um nur 1 Prozent müsste dazu führen, das der Kurs der 100-jährigen Anleihe sich nochmal verdoppelt und auf über 400 Prozent steigt.

Da die Entwicklung der Marktzinsen von vielen konjunkturellen und politischen Faktoren abhängig ist und nur sehr schwer vorhergesagt werden kann, sind wir in den uns anvertrauten Mandaten sehr vorsichtig in Bezug auf das Zinsänderungsrisiko. Auch nach einer langen Phase ständig sinkender Zinsen kann niemand eine Zinswende ausschließen. Konservative Investoren sind im aktuellen Umfeld daher an Anlagen interessiert, die weder ein gesteigertes Ausfallrisiko aufweisen, noch einem erhöhten Zinsänderungsrisiko unterliegen. Damit trotzdem noch eine positive Rendite erwirtschaftet werden kann, ist es oft erforderlich, Anleihen mit längerer Laufzeit zu erwerben, gleichzeitig aber das Zinsänderungsrisiko durch intelligente Absicherungsstrategien zu eliminieren oder abzumildern.

© manager magazin 2019
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung