Montag, 25. Mai 2020

Ausblick 2020 Was auf Geldanleger im kommenden Jahr zukommt

Das globale Wirtschaftswachstum wird sich in den kommenden Monaten voraussichtlich erneut leicht auf knapp unter 3 Prozent abschwächen. In den USA dürfte das Wachstum des Bruttoinlandsproduktes (BIP) in 2020 unter die Marke von 2 Prozent sinken. Auch die chinesische Volkswirtschaft wird mit einem erwarteten BIP-Wachstum von nur noch knapp 6 Prozent wohl etwas schwächer zulegen. In der Eurozone und in Deutschland hingegen ist mit einer leichten Erholung der wirtschaftlichen Dynamik und einem BIP-Wachstum von jeweils knapp einem Prozent zu rechnen.

Carsten Mumm
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    Carsten Mumm, Chefvolkswirt und Leiter der Kapital-marktanalyse bei der Privatbank Donner & Reuschel.

Diese Erwartungen basieren auf der Grundannahme, dass die derzeit wesentlichen geopolitischen Belastungsfaktoren, die Handelskonflikte und der Brexit, nicht weiter eskalieren, sondern zumindest Teileinigungen im Konflikt zwischen den USA und China sowie die Unterzeichnung eines Austrittsvertrags zwischen der EU und Großbritannien im ersten Quartal 2020 erfolgen. Nach wie vor handelt es sich aber um komplexe politische Entscheidungsprozesse, die zumindest zwischenzeitlich immer wieder für steigende Unsicherheiten sorgen können. Hinzu kommen weitere potenzielle geopolitische Belastungsfaktoren wie die Situation im Nahen Osten oder die Unruhen in Hongkong.

Eines der herausragenden politischen Ereignisse im nächsten Jahr ist aber die anstehende Präsidentschaftswahl in den USA. Amtsinhaber Donald Trump dürfte sein politisches Handeln zur Unterstützung seiner Wiederwahl immer wieder an den jeweils aktuellen Umfrageergebnissen ausrichten. Entsprechend unberechenbar ist auch der weitere Fortgang des Handelskonfliktes. Einerseits sind dessen Auswirkungen mittlerweile auch für die US-Volkswirtschaft über steigende Preise und einbrechende Nachfrage bei bestimmten Gütern spürbar. Trump braucht daher auch Erfolge im Sinne abgeschlossener Handelsverträge. Andererseits werden offene Handelskonflikte eines der Kern-Wahlkampfargumente des US-Präsidenten sein, frei nach dem Motto "Nur ich bin stark genug, um mit den Chinesen und Europäern hart über neue Handelsmodalitäten zu verhandeln".

Von Seiten der US-Notenbank Fed ist angesichts der vergleichsweise höheren Inflation und aufgrund der nach wie vor dynamisch wachsenden US-Volkswirtschaft mit maximal einer weiteren Leitzinssenkung in 2020 zu rechnen. Spätestens ab dem 2. Quartal wird sich die Fed mit neuen geldpolitischen Impulsen jedoch zurückhalten, um nicht in den Verdacht der Einmischung in den Wahlkampf zu geraten.

Sollten die US-Aktienmärkte zwischenzeitlich deutlich schwächer tendieren oder die konjunkturellen Perspektiven schlechter werden, ist mit weiteren fiskalischen Impulsen durch die US-Administration zu rechnen. Beispielsweise könnte eine neue Steuerreform - diesmal zur Entlastung mittlerer und kleinerer Einkommen - auf die Agenda kommen, um im Wahljahr und im 12. Jahr der US-Aktienmarkthausse keine negative Stimmung unter potenziellen Wählern aufkommen zu lassen.

In der Eurozone richtet sich die Aufmerksamkeit zusätzlich auf die Europäische Zentralbank EZB und die Frage, ob mit der neuen Präsidentin Christine Lagarde eine neue Rolle für die Geldpolitik definiert wird. Zu der rasant abnehmenden Akzeptanz der dauerhaften Niedrigzinsen in breiten Kreisen von Gesellschaft, Politik und Wirtschaft - zumindest im Nordteil der Eurozone - gesellte sich zuletzt sogar eine Spaltung des EZB-Rates. Die EZB selbst verwies in ihrem jüngsten Finanzmarktstabilitätsbericht zudem auf die negativen Nebenwirkungen ihrer eigenen Geldpoltik: die Gefahr von Blasenbildungen in vielen Anlageklassen, steigende Staatsverschuldungen, die Destabilisierung des Bankensektors und die Aufnahme immer größerer Risikopositionen vieler Anleger.

Zur Stärkung der Glaubwürdigkeit und der Unabhängigkeit der EZB sowie letztlich auch zur Untermauerung der Stabilität des Euro ist ein "weiter so" für Lagarde somit keine Option. Eine restriktivere Ausrichtung der Geldpolitik ist allerdings ebenso wenig zu erwarten. Dagegen spricht die nach wie vor deutlich unter dem Inflationsziel der EZB von zwei Prozent liegende Teuerungsrate in der Eurozone. Zudem würden eine wahrscheinliche deutliche Korrektur nahezu aller Anlageklassen und ein verstärkter Ausfall von Unternehmenskrediten im Falle von Leitzinsanhebungen die ohnehin schwächelnde Konjunktur zusätzlich belasten.

Mögliche Denkrichtungen für die EZB sind eine Adjustierung des Inflationsziels, die kurzfristige Absenkung der Leitzinsen auf noch tiefere Niveaus oder verschiedene Varianten des "Helikoptergeldes". Mit Sicherheit wird die EZB-Präsidentin aber eine engere Koordination zwischen Geld- und Fiskalpolitik forcieren und eine gewichtigere Rolle in der öffentlichen Diskussion einnehmen, um das Verständnis für die Standpunkte der Notenbank zu erhöhen. Weiter steigende staatliche Investitionen in der Eurozone sind auch vor diesem Hintergrund anzunehmen.

Somit ist in 2020 mit der Fortsetzung des strukturellen Niedrigzinsniveaus sowohl im kurzfristigen Geldmarktbereich als auch bei längeren Laufzeiten zu rechnen. Im Basisszenario einer global relativ stabilen wirtschaftlichen Entwicklung und aufgrund der ausgeweiteten Liquiditätsbereitstellung der Notenbanken dürften auch Risikoprämien bei verzinslichen Anlagen aus dem Unternehmenssektor vergleichsweise niedrig bleiben.

Dadurch werden die Notierungen an den internationalen Aktienmärkten sowie die Immobilienpreise weiterhin unterstützt. Aktien bleiben somit grundsätzlich die attraktivste Anlageklasse. Obwohl davon auszugehen ist, dass moderate Verläufe der genannten geopolitischen Belastungsfaktoren bereits eingepreist sind, sollte vor allem in Deutschland, Europa und den Schwellenländern weiteres Kurspotenzial durch die leichte wirtschaftliche Erholung freigesetzt werden.

Generell ist in den kommenden Jahren aber eine differenzierte Betrachtung bei der Aktienanlage sinnvoll. Angesichts der absehbaren fundamentalen und rasanten Veränderungen im Zuge der Digitalisierung, des demografischen und des Klimawandels sowie des weiteren Aufstiegs Chinas zur wirtschaftlichen Nummer 1 besteht die Gefahr, dass Unternehmen die notwendigen Anpassungen von Prozessen oder Produktportfolien nicht rechtzeitig umsetzen. Demgegenüber gibt es andere, die die Zukunft aktiv mitgestalten, indem sie neue Entwicklungen vorantreiben und Maßstäbe setzen. Entsprechend breit dürfte auch die Kluft zwischen der Wertentwicklung verschiedener Aktien sein.

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Angesichts des relativ stabilen Zinsunterschieds zwischen US-Staatsanleihen und Bundesanleihen, der expansiveren Ausrichtung der EZB und aufgrund des zwar kleiner werdenden aber resistenten Wachstumsvorspungs der USA dürfte der US-Dollar im Vergleich zum Euro in begrenztem Maß weiter aufwerten.

Sowohl Rohöl als auch Gold fehlen im Szenario eines relativ robusten globalen Wirtschaftswachstums und sich abmildernder politischer Konflikte das Potenzial für deutliche Kursbewegungen. Allenfalls zwischenzeitlich steigende Unsicherheiten könnten die Notierungen kurzfristig anziehen lassen.

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