Börsenprofi Carsten Klude erklärt Warum die Wall Street weiterhin europäische Börsen toppt

Seit Jahresbeginn halten politische Nachrichten die Anleger und Aktienmärkte auf Trab. Im Ergebnis zeigt sich, dass die meisten Aktienmärkte in Europa bislang eine leicht negative Wertentwicklung aufweisen. Besser haben sich dagegen US-Aktien gehalten. Die nun beginnende Berichtssaison dürfte zeigen, dass US-Aktien auch weiter die Nase vorne haben werden.
Von Carsten Klude
Foto: ERIC THAYER/ REUTERS

Immer wieder sorgen politische Nachrichten für Turbulenzen an den Aktienmärkten. Seien es die Tweets von US-Präsident Donald Trump, die Gefahr eines Handelskrieges zwischen den USA und ihren wichtigsten Handelspartnern oder die Eskapaden der neuen italienischen Regierung: Die sprichwörtlichen kurzen Beine, die politische Börsen normalerweise haben, sind ganz schön lang geworden. Im Ergebnis zeigt sich, dass die Aktienmärkte seit Beginn des Jahres so gut wie nicht vom Fleck gekommen sind.

Carsten Klude

Carsten Klude ist Chefvolkswirt der Privatbank M. M. Warburg in Hamburg.

Die meisten europäischen Börsen weisen bislang eine leicht negative Wertentwicklung auf. Vor allem die Aktienkurse großer Unternehmen taten sich schwer, während sich kleinere börsennotierte Firmen, also die so genannten Small und Mid Caps, besser schlugen. Kaum anders sieht es in den Schwellenländern aus. Besser stehen lediglich die USA da, wobei der Dow Jones  ein leichtes Plus und der S&P 500  einen Wertzuwachs von rund 5 Prozent aufweisen.

Europäischen Anlegern wurde ihr US-Börsenengagement noch durch die Aufwertung des US-Dollar von knapp 3 Prozent versüßt. Die mit Abstand beste Wertentwicklung in diesem Jahr weisen die an der US-Technologiebörse Nasdaq  notierten Aktien auf (+14 Prozent). Dass sich Techwerte vom allgemein schwierigen Umfeld absetzen konnten, zeigt auch der deutsche TecDax (+13 Prozent).

Wie wird es in der nächsten Zeit weitergehen? Der Schlüssel für die Aktienmarktentwicklung liegt vor allem in den Händen Donald Trumps. Das bedeutet für den Anleger, dass man sich auch in den nächsten Monaten auf erratische Kursentwicklungen einstellen muss. Waren die USA in den vergangenen Jahrzehnten der große Stabilisator für die Weltpolitik und die globale Wirtschaft, könnte der US-Präsident die "disruptiven" Tendenzen zwischen den USA, seinen bisherigen Verbündeten und dem Rest der Welt verstärken. Nicht völlig zu Unrecht beklagt sich Trump darüber, dass die USA in der Vergangenheit einen überproportional großen Anteil an militärischen und wirtschaftlichen Kosten getragen haben, um die Weltgemeinschaft zusammenzuhalten.

Foto: manager-magazin.de

Zwar sind die USA in der Vergangenheit in fast allen Belangen von ihren militärischen und wirtschaftlichen Verbündeten unterstützt worden, allerdings war das Ausmaß der Kooperation nicht immer adäquat. Doch einseitige Schuldzuweisungen und der Blick in den Rückspiegel helfen nicht weiter. Um zukünftigen wirtschaftlichen und militärischen Krisen Herr zu werden, benötigt man starke Allianzen. Ob der Westen weiter von den USA angeführt werden wird, ist im Moment jedoch offener denn je - genauso wie eine Antwort auf die Frage, wer das möglicherweise entstehende Machtvakuum ausfüllen kann. Doch noch sind wir zuversichtlich, dass die USA auch unter Donald Trump ihre Führungsrolle weiterhin wahrnehmen werden - auch wenn die Rahmenbedingungen, unter denen die Vereinigten Staaten bereit sind, diese Verantwortung zu tragen, neu verhandelt werden müssen.

Aktienanleger sollten auf diese veränderten Rahmenbedingungen reagieren, was aber nicht bedeutet, Aktien generell den Rücken zu kehren. Schließlich ist der globale wirtschaftliche Aufschwung weiterhin intakt. Allerdings haben sich auch die ökonomischen Kräfteverhältnisse in der jüngsten Zeit verschoben, sodass wir unsere Wachstumsprognosen für die Eurozone und Japan nach unten und für die USA nach oben angepasst haben. Weniger Wachstumsdynamik heißt jedoch nicht, dass ein starker Abschwung oder gar eine neue Rezession in diesen beiden Wirtschaftsregionen bevorstehen. Nur in diesem Fall würden wir zu einer deutlichen Reduzierung der Aktienquote raten.

Vielmehr sollte sich die derzeitige Entwicklung als Delle im Konjunkturzyklus erweisen - unter der Voraussetzung, dass ein ausufernder Handelskrieg vermieden wird. Zunächst einmal dürften die europäischen Aktienmärkte aber unter einer längeren Phase der Unsicherheit leiden. Gegen eine zu defensive Positionierung in Europa sprechen das Wachstum der Unternehmensgewinne und die immer noch moderate Bewertung. So haben die in zwölf Monaten erwarteten Gewinne der Dax-Unternehmen zuletzt ein neues Rekordniveau erreicht, wobei sich vor allem die Abschwächung des Euro positiv bemerkbar macht. Der US-Dollar sollte gegenüber dem Euro zunächst weiter von der wirtschaftlichen und politischen Nachrichtenlage profitieren, sodass eine weitere Aufwertung wahrscheinlicher geworden ist.

Die Probleme der Eurozone kennt die US-Wirtschaft hingegen nicht. Die Steuerreform, höhere Staatsausgaben und nicht zuletzt die Deregulierung wichtiger Wirtschaftszweige sorgen für konjunkturellen Rückenwind. In diesem Jahr werden die Gewinne der S&P 500-Unternehmen um mehr als 20 Prozent gegenüber dem Vorjahr ansteigen. Die gerade beginnende Berichtssaison für das zweite Quartal dürfte einmal mehr zeigen, dass die US-Unternehmen in der Lage sind, selbst diese optimistischen Prognosen zu übertreffen. "America First" gilt von daher im Moment nicht nur bei Donald Trump, sondern auch bei der regionalen Allokation von Aktien.

Die Sorge, dass der stärkere US-Dollar und die Verlangsamung des globalen Wachstums deutliche Spuren in den Bilanzen der Unternehmen hinterlassen könnten, teilen wir nicht. So zeigen die Erwartungen der Analysten, dass im Gegensatz zur üblichen Verfahrensweise, die Prognosen im Vorfeld der Berichtssaison nach unten zu korrigieren, der Trend zu positiven Gewinnrevisionen bis zuletzt angehalten hat. Im Vergleich zum Vorjahresquartal werden die höchsten Steigerungsraten in den Sektoren Energie (+100 Prozent), Rohstoffe (+29 Prozent), Finanzwerte (+29 Prozent) und Technologie (+20 Prozent) prognostiziert. Rückläufige bzw. unterdurchschnittliche Zuwachsraten werden in den Branchen Versorger (8 Prozent), zyklischer Konsum (+7 Prozent) und Immobilien (+6 Prozent) erwartet. Zwar sind US-Aktien mit einem Kurs-Gewinn-Verhältnis von 16,7 auf Basis der in zwölf Monaten erwarteten Gewinne teurer als Dax-Titel (KGV von 12,5) oder Unternehmen aus dem Euro Stoxx 50  (KGV von 13,1), doch solange wir keine neue Rezession erwarten, halten wir die Bewertung nicht für besorgniserregend.