Montag, 24. Februar 2020

Vorwahlerfolge lassen Investoren kalt Muss die Börse Angst vor Bernie Sanders haben?

Auf dem Weg ins Weiße Haus? Noch glauben die Börsianer offensichtlich nicht, dass Bernie Sanders ernsthafte Chancen hat, nächster US-Präsident zu werden.
Mike Segar/REUTERS
Auf dem Weg ins Weiße Haus? Noch glauben die Börsianer offensichtlich nicht, dass Bernie Sanders ernsthafte Chancen hat, nächster US-Präsident zu werden.

Der extrem linke Präsidentschaftsanwärter Bernie Sanders eilt bei den ersten Vorwahlen in den USA von Erfolg zu Erfolg, und die Börse reagiert mit Rekorden. Verkehrte Welt, wie es scheint - wie ist das zu erklären?

Rund 11.000 "Likes", etwa ebenso viele Kommentare und weit mehr als 2000 Weiterleitungen an andere Nutzer - mit einem Tweet zum Vorwahlergebnis der US-Partei der Demokraten in New Hampshire hat der frühere Goldman-Sachs-Chef Lloyd Blankfein in dieser Woche einen kleinen viralen Hit gelandet. Blankfein äußert sich in seiner Kurzbotschaft auf Twitter süffisant zum Erfolg des linken Präsidentschaftsanwärters Bernie Sanders, der das Rennen seiner Partei in New Hampshire für sich entscheiden konnte, nachdem er zuvor bereits in Iowa weit vorne gelandet war.

Sollten die Russen auch die kommenden US-Wahlen beeinflussen wollen, so Blankfeins These, dann wäre Sanders diesmal wohl eher ihr Mann als Amtsinhaber Donald Trump. Der Senator des US-Bundestaates Vermont, der im Kampf um die Kandidatur vor vier Jahren bereits innerparteilich seiner Konkurrentin Hillary Clinton unterlegen war, polarisiere ebenso wie Trump. Sanders werde aber zudem noch die US-Wirtschaft ruinieren und kümmere sich nicht ums Militär, so Blankfein. "Wäre ich Russe, würde ich diesmal auf Sanders setzen", lautet daher sein Fazit.

Aus der Distanz, mit einem Ozean dazwischen beispielsweise, mag das nach harmlosem Sarkasmus klingen. Tatsächlich spricht die Ex-Wall-Street-Größe Blankfein jedoch eine Sorge an, die in der US-Finanz- und Wirtschaftswelt viele umtreibt: Ohnehin freut sich in Corporate America kaum jemand über einen Vertreter der Demokraten im Weißen Haus. Entsprechend dem gängigen Polit-Klischee, das auch anderswo auf der Welt vorzufinden ist, gilt die eher linksgerichtete Partei per se als weniger wirtschaftsfreundlich als die konservativen Republikaner. Wirklich schlimm jedoch, so die Furcht in amerikanischen Investmenthäusern und Vorstandsetagen, könnte es werden, wenn ausgerechnet Bernie Sanders US-Präsident würde.

Sanders, der sich selbst als "demokratischen Sozialisten" bezeichnet, ist unbestritten der mit Abstand radikalste Linke unter den Bewerbern der Demokraten. Seit Jahren stilisiert er sich als Mann des Volkes, der unermüdlich gegen die Superreichen und Wirtschaftsführer der USA wettert. Unternehmen kritisiert er wegen ihrer Profite und der zu geringen Steuern, die sie angeblich zahlen. Milliardäre, so Sanders, sollte es eigentlich überhaupt nicht geben. Zu seinen Forderungen oder - je nach Perspektive - Versprechen gehört eine Extra-Steuer für die Reichsten im Land ebenso wie ein breit angelegtes Gesundheitssystem, eine Verbesserung der Arbeitnehmerrechte sowie eine vollständige Umstellung der US-Energieversorgung auf grüne Quellen.

Vieles davon - wenn nicht alles - würde nach Ansicht von Lloyd Blankfein und anderen Vertretern der US-Wirtschaftselite dem Land schaden. Kritiker wie Blankfein werfen Sanders vor, den Wohlstand der USA zu gefährden - und meinen dabei vermutlich insgeheim auch den lieb gewonnenen eigenen Lebenswandel.

Die Erfolge von Bernie Sanders in den ersten Vorwahlen, so beschreibt es auch die "New York Times", lassen nun möglich erscheinen, was an der Wall Street seit Langem schon als Worst-Case-Szenario gehandelt wird: Einen Einzug des 78-Jährigen als 46. Präsident der Vereinigten Staaten ins Weiße Haus.

Kursverluste an der Börse dürften angesichts dieser Entwicklung also zumindest kaum jemanden überraschen. Schließlich könnten Investoren damit rechnen, dass sie sich bald von Wirtschaftsliebling Donald Trump als US-Präsidenten verabschieden müssen. Trump, der mitten im Aufschwung noch zusätzlich die Steuern senkte, Trump, der die Regulierung für US-Unternehmen zurückfuhr, Trump, der in seinem wahren Leben selbst jener kleinen Kaste der Wirtschaftselite und Superreichen angehört, die seit seinem Amtsantritt so sehr von seiner Politik profitiert.

Aber: Die Kursverluste an der Börse blieben aus. Stattdessen geschah das genaue Gegenteil: Der Dax Börsen-Chart zeigen sowie der Mittelwerteindex MDax Börsen-Chart zeigen in Deutschland, der Blue-Chip-Index Dow Jones Börsen-Chart zeigen in den USA, der breitere S&P 500 sowie der Tech-Index Nasdaq 100 - sie alle notierten am Mittwoch auf neuen Rekordniveaus. Und das unmittelbar nachdem die Chancen des "demokratischen Sozialisten" Sanders auf das Präsidentenamt doch augenscheinlich gerade gestiegen waren.

Wie ist das zu erklären?

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