Sonntag, 31. Mai 2020

Vorwahlerfolge lassen Investoren kalt Muss die Börse Angst vor Bernie Sanders haben?

Auf dem Weg ins Weiße Haus? Noch glauben die Börsianer offensichtlich nicht, dass Bernie Sanders ernsthafte Chancen hat, nächster US-Präsident zu werden.
Mike Segar/REUTERS
Auf dem Weg ins Weiße Haus? Noch glauben die Börsianer offensichtlich nicht, dass Bernie Sanders ernsthafte Chancen hat, nächster US-Präsident zu werden.

2. Teil: Zwei mögliche Antworten - und beide könnten falsch sein

Darauf gibt es zwei mögliche Antworten. Erstens: An der Börse glaubt womöglich kaum jemand, dass Sanders in einem Präsidentschaftswahlkampf gegen Donald Trump eine Chance hätte. Das erscheint nicht unplausibel. Schließlich trifft Blankfeins Bemerkung, Sanders polarisiere ebenso wie Trump, ziemlich präzise ins Schwarze: Die teilweise extremen Ansichten des Seniors unter den demokratischen Anwärtern stoßen selbst im eigenen politischen Lager zum Teil auf Ablehnung. US-Medien zufolge halten viele von den eigentlich demokratischen Wählern in den USA Trump gegenüber Sanders für das noch geringere Übel im Präsidentenamt. Auch die Tatsache, dass der amtierende Präsident auf vier Jahre robusten Wirtschaftsaufschwungs verweisen kann, dürfte dabei eine Rolle spielen.

Zuerst jedoch muss Bernie Sanders tatsächlich von den Demokraten zum Präsidentschaftskandidaten bestimmt werden - und das führt direkt zu Antwort zwei auf die Frage nach der Erklärung für steigende Börsenkurse trotz der Sanders-Erfolge. Ein genauer Blick zeigt, dass die Sache noch längst nicht klar ist.

Der Grund: Gegenwärtig befinden sich bei den Demokraten noch zahlreiche Aspiranten im Rennen, die einem gemäßigteren Lager zuzurechnen sind. Der frühere Vize-Präsident Joe Biden etwa zählt dazu, ebenso wie der frühere Bürgermeister Pete Buttigieg oder Amy Klobuchar, Senatorin des Staates Minnesota. Sie alle teilen die Stimmen der gemäßigten Wählerschaft bei den Vorwahlen bislang unter sich auf.

Im Laufe des weiteren Vorwahlkampfes dürften sich jedoch nach und nach immer mehr Anwärter aus dem Rennen verabschieden - und je weniger gemäßigte Köpfe zur Auswahl stehen, desto mehr Stimmen aus der entsprechenden Wählerschaft könnte jeder von ihnen auf sich vereinen. Der Verlierer eines solchen Szenarios wäre eventuell der zurzeit so erfolgreich dastehende Bernie Sanders - so zumindest möglicherweise das Kalkül der Börsianer.

Der Haken an der Sache: Auf diese Weise lässt sich zwar erklären, weshalb die Börse in dieser Woche nicht auf den Erfolg von Sanders reagiert hat. Es ist aber keineswegs sicher, dass die Investoren mit ihren Annahmen tatsächlich richtig liegen. Nach wie vor steht schließlich das Worst-Case-Szenario der Wall Street als realistische Möglichkeit im Raum: Sanders könnte in den kommenden Wochen und Monaten trotz allem in der Erfolgspur bleiben und zum Schluss von den Demokraten ins Rennen gegen Trump geschickt werden.

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Brian Gardner jedenfalls, Analyst bei der US-Investmentbank Keefe, Bruyette & Woods, schließt diese Option längst noch nicht aus. Und die Folgen am Finanzmarkt wären seiner Ansicht nach womöglich signifikant. "Sollte Sanders der Kandidat der Demokraten sein und Umfragen ihm eine realistische Aussicht auf den Wahlsieg einräumen, dann erwarten wir einen heftigen Ausverkauf am Aktienmarkt, besonders bei Finanztiteln", sagte Gardner der "New York Times". Ein Grund dafür sei, dass Investoren dann offenbar Sanders Chancen unterschätzt hätten. Die Möglichkeit seines Wahlsieges sei bislang schlicht nicht in die Kurse eingepreist, so Gardner.

Ex-Goldman-Chef Blankfein jedenfalls trüge an einem solchen Ausverkauf dann sicher keine Schuld. Er hat schließlich frühzeitig vor Sanders gewarnt.

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