Montag, 30. März 2020

Heftige Verluste am Aktienmarkt Warum ausgerechnet Covid-19 die Börsen so hart trifft

Mundschutz im Aktienhandel: Die Börsen befinden sich fest im Griff der Corona-Krise.

Stärker als vorherige Krisen lässt die Ausbreitung des neuartigen Coronavirus auch die Aktienmärkte erbeben. Dafür gibt es gleich mehrere Gründe.

Einbrechende Aktienkurse, gekappte Unternehmensprognosen und reihenweise Ökonomen, die noch nicht genau wissen, ob es lediglich zu Wachstumseinbußen kommen wird oder gleich zu einer veritablen weltweiten Rezession - die Welt der Wirtschaft, da gibt es seit einigen Tagen keinen Zweifel mehr, befindet sich fest im Griff des neuartigen Coronavirus namens Sars-CoV-2.

Hier nur einige Schlaglichter: Nachdem die Kursverluste an den Börsen in den USA und Asien auch am Donnerstag und Freitagmorgen nicht endeten, brach der deutsche Leitindex Dax Börsen-Chart zeigen am Freitag um etwa 5 Prozent ein und fiel unter die Marke von 12.000 Punkten. Binnen einer Woche hat der Index damit mehr als 13 Prozent eingebüßt - das dickste Minus seit Jahren.

In den Tagen zuvor hatten zahlreiche Konzerne wie Apple Börsen-Chart zeigen oder Microsoft Börsen-Chart zeigen vor drastischen Auswirkungen des Corona-Ausbruchs auf ihre Geschäfte gewarnt. Die Versuche von Behörden und Unternehmen, die Ausbreitung einzudämmen, legen in China und Asien sowie darüber hinaus immer größere Teile des wirtschaftlichen Lebens lahm. Geschäfte schließen, Fabriken fahren die Produktion herunter, Lieferketten reißen ab, weil Grenzen dicht gemacht werden oder nur noch schwer zu überwinden sind.

Eine Folge: Covid-19, wie die durch Sars-CoV-2 ausgelöste Erkrankung offiziell heißt, wird das Wirtschaftswachstum 2020 messbar reduzieren. Der Internationale Währungsfonds (IWF) etwa senkte seine Prognose für das Wachstum Chinas im laufenden Jahr bereits von 6 auf 5,6 Prozent. Die Weltwirtschaft, so der IWF, werde aus dem gleichen Grund 2020 nicht um 3,3 Prozent, sondern lediglich um 3,2 Prozent zulegen.

Dem liegt allerdings die Annahme zugrunde, dass die Volksrepublik im zweiten Quartal dieses Jahres wieder zur Normalität zurückkehren kann. Ob es so kommen wird? Derzeit völlig unklar.

In Deutschland gibt es derzeit zwar noch vergleichsweise wenige Fälle von Covid-19-Erkrankungen. Dennoch sagen Ökonomen auch der hiesigen Wirtschaft bereits Corona-bedingte Wachstumseinbußen voraus. Katharina Utermöhl, Volkswirtin bei der Allianz-Gruppe, hält beispielsweise sogar ein leichtes Schrumpfen der deutschen Wirtschaft im ersten Quartal für möglich. Insgesamt werde es 2020 aufgrund von Sars-CoV-2 lediglich um 0,5 Prozent aufwärts gehen, so Utermöhl.


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Solche Prognosen stimmen nicht gerade zuversichtlich - und dabei handelt es sich lediglich um grobe Einschätzungen. Noch weiß naturgemäß niemand, wie es mit der Ausbreitung von Sars-CoV-2 weitergehen wird - und wie sehr die Wirtschaft und die Unternehmen am Ende wirklich darunter leiden werden. Kein Wunder also, dass Investoren angesichts dieser Unsicherheit im großen Stil beschließen, ihr Risiko signifikant zurückzufahren und ihre Aktienengagements zu reduzieren. Immerhin dürften viele von ihnen angesichts der Kursanstiege der vergangenen Jahre erkleckliche Gewinne eingefahren haben, die es in Sicherheit zu bringen gilt.

Trotz allem stellt sich jedoch eine Frage: Weshalb hat ausgerechnet Sars-CoV-2 derart starke Auswirkungen auf die Wirtschaft und die Finanzmärkte? Das Virus breitet sich zwar stärker aus als etwa das Sars-Virus im Jahr 2003. Es scheint gemessen an der Todesrate unter den Infizierten jedoch merklich weniger gefährlich zu sein. Dennoch übertrifft die Heftigkeit der Schockwellen, die derzeit durch die Welt gehen, jene früherer Krisen augenscheinlich deutlich - und das kommt nicht von ungefähr.

Tatsächlich lassen sich verschiedene Gründe finden, die dafür sprechen, dass die Weltwirtschaft im Jahr 2020 deutlich anfälliger für derartige Krisen ist als in früherer Zeit:

  • Stärkere weltweite Vernetzung

Die Globalisierung ist in den vergangenen 20 Jahren nochmals weiter vorangeschritten, die Weltwirtschaft ist noch stärker vernetzt. Konzerne produzieren an verschiedenen Standorten in aller Welt und setzen ihre Waren in der Regel auch rund um den Globus ab. Das lässt sich beispielsweise an der Textilindustrie gut zeigen, die inzwischen stark mit Fernost verknüpft ist. China ist nicht nur der mit Abstand größte Exporteur von Bekleidung, sondern für viele Marken zugleich der wichtigste Markt.

Auch deutsche Unternehmen wie Adidas Börsen-Chart zeigen, Tom Tailor Börsen-Chart zeigen oder Gerry Weber bekommen auf diese Weise die Auswirkungen der Corona-Krise in Fernost bereits zu spüren. Ohnehin ist die stark auf Exporte ausgerichtete deutsche Wirtschaft besonders anfällig: Hiesige Autohersteller etwa machen Milliardengeschäfte in China, gleiches gilt für die Chemiebranche oder den Maschinenbau.

Dass auch die Zunahme des internationalen Luftverkehrs sowie des weltweiten Tourismus in den vergangenen Jahren die aktuellen Probleme noch verschärfen, liegt auf der Hand.

  • Größere Rolle Chinas in der Welt

Eine Folge der Globalisierung ist, dass insbesondere China, das Ursprungsland der Covid-19-Ausbreitung also, inzwischen eine viel größere Rolle in der Weltwirtschaft spielt als beispielsweise noch zu Sars-Zeiten. Während seinerzeit der Anteil der Volksrepublik am Welthandel beispielsweise lediglich bei etwa 5 Prozent lag, sind es heute mehr als 16 Prozent.

Der zunehmende Wohlstand in China trägt ebenfalls dazu bei, dass die wirtschaftlichen Folgen von Covid-19 weltweit zu spüren sind - mitunter auch an Orten, an die es das Virus noch gar nicht geschafft hat. Chinesen gelten beispielsweise als wichtige Kunden von Luxusmarken wie Gucci oder Louis Vuitton. Kein Wunder, dass sich zum Beispiel auch die Aktie des französischen Luxusgüter-Konzerns LVMH Börsen-Chart zeigen mit Kursverlusten von 10 Prozent binnen weniger Tage dem aktuellen Börsenbeben nicht entziehen konnte.

  • Hohe Verschuldung von Unternehmen

Die in den vergangenen Jahren mitunter stark angestiegene Verschuldung von Konzernen könnte in einem wirtschaftlichen Abschwung zu einem großen Problem werden, darauf verwies der IWF bereits in einem Finanz-Stabilitätsbericht im Herbst 2019. Jetzt droht dieses Szenario Realität zu werden.

Das Problem: Geraten Konzerne wie momentan in Schwierigkeiten, so können sie ihre Schulden womöglich nicht mehr bedienen. Auf diese Weise droht sich die Misere von der Realwirtschaft in den Finanzsektor zu übertragen. In seinem Bericht hob der IWF insbesondere Unternehmen in den USA und China hervor, deren Verschuldung in den vergangenen Jahren stark gestiegen sei. Schon ein Abschwung, der nur halb so stark verläuft wie die Finanzkrise 2008/2009, so der Währungsfonds, würde das Volumen weltweiter Risiko-Unternehmenskredite auf 19 Billionen Dollar anwachsen lassen - das wären etwa 40 Prozent aller Unternehmenskredite.

  • Einfluss von Internet und sozialer Vernetzung

Zu guter Letzt spielt womöglich auch die weiter vorangeschrittene weltweite Vernetzung auf der Informations- und Kommunikationsebene eine Rolle. Die Versorgung der Menschen mit Smartphones und anderen Endgeräten hat noch einmal zugenommen, ebenso deren Aktivität in sozialen Medien wie Facebook Börsen-Chart zeigen oder Twitter Börsen-Chart zeigen sowie deren fernöstlichen Pendants.

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An der Börse beruht ein Großteil der Aktivitäten auf psychologischen Einflüssen. Das heißt: Entscheidend ist nicht unbedingt, wie schwerwiegend ein Problem tatsächlich ist, sondern vielmehr, als wie schwerwiegend es wahrgenommen wird. Ein Problem wird allerdings generell als bedeutender wahrgenommen, wenn es besonders präsent ist - beispielsweise durch eine ununterbrochene Versorgung mit Informationen, wie sie gegenwärtig im Zusammenhang mit der Covid-19-Ausbreitung stattfindet.

Wie so oft an der Börse handelt es sich bei dem zurzeit zu beobachtenden Kurssturz also vermutlich zumindest zu einem Teil auch um einen sich selbst verstärkenden Prozess.

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