Donnerstag, 20. Juni 2019

Wall Street entdeckt den Dax Wie US-Anleger die Dax-Rally beschleunigen

Börse in New York: Jahrelang ließen US-Anleger Aktien aus Deutschland und Europa links liegen. Das ändert sich jetzt - und treibt den Dax an

Während in den USA die Angst vor einer Zinserhöhung umgeht, steuert der Dax auf 12.000 Punkte zu. Das Tempo der Kursrally hat auch damit zu tun, dass US-Anleger auf Dax-Aktien umsteigen - mit gutem Grund.

Und täglich grüßt der Dax-Rekord: Zum Wochenschluss im Xetra-Handel am Freitag hat der deutsche Leitindex erstmals die Marke von 11.900 Punkten überwunden. Damit fehlen dem Dax nur noch wenige Zähler bis zur nächsten runden Marke von 12.000 Punkten.

Es ist der x-te Dax-Höchststand in Folge. Seit neun Wochen befindet sich die Börse inzwischen im Nonstop-Aufwärtstrend. Das Dax-Plus seit Mitte Januar beträgt satte 23 Prozent.

Bemerkenswerter noch als die rasanten Kursgewinne ist aber die Ruhe, mit der die Börsianer die Hausse begleiten. Wer in diesen Tagen mit Investmentexperten spricht, findet kaum jemanden, der dem Aktienmarkt in nächster Zeit nicht mindestens Stabilität oder weiteres Aufwärtspotenzial prognostizieren würde.

Das ist umso erstaunlicher, weil der Aktienhandel an der Wall Street inzwischen deutlich weniger rund läuft. Jede positive Nachricht aus der Wirtschaft, so scheint es, lässt dort die Kurse nachgeben. Denn je besser sich die Konjunktur in den USA entwickelt, so die Sorge der Börsianer, desto näher rückt das Ereignis, dem man in New York derzeit mit der größten Nervosität entgegensieht: der Beginn der Zinserhöhungen durch die US-Notenbank Fed.

US-Anleger erwarten Zinserhöhung - während die EZB die Geldschleusen öffnet

Zuletzt war dies am vergangenen Wochenende zu beobachten, als positive Nachrichten vom US-Job-Markt den Leitindex Dow Jones Börsen-Chart zeigen um beinahe 300 Punkte einknicken ließen. Und auch am letzten Handelstag in dieser Woche gab der Dow Jones weiter nach - während der Dax Börsen-Chart zeigen unbeirrt auf neue Höhen kletterte.

Eine solche Abkopplung der hiesigen Börse von den US-Märkten hat es in der Vergangenheit selten gegeben. Erklärt wird sie vor allem mit der unterschiedlichen Positionierung der Notenbanken: Während die Fed sich anschickt, den Geldhahn wieder zu schließen, hat die EZB die Schleusen gerade erst weit geöffnet.

US-Anleger auf Einkaufstour im Dax

"Die US-Notenbank denkt über eine Zinswende nach, die in der Eurozone noch lange Zeit ausbleiben wird", sagt Robert Halver von der Baader Bank. "Damit ist die Liquiditätshausse in der Eurozone auf der Überholspur."

Die Folge dieser Asymmetrie: Einerseits schichten Investoren Gelder in die USA um, um von den dort höheren Zinsen zu profitieren. Das lässt den Dollar Börsen-Chart zeigen gegenüber dem Euro Börsen-Chart zeigen seit Wochen im Wert steigen. Andererseits locken die Aktienmärkte der Euro-Zone aber auch große Summen aus dem Ausland an, wie beispielsweise Vermögensverwalter Markus Zschaber aus Köln beobachtet.

"Wir stellen fest, dass US-amerikanische Anleger mit dem sehr starken US-Dollar europäische Aktien, in erster Linie deutsche Aktien kaufen", sagt Zschaber. Diese seien während der Euro-Krise in den Portfolios in Übersee "dramatisch untergewichtet" worden.

So wird klar, wie die Geldpolitik der EZB an der Börse die Kurse treibt. Und mehr noch, die ungeheure Menge an Liquidität, die die Zentralbank in den kommenden Monaten in die Märkte geben will, führt auch zu einem anderen Kuriosum: Selbst innerhalb der Euro-Zone gibt es offenbar kaum noch ein Ereignis, das die gute Stimmung der Aktionäre trüben könnte.

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