Wall Street entdeckt den Dax Wie US-Anleger die Dax-Rally beschleunigen

Während in den USA die Angst vor einer Zinserhöhung umgeht, steuert der Dax auf 12.000 Punkte zu. Das Tempo der Kursrally hat auch damit zu tun, dass US-Anleger auf Dax-Aktien umsteigen - mit gutem Grund.
Börse in New York: Jahrelang ließen US-Anleger Aktien aus Deutschland und Europa links liegen. Das ändert sich jetzt - und treibt den Dax an

Börse in New York: Jahrelang ließen US-Anleger Aktien aus Deutschland und Europa links liegen. Das ändert sich jetzt - und treibt den Dax an

Foto: SPENCER PLATT/ AFP

Und täglich grüßt der Dax-Rekord: Zum Wochenschluss im Xetra-Handel am Freitag hat der deutsche Leitindex erstmals die Marke von 11.900 Punkten überwunden. Damit fehlen dem Dax nur noch wenige Zähler bis zur nächsten runden Marke von 12.000 Punkten.

Es ist der x-te Dax-Höchststand in Folge. Seit neun Wochen befindet sich die Börse inzwischen im Nonstop-Aufwärtstrend. Das Dax-Plus seit Mitte Januar beträgt satte 23 Prozent.

Bemerkenswerter noch als die rasanten Kursgewinne ist aber die Ruhe, mit der die Börsianer die Hausse begleiten. Wer in diesen Tagen mit Investmentexperten spricht, findet kaum jemanden, der dem Aktienmarkt in nächster Zeit nicht mindestens Stabilität oder weiteres Aufwärtspotenzial prognostizieren würde.

Das ist umso erstaunlicher, weil der Aktienhandel an der Wall Street inzwischen deutlich weniger rund läuft. Jede positive Nachricht aus der Wirtschaft, so scheint es, lässt dort die Kurse nachgeben. Denn je besser sich die Konjunktur in den USA entwickelt, so die Sorge der Börsianer, desto näher rückt das Ereignis, dem man in New York derzeit mit der größten Nervosität entgegensieht: der Beginn der Zinserhöhungen durch die US-Notenbank Fed.

US-Anleger erwarten Zinserhöhung - während die EZB die Geldschleusen öffnet

Zuletzt war dies am vergangenen Wochenende zu beobachten, als positive Nachrichten vom US-Job-Markt den Leitindex Dow Jones  um beinahe 300 Punkte einknicken ließen. Und auch am letzten Handelstag in dieser Woche gab der Dow Jones weiter nach - während der Dax  unbeirrt auf neue Höhen kletterte.

Eine solche Abkopplung der hiesigen Börse von den US-Märkten hat es in der Vergangenheit selten gegeben. Erklärt wird sie vor allem mit der unterschiedlichen Positionierung der Notenbanken: Während die Fed sich anschickt, den Geldhahn wieder zu schließen, hat die EZB die Schleusen gerade erst weit geöffnet.

US-Anleger auf Einkaufstour im Dax

"Die US-Notenbank denkt über eine Zinswende nach, die in der Eurozone noch lange Zeit ausbleiben wird", sagt Robert Halver von der Baader Bank. "Damit ist die Liquiditätshausse in der Eurozone auf der Überholspur."

Die Folge dieser Asymmetrie: Einerseits schichten Investoren Gelder in die USA um, um von den dort höheren Zinsen zu profitieren. Das lässt den Dollar  gegenüber dem Euro  seit Wochen im Wert steigen. Andererseits locken die Aktienmärkte der Euro-Zone aber auch große Summen aus dem Ausland an, wie beispielsweise Vermögensverwalter Markus Zschaber aus Köln beobachtet.

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"Wir stellen fest, dass US-amerikanische Anleger mit dem sehr starken US-Dollar europäische Aktien, in erster Linie deutsche Aktien kaufen", sagt Zschaber. Diese seien während der Euro-Krise in den Portfolios in Übersee "dramatisch untergewichtet" worden.

So wird klar, wie die Geldpolitik der EZB an der Börse die Kurse treibt. Und mehr noch, die ungeheure Menge an Liquidität, die die Zentralbank in den kommenden Monaten in die Märkte geben will, führt auch zu einem anderen Kuriosum: Selbst innerhalb der Euro-Zone gibt es offenbar kaum noch ein Ereignis, das die gute Stimmung der Aktionäre trüben könnte.

Was die Börsenparty beenden könnte

Im Gegenteil: Selbst schlechte Nachrichten - beispielsweise Rückschläge in den Rettungsbemühungen um Griechenland - werden an der Börse gefeiert. Sie erhöhen ja die Wahrscheinlichkeit, dass die EZB ihre Geldschleusen noch möglichst lange geöffnet hält. Die Notenbank, so scheint es, spült einfach alle Probleme hinweg mit ihrer Liquiditätsflut.

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Auch realwirtschaftlich sorgt die EZB für Rückenwind. Denn der geschwächte Euro ist gut für den Export und dürfte daher in vielen deutschen Vorstandsetagen begrüßt werden. Nicht zuletzt deshalb halten Volkswirte die Börsenhausse auch aus fundamentaler Sicht für gerechtfertigt. Neben dem schwachen Euro wirke beispielsweise auch der niedrige Ölpreis "fast wie ein Konjunkturprogramm", meint Klaus Schrüfer, Chefstratege bei Santander Asset Management. Zudem stütze der private Konsum den Aufschwung.

"Insgesamt", so Schrüfer, "dürfte die deutsche Wirtschaft in 2015 um 1,8 Prozent expandieren." Das läge seinen Angaben zufolge über dem langfristigen Wachstumspotenzial von 1 bis 1,5 Prozent.

Kurzum: Zwar scheint sich die Börsenparty in den USA allmählich dem Ende zu nähern. In der Euro-Zone jedoch wummert die Musik noch lautstark aus den Boxen.

Wie gefährlich ist die US-Zinswende?

Fragt sich nur wie lange noch. Welches Ereignis könnte den Kursaufschwung auch in Europa beenden? Wäre beispielsweise die befürchtete Zinswende in den USA früher oder später auch für die hiesigen Märkte eine Gefahr?

Kaum, glaubt Vermögensverwalter Zschaber. Er erwartet lediglich ein "Zinswendchen". Denn jeder Prozentpunkt, den die Zinsen in den USA zu stark steigen, schade der dortigen Exportwirtschaft zusätzlich.

Ähnlich sieht es Baader-Bank-Experte Halver. Zu hohe US-Zinsen und ein zu starker Dollar, so Halver, würden nicht nur die US-Wirtschaft schwächen. Sie brächten zudem Unruhe an die Anleihemärkte, glaubt der Experte. Denn dort könnte die Blase platzen, die Anleger in den vergangenen Jahren aufgepumpt haben.

Selbst ein Austritt Griechenlands aus dem Euro, der sogenannte "Grexit", würde nach Ansicht Halvers den Börsenaufschwung nicht dauerhaft beeinträchtigen. Ein latentes Risiko sehen die Fachleute bestenfalls im Konflikt um die Ukraine, dessen mögliche Eskalation die Märkte erschüttern könnte.

Auch für Harald Preißler jedoch, Chefvolkswirt und -Anlagemanager beim Investmenthaus Bantleon, stehen die Ampeln am hiesigen Aktienmarkt noch auf grün. Er verlässt sich bei seiner Markteinschätzung auf die Auswertung von Frühindikatoren und hat damit zuletzt richtig gelegen: Den aktuellen Dax-Stand bei 12.000 Punkten sagte Preißler bereits Mitte 2014 voraus.

"Trotz der jüngsten Hausse sind gerade die europäischen Börsen mit Blick auf die Bewertungsniveaus nicht teuer", sagt Preißler jetzt. "Gemessen am Kurs-Buchwert-Verhältnis sind Dax und Euro Stoxx 50  von Spitzenniveaus früherer Jahre weit entfernt."

Anleger sollten dennoch vorsichtig sein. Die Flut hebt alle Boote, lautet eine Redewendung. Das gilt auch für die Geldflut der Notenbank, die alle Aktien gleichermaßen steigen lässt. Welche Kursanstiege gerechtfertigt sind, zeigt sich erst später, wenn die Euphorie abebbt und die fundamentalen Unternehmensdaten wieder ins Blickfeld rücken. Anleger sollten schauen, dass sie dann im richtigen Boot sitzen.

Die Wirtschaftsglosse: Unglaublich, was den Dax noch alles weiter antreiben wird!