Sonntag, 21. April 2019

Börsenprofi Carsten Mumm erklärt Wachstumsschwäche? Darum bleibt China auf Kurs

Container und Containerbrücken im chinesischen Qingdao

Im letzten Jahr ist die chinesische Wirtschaft so langsam gewachsen wie seit fast drei Jahrzehnten nicht mehr. So stieg das chinesische Bruttoinlandsprodukt (BIP) im vierten Quartal um "nur" 6,4 Prozent und im Gesamtjahr 2018 um "nur" 6,6 Prozent. Verglichen mit den westlichen Industrienationen sind diese Werte zwar noch immer überragend. So belief sich das deutsche BIP-Wachstum in 2018 auf gerade einmal 1,5 Prozent. Noch 2010 konnte die chinesische Volkswirtschaft aber um 10,6 Prozent zulegen. Seitdem ließ die Konjunkturdynamik kontinuierlich nach. Nähert sich die chinesische Aufholjagd damit dem Ende?

Carsten Mumm
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    Donner & Reuschel
    Carsten Mumm, Chefvolkswirt und Leiter der Kapital-marktanalyse bei der Privatbank Donner & Reuschel.

Nein, vielmehr ist es ganz normal, dass mit einem steigenden Wohlstandsniveau die Wachstumsraten einer Volkswirtschaft abnehmen. Das BIP Chinas hat sich in den letzten zehn Jahren verdreifacht. Absolut ist China aktuell mit gut 14 Billionen US-Dollar Bruttoinlandsprodukt die weltweit zweitgrößte Wirtschaftsnation nach den USA mit knapp über 20 Billionen US-Dollar. In etwa zehn Jahren wird die chinesische Volkswirtschaft die USA eingeholt haben. Der Anteil Chinas am weltweiten kaufkraftbereinigten BIP beträgt schon heute knapp 20 Prozent.

Zwar lässt das chinesische Wirtschaftswachstum sukzessive nach, aufgrund der deutlich gestiegenen Wirtschaftskraft trägt China aber trotzdem den größten Teil zum weltweiten BIP-Wachstum bei. Daher ist es kein Wunder, dass Anleger weltweit nervös reagieren, wenn die chinesische Volkswirtschaft sich abzuschwächen droht. Nimmt die Angst vor einer sogenannten harten Landung der chinesischen Volkswirtschaft - also einer schnellen und deutlichen Wachstumsverlangsamung - Überhand, entstehen an den internationalen Aktienbörsen empfindliche Verluste. Aus diesem Grund gaben die Aktienkurse zuletzt Anfang 2016 deutlich nach. Damals verlor auch der DAX wegen der Bedeutung Chinas als Absatzmarkt 25 Prozent innerhalb von sechs Wochen und hatte damit den schlechtesten Jahresstart seines Bestehens zu verzeichnen.

Chart der Woche | KW05 | China

In 2018 war für das schwächere Wachstum unter anderem der laufende Handelskonflikt mit den USA verantwortlich. Die Bundesbank schätzt die mittelfristigen Folgen der bisher vorgenommenen protektionistischen Maßnahmen für die USA und China auf eine Einbuße des BIP in Höhe von jeweils rund 0,5 Prozent. Sollte der Handelskonflikt weiter eskalieren, wären stärkere Belastungen zu erwarten. Zusätzlich haben Maßnahmen der chinesischen Regierung zur Beschränkung des Schuldenwachstums und zur Regulierung des Schattenbankensystems das Wachstum zuletzt gehemmt. Beide Aspekte sind jedoch Sonderfaktoren, die voraussichtlich nur relativ kurzfristig wirken.

Viel stärker und vor allem systematisch und auf lange Sicht wirkt aber der gewollte und staatlich gelenkte Umbau der chinesischen Volkswirtschaft. Nach Jahrzehnten entwickelt sich China von der billigen Werkbank der Welt mit zweistelligen Wachstumsraten zu einer stärker auf den inländischen Konsum und damit auf den Binnenmarkt fokussierten Ökonomie. Einerseits sorgen gestiegene Lohniveaus dafür, dass lohnintensive Produktionen in andere Staaten der Region oder in ehemalige Sowjetrepubliken verlagert werden. Andererseits stärkt die gestiegene Kaufkraft der chinesischen Bevölkerung die Bildung einer - für chinesische Verhältnisse - relativ wohlhabenden Mittelschicht und damit die Absatzchancen auf dem innerchinesischen Markt.

Dieser ist schon lange so groß und kaufkräftig, dass es China in den letzten Jahren gelang, durch Abschottung von internationalen Märkten die weltweit einzigen nennenswerten Konkurrenten der US-amerikanischen Social-Media- und E-Commerce-Giganten wie Facebook Börsen-Chart zeigen und Amazon Börsen-Chart zeigen entstehen zu lassen.

Für die Zukunft ist eben dieser Binnenmarkt eine wichtige Voraussetzung, um auch in anderen Bereichen deutliche Fortschritte zu erzielen. Erklärtes Ziel der chinesischen Führung ist es, die globale Technologieführerschaft in genau definierten Zukunftsbranchen zu übernehmen. Man verfolgt mit der politischen und wirtschaftlichen Leitlinie "Made in China 2025" klare wertorientierte und auf Zukunftstechnologien bezogene Entwicklungsziele. Dazu gehören strategische Schlüsselindustrien wie Maschinenbau, Energie, Informationstechnologien, Robotik und Medizin.

Der Handelskonflikt fördert letztlich genau diese Entwicklung, offenbart er doch den Nachteil einer großen wirtschaftlichen Abhängigkeit vom Außenhandel im allgemeinen und von den USA im speziellen. Dafür arbeitet die chinesische Regierung aktiv an alternativen Handelsvereinbarungen, etwa im asiatischen Raum. Zudem werden mit der Neuen Seidenstraße über Land und über See verschiedene Transportwege nach Europa und Afrika konsequent erschlossen und ausgebaut.

Damit steigt auch zunehmend der geostrategische Einfluss Chinas, etwa durch die Finanzierung von Tiefseehäfen in Sri Lanka oder Djibouti, die sich die relativ armen Staaten ohne die finanzielle Unterstützung aus dem Ausland kaum hätten leisten können. In Djibouti wurde kürzlich sogar die bisher einzige chinesische Militärbasis außerhalb Chinas eröffnet, nur wenige Kilometer von einem bestehenden US-Stützpunkt entfernt. Schon länger sichert sich China wichtige Rohstoffquellen und Nahrungsmittelressourcen durch direkte Investitionen und die Finanzierung von Infrastrukturprojekten vor allem in Afrika.

Den Weg Chinas zur wirtschaftlichen Weltmacht werden auch die aktuellen Sorgen vor einer stärkeren Abschwächung der Wachstumsdynamik nicht aufhalten. Wie gewohnt reagiert die chinesische Regierung auch in diesem Fall schnell und konsequent mit expansiven fiskalischen Maßnahmen, wie verstärkten öffentlichen Investitionen. Zudem werden regulatorische und Steuererleichterungen umgesetzt, die Investitionen und Konsum ankurbeln sollen.

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Die chinesische Notenbank versorgte das Bankensystem kurzfristig mit der Rekordsumme von über 80 Milliarden Dollar, um die Kreditvergabe nicht ins Stocken geraten zu lassen. Der eigentliche Plan, die seit Jahren massiv ausgeweitete Verschuldung zurückzufahren wurde kurzerhand ausgesetzt. Auf dem anstehenden Volkskongress im März 2019 dürfte das erwartete Wachstum der chinesischen Volkswirtschaft erneut auf 6 bis 6,5 Prozent festgelegt werden. Es ist davon auszugehen, dass die Regierung alles ermöglichen wird, um dieses Ziel auch zu erreichen.

Für den weiteren Aufstieg Chinas ist ebenso wichtig, dass sich das Land langsam aber zunehmend ausländischen Investoren öffnet. So wurde in 2018 der Joint-Venture-Zwang für ausländische Autobauer beendet. Auch der Zugang zu den chinesischen Inlands-Kapitalmärkten dürfte weiter liberalisiert werden, nachdem der Indexanbieter MSCI die sogenannten A-Aktien des chinesischen Festlandes in seine Schwellenländerindizes aufgenommen hat. Nicht zuletzt dürfte die chinesische Regierung das Ziel haben, auch die eigene Währung, den Renmimbi, neben dem US-Dollar und dem Euro in den Status einer Leitwährung zu heben, wofür es ebenfalls liberalisierter Kapitalmärkte und weiterer Reformen bedarf.

International orientierte Anleger werden langfristig nicht an chinesischen Aktien vorbei kommen. In vielen breit diversifizierten Portfolios wird deren Anteil in den kommenden Jahren deutlich zunehmen, wodurch sich allein schon erhebliche Kurschancen ergeben. Traditionell zeichnen sich chinesische Aktienmärkte durch eine vergleichsweise hohe Volatilität aus. Ein Investment dürfte also zwischenzeitlich auch erheblichen Schwankungen unterliegen. Mit einem entsprechend langen Anlagehorizont dürfte es sich aber auszahlen.

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